Potse & Drugstore

Jugendzentrum Potse steht vor Räumungsprozess

Die Mitglieder wollen die gekündigten Räume erst bei adäquatem Ersatz verlassen - die hat der Bezirk bislang nicht gefunden.

Die Jugendzentren Potse & Drugstore verloren ihre Räume in der Potsdamer Straße 180. 

Die Jugendzentren Potse & Drugstore verloren ihre Räume in der Potsdamer Straße 180. 

Foto: Gudrun Mallwitz

Vor knapp einem Jahr kündigte der Bezirk Tempelhof-Schöneberg den Nutzungsvertrag mit den beiden Jugendeinrichtungen Potse und Drugstore. Grund: Mietsteigerung. Bisher ist nur das Drugstore-Kollektiv aus den Räumen an der Potsdamer Straße 180 ausgezogen. Unterstützer vom Potse e. V. hingegen halten sich noch immer in den Räumen auf, für die der Vertrag Ende 2018 auslief. Der Bezirk hat nun einen Räumungsprozess angestrengt, der am 8. Januar am Landgericht verhandelt wird.

Die Situation ist angespannt. Das Potse-Kollektiv will die Räume, die es mehr als 40 Jahre als Jugendzentrum geführt hat, nicht verlassen, solange keine adäquate Alternative gefunden ist, sagt Jasmin von Potse e. V. Und was adäquat bedeutet, dabei gehen die Vorstellungen der Kollektive und die des Bezirks auseinander.

Potse und Drugstore: Anmietung der Potsdamer Straße kam kurzerhand nicht zustande

Die Räume an der Potsdamer Straße 140 wären perfekt gewesen, sagt Soso vom Drugstore. Die Anmietung für die Jugendzentren kam aber dann kurzerhand doch nicht zustande, weil die Räume für die Verwaltung gebraucht werden. Eine geeignete Immobilie zu finden, erweist sich als schwierig. Die Kollektive bieten ein vielfältiges Programm. Neben Platz für Workshops und AGs konnten beide stets Räume für Veranstaltungen und vor allem Konzerte anbieten.

Fast jedes Wochenende gibt es ein Konzert. Räume, in denen sie diese „laute“ Nutzung fortsetzen können, kann ihnen der Bezirk bislang aber derzeit nicht anbieten. Viele Vermieter hätten kein Interesse daran, die Jugendlichen aufzunehmen, sagt Bezirksstadtrat Oliver Schworck (SPD). Ein Arrangement mit dem Veranstaltungsort „Musik und Frieden“ in Kreuzberg hätten die Jugendlichen bisher kaum in Anspruch genommen, sagt Schworck. Dort sind aber maximal zwölf Konzerte im Jahr für beide Kollektive möglich, berichtet Soso.

Potse und Drugstore: Räume für Bandproben in Tempelhof gefunden

Für Bandproben seien Räume in Tempelhof gefunden. Für die Nutzung der Pirate Studios sei eine Vereinbarung abgeschlossen worden, so Schworck. „Die Bands sind super erleichtert, wieder Räume zum Proben zu haben“, sagt Soso. Für die „leise“ Nutzung hat der Bezirk etwas an der Potsdamer Straße 134 angemietet. Nutzen können die Jugendlichen die Räume aber frühestens in ein paar Monaten. Noch werde saniert. Die Kollektive bemängeln, dass sich ihre Arbeit auf drei Standorte verteile.

Die Situation droht brenzlig zu werden. Gespräche zwischen Poste und dem Bezirksamt liegen derzeit auf Eis. Potse e. V. beharrt darauf, seine einstigen Räume erst abzugeben, wenn eine wirkliche Lösung gefunden ist. In einer mündlichen Anfrage hat Martin Rutsch, Bezirksverordneter der Linksfraktion in Tempelhof-Schöneberg, in der Bezirksverordnetenversammlung am Mittwochabend versucht abzuklopfen, welche Folgen der Räumungsprozess und die Räumung durch die Polizei für die Jugendzentren haben könnte. Ein Prognose könne er nicht treffen, so Oliver Schworck.

Jugendamt suche weiter intensiv nach Räumen

Der Bezirk sei durchaus an einem Vergleich interessiert, so der Stadtrat. Er stellte auch klar, dass das Verhalten von Potse bei den Verhandlungen „nicht förderlich“ sei. Das Jugendamt schaue sich zudem wöchentlich neue Räume an. „Wir lassen nicht nach“, versprach Schworck am Mittwoch. Etwas später hatten Jugendliche die Sitzung für eine Protestaktion unterbrochen. Mit Transparenten demonstrierten sie gegen Verdrängung. Die Polizei löste die Aktion auf.

Richtig gut finden, würden die beiden Jugendzentren, wenn sie den die meiste Zeit des Jahres leer stehenden Hochbunker an der Pallasstraße 28 in Schöneberg nutzen könnten. Ein Nutzungskonzept existiert für das Relikt aus dem Zweiten Weltkrieg bislang nicht. Der Bezirk geht von einem erheblichen finanziellen Aufwand aus, um den grauen Koloss nutzbar zu machen.

Stadtrat Schworck (SPD): Hochbunker in Pallasstraße ungeeignet

Gefordert hatten das auch wiederholt Harald Gindra und Philipp Bertram, beide Mitglieder der Linksfraktion im Berliner Abgeordnetenhaus. Sie hatten sich in einer Großen Anfrage aus dem Oktober dieses Jahres über bauliche Details des Hochbunkers erkundigt und auch einen Überblick über bisher angefallene Sanierungsarbeiten zu bekommen.

Im Januar dieses Jahres beschrieb Stadtrat Schworck den Bunker, der 1943 bis 1945 von sowjetischen Zwangsarbeitern errichtet wurde und heute unter Denkmalschutz steht, in einem Morgenpost-Beitrag noch als „perfekten Ort für Punkkonzerte“. Nun aber sagte er: Bei 90 Prozent Luftfeuchtigkeit, Wasser im Keller und fehlenden Fluchtwegen sei eine Nutzung durch die Kollektive „undenkbar“. Das Thema sei „durch“, so Schworck.

Unterstützung bekommen die Kollektive auch von anderer Seite. Der Quartiersrat Schöneberger Norden zum Beispiel hatte sich in einem offenen Brief an Finanzsenator Matthias Kollatz dafür eingesetzt, dass Potse und Drugstore in ihren alten Räumen bleiben dürfen.