Mietpreisentwicklung

Händler in Tempelhof-Schöneberg leiden unter Mietenanstieg

Vor allem kleine Händler sind durch steigende Mieten verunsichert. Wenn diese gehen, ginge Lebensqualität verloren, sagen Experten. 

In der Potsdamer Straße in Schöneberg reihen sich Geschäfte und Imbisse dicht an dicht.  

In der Potsdamer Straße in Schöneberg reihen sich Geschäfte und Imbisse dicht an dicht.  

Foto: Jörg Krauthöfer / FUNKE Foto Services

Berlin. Von steigenden Mieten sind auch Gewerbetreibende zunehmend betroffen. In vielen Straßen verschwindet der Bäcker oder Frisör aus der Fußgängerzone. Nachbarn fühlen sich zudem von Lärm durch Handwerksbetriebe gestört.

Der Druck auf das Gewerbe ist also hoch. Aber nicht überall steigen die Mieten gleich stark und schnell. In Tempelhof-Schöneberg verunsichert die Entwicklung aber zunehmend die Einzelhändler. Bei einem Podiumsgespräch mit Vertretern aus Bezirk, Senat und Wirtschaft wurde das Thema am Donnerstagabend aufgriffen. Mit „Gewerbemieten – Wohin geht die Reise?“ war die Gesprächsrunde überschrieben.

Der Bezirk Tempelhof-Schöneberg ist stark von der gewerblichen Branche geprägt. In Schöneberg lassen sich kiezbezogene Mietsteigerungen gut beobachten: Im nördlichen Teil der Potsdamer Straße, die im Fokus der Diskussionsrunde stand, sind die Gewerbemieten rund um die Bülowstraße deutlich gestiegen. Durchschnittlich von 15 auf 20 Euro pro Quadratmeter bei größeren Flächen zwischen 300 und 500 Quadratmetern, berichtet Nicolas Jeissing. Für manchen Einzelhändler kann das schon zu viel sein.

Schöneberg: In der Potsdamer Straße entwickeln sich Mietpreise unterschiedlich

Der geschäftsführende Gesellschafter von Engel & Völkers Commercial Berlin, einem Vermittlungsunternehmen für Gewerbeimmobilien, spricht von einer „positiven Veränderung für den Kiez“. Schließlich würden beispielsweise die vielen dort ansiedelnden Galeristen das Viertel aufwerten. Im Süden der Potsdamer Straße hätten sich die Mieten mit einem Anstieg von 10 auf 12,50 Euro hingegen kaum verändert, so Jeissing. Bei den meisten Kiezen in B-Lage würden sich die Mieten weniger hoch entwickeln als beim Schöneberger Beispiel. Für dramatisch hält Jeissing die Situation deshalb aber noch nicht.

Verdrängungsbedingt sei der Bedarf an Gewerbeflächen in Tempelhof-Schöneberg groß bei den Handwerksbetrieben wie Frisören, die sich gut in das Stadtleben integrieren lassen, und bei Handwerksbetrieben wie Tischlereien oder Betrieben des Bau- und Ausbauhandwerks, die vor allem in entsprechenden Industriegebieten untergebracht werden müssen. Flächengesuche erfasse man im Bezirk zwar nicht, berichtet Bezirksbürgermeisterin Angelika Schöttler (SPD), zuständig für den Bereich Wirtschaftsförderung. Aber verunsicherte Betriebe kämen immer häufiger auf den Bezirk zu. Im vergangenen Jahr seien es 49 gewesen.

Zahl der in Tempelhof-Schöneberg ansässigen Handwerker sinkt

50 Prozent des Handwerks in Tempelhof-Schöneberg findet im Bauhaupt- und Ausbaugewerbe statt. Dazu zählen Berufsgruppen wie Maurer und Betonbauer, Zimmerer oder Dachdecker beziehungsweise Elektrotechniker, Installateure oder Maler. Sieht man sich die Zahl der Betriebe im Bezirk an, ist eine deutliche Abwärtstendenz erkennbar. Im Ausbaugewerbe ist die Zahl von 672 ansässigen Betrieben im Jahr 2011 auf 645 im Jahr 2019 gesunken. Ähnlich sind die Entwicklungen auch bei anderen Gewerken. „Mit jedem zusätzlichen Unternehmen, das den Bezirk verlässt, verlieren wir einen wichtigen Arbeitgeber und Ausbildungsbetrieb“, gibt Schöttler zu bedenken. Insgesamt sind laut der Handwerkskammer Berlin derzeit 3096 Handwerksbetriebe in Tempelhof-Schöneberg registriert, 30.543 sind es berlinweit.

Das Problem ist aber weitreichender. Handwerksbetriebe sind dringend erforderlich für den Wohnungsbau. Wandern diese ab, etwa ins Berliner Umland, habe das negative Konsequenzen für das Vorankommen von Bauprojekten. Der Baubereich sei bereits mit Blick auf den Mietendeckel sehr verunsichert, sagt Constantin Terton, Abteilungsleiter für Wirtschaftspolitik bei der Handwerkskammer Berlin. „Die Konjunktur verliert an Schwung“, sagt Terton. Und das obwohl die Ausgangslage gut sei.

Wohnen und Handwerk lasse sich gut miteinander vereinbaren

Mit Blick auf das schwindende Platzangebot wünsche sich Schöttler, dass bei Neubauprojekten auch immer – so wie es auch der Berliner Senat fordert – auch Gewerbeflächen eingeplant werden. Noch besser wäre eine Handwerkermeile nach dem Vorbild Hamburgs oder Münchens. Gewerbe und Wohnen nebeneinander lasse sich heute prima miteinander verbinden, findet auch Constantin Terton. „Wir brauchen eine Berliner Mischung 2.0, die beides besser in Einklang bringt.“ Die Zeit der „qualmenden Schornsteine und fließenden Brühen“ sei längst vorbei.

Man könne aber unmöglich von einem berlinweiten Phänomen sprechen, meint Nicolas Jeissing. In der Friedrichstraße, nennt er ein Beispiel, habe man sogar mit Leerstand zu kämpfen. Die durchschnittliche Steigerung bei den Berliner Gewerbemieten spreche dennoch eine offensichtliche Sprache: Im Durchschnitt seien die Mieten um gut 65 Prozent gestiegen. Am Kurfürstendamm in Charlottenburg etwa um 50 Prozent, am Alexanderplatz sogar um 100 Prozent. In der Turmstraße in Moabit oder der Frankfurter Allee im Friedrichshain seien die Mieten hingegen gesunken. Das Problem der steigenden Gewerbemieten bestehe aus Jeissings Sicht also nur in ausgewählten Lagen, sogenannten 1A-Lagen.

Büronutzer machen den Gewerbetreibenden Flächenkonkurrenz

Der neue Konkurrent des Einzelhändlers heiße Büronutzer, sagt Jeissing, die nicht selten wegen der großen Nachfrage auch auf Gewerbeimmobilien, etwa Ladengeschäfte, ausweichen. Im vergangenen Jahr seien in Berlin gut 25.000 neue sozialversicherungspflichtige Bürojobs dazu gekommen. Jeissings Prognose nach steigt diese Zahl in den nächsten beiden Jahren kontinuierlich weiter. Sie alle brauchen einen Arbeitsplatz – und das möglichst in attraktiver, zentrumsnaher Lage. Für kleine und mittelständische Betriebe und Einzelhändler ist der dadurch entstehende Mietpreisdruck oft nicht mehr zu stemmen. Für Büroflächen lägen die Spitzenmieten inzwischen bei 38 Euro pro Quadratmeter, berichtet Jeissing. Selbst in der Potsdamer Straße sei man bei 28 Euro. Zum Vergleich: 2010 war man dort noch bei etwa 12,50 Euro.

Ein Schwenk zum Ullsteinhaus am Tempelhofer Damm.

Das rote Backsteinhaus ist nach dem Verkauf an die Samwer Brüder zum Paradebeispiel für einen Büro-Campus geworden. Eingemietet haben sich dort unter anderem das Land Berlin, das Pharmaunternehmen Dr. Kade oder Bosch Software Innovations. Ein Mix aus Start-ups und bewährten Unternehmen. Gut 3000 Menschen arbeiten dort. Zu den Mietpreisen, die im Haus veranschlagt werden, will sich Felix Fessard von der Augustus Management & Architecture GmbH, die das historische Gebäude verwaltet, nicht konkret äußern. Je nach Fläche, Laufzeit des Mietvertrags und Ausbaustandard würde der Quadratmeterpreis variieren, insgesamt aber unter dem aktuellen Marktpreis liegen, so Fessard. Er ist davon überzeugt, dass „die Wiederbelebung der ungenutzten Flächen“ im Haus zur Entspannung auf dem Gewerbemietmarkt beitragen würde.

Senator Behrendt (Grüne): Der Handlungsdruck ist groß

Dass eine Gewerbemietpreisbremse nötig sein könnte, halten nicht alle Experten für nötig. Eine Regulierung der Gewerbemieten in Form einer Bundesratsinitiative zur Gewerbemietpreisbremse – vor allem um kleine Betriebe vor übermäßigen Mietsteigerungen zu schützen – hatte der Berliner Senat im vergangenen Sommer erstmalig gefordert. Der Antrag war auf Vorschlag von SPD, Linken und Grünen beschlossen worden. Nach dem österreichischen Vorbild sollen sich Gewerbemieten an den umliegenden Mietpreisen eines Quartiers orientieren. Eine politische Mehrheit hat der Vorschlag bislang nicht. Gegenüber der Bundesregierung habe man die Idee bewusst zunächst offen gehalten, sagt Dirk Behrendt (Grüne), Senator für Justiz, Verbraucherschutz und Antidiskriminierung, der die Initiative am Donnerstagabend vertrat. Behrendt schwebt vor, eine kiezbezogene Gewerbemietpreisbremse einzuführen. Eben da, wo sie benötigt wird. Im Zuge der Bundesratsinitiative werden Erhebungen zur Gewerbemietentwicklung eingeholt.

Die Veranstaltung am Donnerstag und der Austausch mit Händlern habe ihm bestätigt, dass der Handlungsdruck groß sei, sagt Behrendt. Der Flächenkonkurrenz in zentralen Berliner Stadtgebieten wachse. Bedingt auch durch Wohnungsbauprogramme. Seit 120 Jahren sei das Bürgerliche Gesetzbuch nicht angepasst worden. Bei Gewerbemieten gebe es bislang keinerlei Regulierung. Dies müsse nachgeholt werden, um hohe Mieten aus den Wohnkiezen herauszuhalten, sagt Behrendt. Die Misch-Viertel aus wohnen und arbeiten, müssten unbedingt erhalten werden, so der Senator. „So bleiben die Wohn-Kieze lebenswert.“ Aufgefallen sei dem Senator die häufig mietbedingte Verdrängung vor allem in seinem Wohnbezirk Kreuzberg. Meldungen über rasant steigende Gewerbemieten erreichten ihn auch aus anderen Bezirken.