Berliner Museen

Jäger des fast vergessenen Schatzes

Das Tempelhof Museum in Mariendorf führt schlaglichtartig durch die Geschichte des ehemals eigenständigen Bezirks. Ein Besuch.

Museumsleiterin Irene von Götz (l.) mit dem Kuratoren-Duo Jasmin-Bianca Hartmann und Hans Philipp Offenhaus.

Museumsleiterin Irene von Götz (l.) mit dem Kuratoren-Duo Jasmin-Bianca Hartmann und Hans Philipp Offenhaus.

Foto: Museen Tempelhof-Schöneberg

Berlin. Konzentriert studiert der in Rot gekleidete Gottesmann einen mit Siegeln versehenen Brief, seine Brille hat er dafür hochgezogen, hält sie fest an die Stirn gepresst. „Cardinal“ heißt das um 1900 entstandene Werk von Ernst Wilhelm Müller-Schönefeld (1867–1944), in dem Jugendstil-Ornament auf Fotorealismus trifft. „Eine seltene Kombination“, sagt Jasmin-Bianca Hartmann, die Kuratorin der Sonderausstellung „Verborgene Schätze – Einblicke in das Tempelhofer Kunstdepot“.

Gemeinsam mit Co-Kurator Hans Philipp Offenhaus, der wissenschaftlicher Volontär in den Museen Tempelhof-Schöneberg ist, hat die Kunsthistorikerin in den vergangenen Monaten das Lager des ehemals eigenständigen Bezirks Tempelhof durchforstet. Etwa 600 Werke umfasst die Sammlung, 13 wählte das Kuratoren-Duo aus, um diese nun erstmals der Öffentlichkeit zu präsentieren.

Die neue Sonderausstellung ist der Auftakt zu einem viel größeren Projekt, das der Museumsleiterin Irene von Götz eine Herzensangelegenheit ist. Im Rahmen der Verwaltungsreform, in der Tempelhof und Schöneberg 2001 fusionierten, wurden auch die Kunstsammlungen beider Bezirke zusammengelegt. Bis heute konnte aufgrund fehlender finanzieller Mittel die Sammlung noch nicht vereinheitlicht werden. Sie geriet nahezu in Vergessenheit. „Das lag sicher auch daran, dass wegen Sparmaßnahmen in den vergangenen 30 Jahren kaum noch Kunst mehr angekauft oder anderweitig zur Sammlung hinzugefügt worden ist“, so von Götz.

Im nächsten Jahr erscheint ein Katalog des Gesamtbestandes

Das soll sich in Zukunft ändern. Von Götz plant, wieder mit dem Sammeln anzufangen und zugleich den Bestand zugänglicher zu machen. Dafür wird an einem Katalog gearbeitet, der im kommenden Jahr erscheint. Zudem wurden die Exponate fotografiert und in einer hausinternen Datenbank erfasst. „Wir hoffen, dass Museen und Institutionen auf unsere Exponate stoßen und diese in ihren Sonderausstellungen zeigen“, so von Götz.

Fürs Erste bleibt es allerdings bei den 13 Werken, die bis März gezeigt werden. Neben dem beeindruckenden Gemälde von Müller-Schönefeld gibt es Arbeiten von Kunstschaffenden zu entdecken, die Tempelhof besonders verbunden waren. Darunter eine unbetitelte Kreidezeichnung von Strandfiguren, die der Berliner Künstler Paul Kuhfuss (1883–1960) zeichnete, der unter anderem als Illustrator für den Tempelhofer Ullstein-Verlag tätig war. An einer anderen Wand hängen drei Grafiken von Ottilie Ehlers-Kollwitz (1900–1963), der Schwiegertochter Käthe Kollwitz’, die zuletzt in Lichtenrade lebte.

„Zugleich wollten wir spannende Biografien sichtbar machen, wie von Hermione von Preuschen. Sie war nicht nur Malerin, sondern auch Weltentdeckerin. Ihre Reisen führten nach Hawaii, Indien und Kambodscha“, so Kuratorin Jasmin-Bianca Hartmann. In der Ausstellung wird diese Reiselust deutlich gemacht, indem von Preuschens (1854–1918) Bilder in historischen Reisekoffern ausgestellt werden. „Zudem gibt es ein Bild von ihr zu sehen, das ihren Garten in Lichtenrade zeigt. Leider existiert von Preuschens Villa heute nicht mehr“, so Kuratorin Hartmann.

Das Tempelhof Museum - ein Museum zum Anfassen

Auch ein Besuch der Dauerausstellung „Zwischen Feldern und Fabriken“ lohnt sich, die in die vier Abschnitte „Über die Dörfer“, „Werkstatt Tempelhof“, „Wohnen in Tempelhof“ und „Forschen und Erinnern – die Zeit des Nationalsozialismus“ unterteilt ist.

Zu Beginn wird es historisch: Anhand landwirtschaftlicher Geräte und Kurz-Biografien wird das bäuerliche Leben in den ehemaligen Gemeinden Mariendorf, Marienfelde und Lichtenrade gezeigt. In einem anderen Raum geht es um die in Tempelhof ansässigen Firmen, etwa die Schokoladenfabrikanten „Sarotti“ und „Rausch“, Schreibmaschinenhersteller wie Stoewer und Mobilfunkproduzenten wie Alcatel. Besonderes Augenmerk gilt der Geschichte des Ullsteinhauses sowie der wechselhaften Historie des ehemaligen Flughafens.

„Wir sind ein Museum zum Anfassen. Besucher können Schubladen öffnen, in Schränke und Spinde schauen“, sagt Museumsleiterin Irene von Götz. Wichtig ist ihr auch zu zeigen, wie die Räumlichkeiten, in denen das Museum heute ansässig ist, einst genutzt wurden: Im Eingangsbereich stehen hölzerne Stühle und Bänke. „Die stammen aus der einstigen Dorfschule“, so Irene von Götz.

Tempelhof Museum, Alt-Mariendorf 43, 12107 Berlin, Tel. 90277 6163, www.museen-tempelhof-schoeneberg.de