Verkehr

Gartenstadt-Anwohner starten zweite Einwohnerversammlung

Anwohner fordern vom Bezirk Tempelhof-Schöneberg eine schnelle Lösung, um den Verkehr aus der Wohnsiedlung Neu-Tempelhof fernzuhalten.

Ein Zettel in der Manfred-von-Richthofen-Straße in der Gartenstadt Neu-Tempelhof weist auf die Einwohnerversammlung am 9. Januar hin.

Ein Zettel in der Manfred-von-Richthofen-Straße in der Gartenstadt Neu-Tempelhof weist auf die Einwohnerversammlung am 9. Januar hin.

Foto: Sven Darmer

Wenn der nördliche Tempelhofer Damm mal wieder vom Verkehr verstopft ist, nutzen viele Autofahrer die Umfahrung über die Manfred-von-Richthofen-Straße in der sogenannten Gartenstadt Neu-Tempelhof. Eine Anwohnerinitiative fordert vom Bezirk, das 2018 beschlossene Verkehrsberuhigungskonzept mit Sofortmaßnahmen, etwa durch das Aufstellen von Pollern, umzusetzen und Fahrzeuge so aus der Wohnsiedlung fernzuhalten. Am 9. Januar hat sie aus diesem Grund erneut zu einer Einwohnerversammlung ins Rathaus Schöneberg eingeladen.

Die Rolle des Autos verändert sich. Und gerade in Wohnvierteln werden die Stimmen lauter, die sich gegen den dadurch verursachten Dreck und Lärm zur Wehr setzen. Vor fast zwei Jahren hatte die Bürgerinitiative bereits Maßnahmen zur Verkehrsberuhigung in der Gartenstadt gefordert. Im Mai 2018 formulierten die Bürger schon einmal in einer Versammlung ihren Wunsch nach sofortigen Maßnahmen zur Beruhigung der Situation.

Bezirksstadträtin Heiß (Grüne) würde Poller-Lösung ausbremsen

Die Bezirksverordnetenversammlung Tempelhof-Schöneberg hatte das gewünschte Verkehrskonzept in seinen Fachausschüssen besprochen und im Anschluss im Bezirksparlament einstimmig beschlossen. Doch passiert ist seither nicht genug, findet Ulli Kulke, Anwohner der Gartenstadt und Initiator der zweiten Einwohnerversammlung. Aus seiner Sicht erfordert die Situation sofortiges Handeln durch Aufstellen von Pollern. Sofortmaßnahmen würden allerdings durch Bezirksstadträtin Christiane Heiß (Grüne) ausgebremst, meint er.

Das Siedlungsgebiet zwischen Tempelhofer-Damm und

Manfred-von Richthofen-Straße wurde zwar durch ein Einbahnstraßensystem inzwischen entlastet. Besonders schwerwiegend sei das Verkehrsaufkommen während der Stoßzeiten aber auf der Manfred-von-Richthofen-Straße selbst, die eine Hauptverkehrsachse der Siedlung ist.

Zwischen der Autobahnzufahrt Tempelhofer Damm und dem Platz der Luftbrücke komme es täglich zu Staus, die Autofahrer durch die Umfahrung über die Gartenstadt zu umgehen versuchen. Gerade für Schulkinder und Radfahrer stelle das dadurch erhöhte Verkehrsaufkommen in der Manfred-von-Richthofen-Straße eine Gefahr dar, sagt Ulli Kulke.

Manfred-von-Richthofen-Straße als „Überholspur“ genutzt

Die Straße diene im Pendlerverkehr als „große Überholspur“, wie Kulke es nennt. Durch ihre Halbkreis-Form können Autofahrer einen Teil des Tempelhofer Damms umfahren, bevor sie erneut darauf geführt werden. Ulli Kulke argumentiert, der südliche Teil der Manfred-von-Richthofen-Straße sei aber eine Nebenstraße, ein Teil davon wiederum eine Radverkehrsstraße, und müsse deshalb vom Individualverkehr befreit werden.

Der nördliche Teil der Manfred-von-Richthofen-Straße allerdings ist als Ergänzungsstraße einzuordnen, die zur Anbindung an das Wohngebiet dient. Für diesen Teil der Straße erhofft sich Stadträtin Christiane Heiß (Grüne) eine Erleichterung, sobald die Umbauarbeiten am Platz der Luftbrücke in 2020 beginnen. Durch den Umbau werde es am Nordende der Manfred-von-Richthofen-Straße zu einer Verkehrsberuhigung kommen, sagt die Stadträtin für den Bereich Straßen- und Grünflächenamt.

Stadträtin Heiß will Gesamtkonzept für Gartenstadt Neu-Tempelhof

Im Zuge dieser Umgestaltung soll unter anderem die Fläche zwischen Dudenstraße und Manfred-von-Richthofen-Straße neu gestaltet werden. An der Einmündung der Manfred-von-Richthofen-Straße soll eine Verkehrsinsel entstehen und die Straßenbreite verringert werden, berichtet Heiß. „Das macht diesen Schleichweg weniger attraktiv“, ist sie sich sicher.

Sie halte weiter daran fest, für das gesamte Gebiet Gartenstadt Neu-Tempelhof zunächst ein Gesamtkonzept in Auftrag zu geben, das die Anforderungen durch den Verkehr im gesamten Tempelhofer Norden berücksichtigt. Zudem müsse man alle Vertreter öffentlicher Belange wie Polizei und Feuerwehr anhören. „Es handelt sich um öffentlichen Raum und dort müssen alle Belange berücksichtigt werden“, so Heiß. Auf der Einwohnerversammlung werde sie dazu weitere Ausführungen machen, so die Stadträtin.

Grünen-Fraktionsvorsitzender Penk ebenfalls für Machbarkeitsstudie

Unterstützung erfährt Christiane Heiß aus der eigenen Partei. Auch Rainer Penk, Fraktionsvorsitzender der Grünen in Tempelhof-Schöneberg, plädiert dafür, zunächst eine Machbarkeitsstudie zu erstellen. Natürlich sei man in seiner Fraktion für Verkehrsberuhigung, sagt er. Man müsse sich aber stets fragen, wo der Verkehr stattdessen hingeleitet werden soll. „Auch andere Straßen haben eine Schutzfunktion. Ich kann nicht einfach sagen: ist mir egal!“ Penk erhoffe sich, dass nach der Einwohnerversammlung, zu der sich auch etliche Bezirksverordnete aus Tempelhof-Schöneberg sowie Vertreter von Polizei und Feuerwehr angekündigt haben, regelmäßige Gespräche mit den Anwohnern angeregt werden.

Karsten Franck (AfD), Vorsitzender des Verkehrsausschusses Tempelhof-Schöneberg, findet es bedauerlich, dass der Bezirk bislang noch kein eigenes Verkehrskonzept vorgelegt hat. Die Maßnahmen des Bezirksamt, die Siedlung tatsächlich vom Verkehr zu entlasten, seien bisher am politischen Willen gescheitert, sagt Franck. Als Anwohner der Gartenstraße kennt er die Verkehrssituation und sagt: „Es ist eine Katastrophe!“

Anwohner wollen schnelle Lösung, kein Planungsverfahren

„Machbarkeitsstudien und Planungsverfahren, die nur Zeit und Geld kosten“, halten die Anwohner laut Ulli Kulke für unnötig. Diese würden ein Vorankommen in der Angelegenheit erheblich verzögern. Der Bürgerinitiative schwebt eine schnelle Lösung durch Poller vor, die den Fußgänger- und Radverkehr hindurch lassen, den Autoverkehr aber herausfiltern.

Ein Hauptargument Kulkes gegen vorherige Planungen: Der Blick in andere Bezirke. Im Samariter-Viertel in Friedrichshain und im Wrangelkiez in Kreuzberg haben Bürgerinitiativen bewirkt, dass versenkbare Poller aufgestellt wurden. Dort hat man zwar auch zum Teil zwei Jahre kämpfen müssen, aber sie kamen – und zwar ohne eine Studie. Autos und Lkw bleiben so aus den Vierteln weg, Fußgänger, Fahrradfahrer und Rollerfahrer bleiben unbehelligt.

Götz-Geene (SPD): „Unnötig kompliziert“

Christoph Götz-Geene (SPD), Bezirksverordneter in Tempelhof-Schöneberg, hatte in einer mündlichen Anfrage aus dem Oktober vergangenen Jahres erfragt, woher der Bezirk die Gelder für eine Machbarkeitsstudie nehmen wolle und was diese koste. Laut Stadträtin Heiß müsse man mit etwa 30.000 bis 40.000 Euro rechnen.

Für ihn sei unklar, warum man eine Lösung mit Pollern in Friedrichshain-Kreuzberg ganz ohne Studie, sondern durch die Bezirksmitarbeiter treffen konnte und in Tempelhof-Schöneberg eine externe Firma dafür beauftragt werden müsse. Er sagt, Stadträtin Heiß gestalte das Ganze „unnötig kompliziert“.

In seiner Fraktion unterstütze man die Anwohner weiterhin dabei, eine schnelle Lösung zu erreichen. „Das sind Verkehrsströme, die da nicht hingehören“, so Götz-Geene. Zudem sei Eile geboten, denn ab 2022 werde der nördliche Teil des Tempelhofer Damms drei Jahre lang umgebaut, was die Situation in der Siedlung zusätzlich belasten könne.

Die Einwohnerversammlung zur Verkehrsberuhigung ist für jeden offen: 9. Januar, 18.30 Uhr, Großer Plenarsaal im Rathaus Schöneberg