Recycling

Tempelhof-Schöneberg wühlt im eigenen Müll

Wer verursacht wieviel Müll? Wie kann man Abfall besser recyceln? Der Bezirk lässt sieben und forschen - auch um Kosten zu sparen.

Bezirksstadtrat Oliver Schworck (r.) lässt sich vom Sortierleiter Sven Kränkel die Müllanalyse erklären.

Bezirksstadtrat Oliver Schworck (r.) lässt sich vom Sortierleiter Sven Kränkel die Müllanalyse erklären.

Foto: Sergej Glanze / FUNKE Foto Services

Mit wissenschaftlicher Unterstützung nimmt der Bezirk Tempelhof-Schöneberg seinen Abfall unter die Lupe. Im Rahmen eines Kooperationsprojekts mit der Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin (HWR) wird bereits in einem zweiten Durchgang exemplarisch der Restmüll bezirklicher Liegenschaften und Schulen analysiert. Ein erster Befund hat gezeigt: Im Restmüll landet viel Biomüll, der dort nicht hingehört.

In einem Garagenkomplex in der Tempelhofer Gottlieb-Dunkel-Straße wurde in dieser Woche an drei Tagen Abfall gesiebt und sortiert. Mitarbeiter des eigens dafür beauftragten Ingenieurbüros Argus Statistik sortierten dort Restmüll nach seiner Zusammensetzung. Denn im Restmüll, also in der schwarzen Tonne, landet vieles, was dort nicht hineingehört. Nur Materialien, die wirklich nicht recycelbar sind, kommen in den Rest- oder Hausmüll.

Untersucht wurde nun in einem zweiten Durchgang der Abfall von zwei Bezirksgebäuden und vier Schulen, der in zwei bis sieben Tagen zusammengekommen ist. Die sechs angefahrenen Adressen zusammengerechnet, wurden in dieser Woche insgesamt 958 Kilogramm Abfall analysiert – per Hand. Geklärt werden soll: Wie sorgfältig trennen die Menschen nach den unterschiedlichen Abfallarten? Und welche Mengen werden dabei produziert? Ein erster Durchgang im Oktober vergangenen Jahres hat gezeigt, dass vor allem recycelbarer Bioabfall fälschlicherweise im Restmüll landet.

Tempelhof-Schöneberg: In Schulen und Büros fehlt die braune Biotonne

In den Dienstgebäuden setzte sich der Restmüll zu 26 Prozent aus Biomüll zusammen. Man spricht dabei von „Fehlwürfen“. Hinzu kommen sonstige organische Stoffe, Papier und Pappe, Kunststoffe, Metalle, Textilien, Holz, Keramik und Glas. Zu finden waren aber auch problematische, weil schadstoffbelastete Dinge wie Batterien oder Altmedikamente.

Beim Sophie-Scholl-Gymnasium in Schöneberg, einer der vier Schulen, die Teil des Tests sind, wurden sogar 37 Prozent Bioabfall im Restmüll entdeckt. Das liegt vor allem daran, dass weder in den bezirklichen Liegenschaften noch in den Schulen eine Biotonne (braun) überhaupt bereitsteht und auch in den Büro- beziehungsweise Klassenräumen keine getrennten Behälter dafür zur Verfügung stehen. Das soll nun nachgeholt werden.

Mehr Aufklärung für korrekte Trennung notwendig

Und so lautet auch die Empfehlung des HWR-Teams: Alles in die Restmülltonne zu werfen, ist zum einen wenig umweltfreundlich. Zum anderen verursacht es Mehrkosten, denn die Abholung der schwarzen Tonne ist am teuersten. Deshalb lautet der Rat ganz klar: Biotonne aufstellen, so Gregor Neubauer von der HWR.

Im Restmüll ist der eigentlich kostbare Biomüll „verloren“ und lässt sich nicht wieder herausfiltern und beispielsweise zu Biogas verarbeiten, erklärt Sven Kränkel, Sortierleiter bei Argus Statistik. Beim Sortieren von Abfall zeigt sich ihm wieder ein ähnliches Bild: „Viele Menschen verstehen noch immer nicht, welcher Müll in welche Tonne gehört.“

Was gehört in welche Tonne?

Schwarze Tonne (Haus- oder Restmüll): Windeln, Geschirr, Keramik, Katzen-/Kleintierstreu, Hygieneartikel (Windeln, Taschentücher, Binden usw.), Glühlampen, Fotos, Asche

Gelbe oder orangefarbene Wertstofftonne: Verpackungen, Kunststoffe, Plastiktüten, Folien, Schaumstoffe, Getränke- und Konservendosen, Getränkekartons, Metall, Verbundstoffe

Blaue Tonne: Papier, Pappe

Biotonne (brauner Deckel): Essensreste, alte Lebensmittel, Kaffeesatz, Tee, Blumen

Glastonne oder -container (Weiß- und Braun-Glas): Glas, Gläser

Der Bezirk Tempelhof-Schöneberg, genauer das Umwelt- und Naturschutzamt, begleitet Masterstudenten des Studiengangs Nachhaltigkeits- und Qualitätsmanagement bei diesem Projekt. Sie sollen mit den Daten aus der Müllanalyse am Ende eine Strategie zur Abfallvermeidung und zu konsequenterem Recycling entwickeln.

Mehr Aufklärung in Sachen Abfalltrennung

Warum noch immer so oft falsch getrennt wird, kann verschiedene Gründe haben, sagt Gregor Neubauer. Ein Ansatzpunkt des Teams sei das Reinigungspersonal in Schulen und Amt. Auch wenn die Mitarbeiter richtig trennen: Manchmal werfen Reinigungsmitarbeiter dann doch alles wieder in eine Tonne, berichtet Neubauer. Ein erster Ansatz ist also Kommunikation und Aufklärung.

Das gilt auch für die bezirklichen Mitarbeiter selbst und die Schüler. Denn auch hier gibt es Nachholbedarf. Die Müllanalyse hat gezeigt, dass gerade in den vier getesteten Schulen besonders schlecht getrennt wird. Im Sophie-Scholl-Gymnasium hat man sogleich reagiert und unterschiedlich gefärbte Müllbehälter für die verschiedenen Abfallarten Restmüll, Biomüll, Pappe/Papier und Plastik aufgestellt.

Abfall trennen: Bezirk könnte bis zu 15 Prozent Kosten einsparen

Auch für den Bezirk ergibt sich daraus klar Handlungsbedarf: „Der Bezirk muss besser kontrollieren, dass richtig getrennt und entsorgt wird“, sagt Thomas Kossick, Leiter des Umwelt- und Naturschutzamts. Voraussetzung dafür sei die Einführung der Biotonne. Der Bezirk erhofft sich davon zudem eine Kostenersparnis. Im Jahr 2018 betrugen die Kosten für die Abfallentsorgung allein bei den bezirklichen Schulen gut 140.000 Euro. Sowohl bei den Schulen als auch bei den bezirklichen Dienstgebäuden wird ein Einsparpotenzial von 15 Prozent prognostiziert.

Bezirksstadtrat Oliver Schworck (SPD) nimmt das Thema ernst. Wie viel Abfall produziert und wie er getrennt wird, ist Teil der Etablierung der Nachhaltigkeitsstrategie im Bezirk. Damit habe man bereits im Jahr 2017 begonnen. Ein Projekt zum Thema Nachhaltigkeit habe vor drei Jahren ein eher ernüchterndes Ergebnis gebracht. In der Folge wurde 2018 der Klimaschutzbeauftragte eingeführt.

Die neuen Daten aus der Müllanalyse sollen eine Grundlage dafür bieten, wie man sich einem nachhaltigen und umweltschonenden Verhalten in der behördlichen Arbeit konkret nähern will. „Auch die öffentliche Hand hat diese Aufgabe“, so Schworck. „Wir liefern nach dem Abschluss der Sortierung die Zusammensetzung der Abfälle und das Pro-Kopf-Aufkommen in den Schulen und Dienstgebäuden“, ergänzt Susanne Wüst, Projektleiterin bei Argus Statistik.