Gesundheitsamt Mariendorf

Bezirk testet digitales Leitsystem „everGuide“

Besucher, etwa Menschen mit Sehbehinderung, können sich mittels kostenloser App durch das Mariendorfer Gesundheitsamt führen lassen.

Der sehbehinderte Stephan Heinke testet die App everGuide im Gesundheitsamt in Mariendorf.

Der sehbehinderte Stephan Heinke testet die App everGuide im Gesundheitsamt in Mariendorf.

Foto: Maurizio Gambarini

Berlin. Behördengebäude werden schnell mal zum Irrgarten: viele Etagen mit nochmal mehr Räumen. Das Fraunhofer-Institut Fokus bietet nun jedoch ein Indoor-Navigationssystem an, das selbst blinde Besucher präzise zum richtigen Raum, zur Toilette oder zu den Aufzügen führt. Im Haus für Gesundheit und Familie in Mariendorf stellt der Bezirk Tempelhof-Schöneberg seinen Kunden ab sofort die kostenlose, smartphonebasierte App „everGuide“ testweise für zwei Jahre als erste Behörde bundesweit zur Verfügung.

Barrierefreie analoge Leitsysteme sollte jede öffentliche Einrichtung inzwischen haben, findet Stephan Heinke. Heinke ist blind und neben seinem Blindenstock auch darauf angewiesen, dass man ihm die Orientierung im öffentlichen Raum mittels Blindenleitsystem und ertastbare Schilder erleichtert, wie er am Montag bei der Vorstellung der App im Gesundheitsamt berichtet. „Oft gibt es aber gar kein Leitsystem“, so seine Erfahrung.

everGuide: Bessere Orientierung durch akustische Navigation

Auch für Menschen mit einer Sehbehinderung oder Blinde ist die Nutzung des Smartphones heutzutage Alltag. Die Bedienung der App fällt Stephan Heinke deshalb leicht. Text wird vollständig akustisch wiedergegeben, sobald er ihn auf dem Bildschirm mit dem Finger berührt. Beim Betreten eines Gebäudes ruft der Besucher die App auf und wählt Raum oder Fachbereich. Auf dem Smartphone-Bildschirm öffnet sich eine Karte mit den Umrissen der Räume und Flure. Ein großer schwarzer Pfeil führt zum Ziel. Stephan Heinke folgt dabei allerdings allein der Stimme, die ihm den Weg weist. Sobald die Richtung nur minimal falsch ist, korrigiert ihn sein Handy mit einem klackernden Ton.

Dahinter steckt präzise Technik und sechs Jahre Entwicklung, sagt Jonas Willaredt, Projektleiter der Indoor-Navigation. Denn die App funktioniert ganz ohne Internetverbindung, für die der Empfang in vielen Gebäuden ohnehin nicht ausreicht.

Vielmehr erkennt die Frontkamera des Handys an der Decke angebrachte Schilder. Alle fünf Meter eins, im gesamten Gebäude. Die App weiß so ganz genau, wo sich der Nutzer befindet.

Vorteile nicht nur für Menschen mit Sehbehinderung

Vorteile bringt die App nicht nur für Sehbehinderte. Auch mobilitätseingeschränkte Menschen können sich eine Route ausgeben lassen, die beispielsweise Treppen meidet und allein über die Aufzüge verläuft. Nicht-deutschsprachige Menschen können sich den Weg zum richtigen Raum in ihrer Muttersprache ausgeben lassen. „Komfort gibt es also für alle Kunden“, sagt Jonas Willaredt.

In der Weiterentwicklung der App, die für IOS und Android geeignet ist, will man weitere Gebäude des Gesundheitsamts miteinbeziehen und auch den ÖPNV berücksichtigen, so dass eine sichere Navigation vom Bus oder der Bahn zum Ziel bei der Behörde und wieder zurück möglich ist. Auch Firmen testen die App bereits in ihren Räumen. Unter Behörden ist der Bezirk Tempelhof-Schöneberg allerdings Vorreiter.

Tempelhof-Schöneberg testet die App als erste Behörde bundesweit

Im Bezirk ist man sehr stolz auf die Einführung der für Nutzer kostenlosen App. Etwa 20.000 Euro gibt der Bezirk für die zweijährige Testphase aus. Im 2015 erst sanierten Mariendorfer Gesundheitsamt will der Bezirk in Sachen Barrierefreiheit mit der App vorangehen, sagt Franz-Wilhelm Garske, Leiter der Serviceeinheit Facility Management des Bezirks. Die farbliche Gestaltung und Beschilderung ist hier auf dem neuesten Stand der Barrierefreiheit. Die App ergänzt dies.

Auch Bezirksstadtrat Jörn Oltmann (Grüne) zeigt sich begeistert. Er hat die App auf dem eigenen Handy schon getestet. Am liebsten würde er die Technik auf andere bezirkliche Häuser wie das Rathaus ausweiten. Der personelle Aufwand mache dies aber schwer, so Oltmann.