Sex-Kitsch

"Heiße Ware" aus Beate-Uhse-Museum versteigert

In Berlin-Tempelhof ist der Bestand des Beate-Uhse-Museums versteigert worden. Sammler und Laien sorgten für Riesenumsätze.

Lustiges Durcheinander aus vielen Jahrhunderten. Die Vitrinen und Wände im Auktionshaus zeigen Ware, die im Zwölftonner geliefert worden war.

Lustiges Durcheinander aus vielen Jahrhunderten. Die Vitrinen und Wände im Auktionshaus zeigen Ware, die im Zwölftonner geliefert worden war.

Foto: Patrick Goldstein

Berlin.  „Hier bieten heute eine Menge Liebhaber mit“, raunt uns ein Mann aus dem Publikum zu. Und weil es an diesem Sonnabendvormittag um Objekte aus einem Erotikmuseum geht, präzisiert er ordnungshalber: „Also, ich meine: Kunst-Liebhaber.“ Zur Versteigerung stehen im Auktionshaus Historia an der Tempelhofer Manteuffelstraße unmissverständliche Figuren, Malerei und Zeichnungen, die nur wenig Raum für Fantasie lassen, sowie Gerätschaften aus edlen Hölzern, die aussehen wie Sex-Spielzeug – oder Stichwaffen – aus dem Mittelalter. Im Foyer steht die Plastik eines nackt ausgestreckten Fabelwesens, sichtlich im Zustand höchster Erregung, von satten 193 Zentimetern Höhe und aus einem Gips-Holzmehl-Mix gegossen. „Wie soll man denn den bloß abtransportieren?“, flüstert im Publikum unser Nachbar, ein 73-jähriger Tempelhofer, der als Händler da ist.

Die Stücke haben Vorgeschichte. „Beate Uhse hatte immer den Traum, ein Museum zu eröffnen“, sagt ihr Kurator Hans-Jürgen Döpp (80). Die Unternehmerin galt in der prüden bundesdeutschen Nachkriegszeit mit ihrem ersten Sexshop der Welt als Tabubrecherin, wurde feministisches Vorbild, Bundesverdienstkreuzträgerin. Zuletzt brachte sie ihren Konzern sogar an die Börse.

Der Ex-Kurator ist ein Senior mit gepflegtem Dandy-Bart

Weil sie für ihr Museum dummerweise 120 Kisten Material gekauft hatte, das sich als „Fake“ herausstellte, wie Döpp am Sonnabend erzählt, musste schnell Ersatz her. Der Sammler erhielt den Job und kaufte eilig weltweit für kolportierte 3,6 Millionen D-Mark das, was an diesem Sonnabend zum Verkauf steht. „Komplette Sammlungen aus China und Japan zum Beispiel“, sagt der zierliche Senior mit dem gepflegten Dandy-Bart. „Geld spielte keine Rolle“, erinnert er sich.

Als ob das noch immer gelte, gehen die Stücke im Auktionshaus zu rasant steigenden Preisen weg, als träte am nächsten Tag eine Art Porno-Prohibition in Kraft. Im Vergleich zu den gut 3000 Teilnehmern am Telefon und im Internet sind die gut 150 Bietenden im Saal allerdings eher zurückhaltend. Es sind mehrheitlich Menschen ab 50 Jahren, Männer und Frauen. Und, wie in Berlin nicht anders zu erwarten: knauserig oder knapp bei Kasse. „Wahnsinnig teuer“, sagt ein 60-jähriger Kreuzberger mit wissenschaftlichem Beruf und Hosenträgern. Er hatte eben zaghaft sein Teilnehmer-Kärtchen zum Gebot gehoben, war aber im Nu von einem Konkurrenten ausgestochen worden, der via Telefon aus Italien zugeschaltet ist.

Michael Lehrberger, 56 Jahre alter Auktionator mit jugendlich blondem Kurzhaarschnitt, der dem Publikum eingangs schon sein niederbayrisches Temperament angekündigt hatte, treibt die Bieter an. „Die nächste Reihe heißt ,Orgiendarstellungen’“, sagt er mit mächtig rollendem ,R’. „Da können Sie noch ‘was lernen, meine Damen und Herren.“ Auf einem der hinteren Plätze sitzt Thomas Möhlenpage und macht Aufnahmen mit dem Handy. Am Morgen aus Hamburg gekommen, ist der 54-Jährige im Auftrag des Insolvenzverwalters dabei. Denn nach der Pleite von Beate Uhses Unternehmen müssen aus dem Nachlass der 2001 Verstorbenen noch Gläubiger bezahlt werden. Ihr 1995 am Bahnhof Zoo eröffnetes Museum, dessen Ausstellungsstücke selbst das Hauptstadtportal berlin.de bejubelte („Zum Betrachten, Lernen, Spaß haben und Mitmachen“), schloss im September 2014.

Auf die Ausstellungsstücke stieß Möhlenpage im Lager einer Glücksburger Möbelspedition an der Flensburger Förde. Für den Transport nach Berlin brauchte es einen Zwölftonner. Auktionshaus-Co-Chef Christian Gründel (47) schaut am Saalrand nun ein bisschen ungläubig zu, wie die Ware im 30-Sekunden-Takt Absatz findet. Er hat schon Pierre „Winnetou“ Brices Nachlass versteigert, wo selbst ein Eierbecher wegging „als sei es ein Heiliger Gral“. Was heute die Preise treibe, sei nicht der künstlerische Wert der Stücke. In der Sammlung sei gewiss „nicht alles gut“. Was zähle, sei die Herkunft: das Beate-Uhse-Museum. Lange bevor die Auktion zu Ende geht, sagt Gründel daher, dass er sein Einnahmeziel wohl erreichen wird: eine halbe Million Euro.