Basteln

Hobbyshop Rüther: Hier gibt es alles für den Bastelbedarf

Seit 50 Jahren betreibt die Familie Geschäfte für Bastel- und Künstlerbedarf. Trotzdem diskutieren sie über ihre Zukunft im Viertel.

Martin Rüther in der Abteilung für Künstlerbedarf an der Goltzstraße in Schöneberg.

Martin Rüther in der Abteilung für Künstlerbedarf an der Goltzstraße in Schöneberg.

Foto: Sofia Mareschow / sofia mareschow

Tempelhof-Schöneberg. Der Retro-Teddy ist ein Blickfang in der Goltzstraße. Hoch über dem Eingang des Hobbyshops Wilhelm Rüther fabriziert er schillernde Seifenblasen, umzingelt von Kindern. Die schauen auch neugierig ins Bastelparadies. „Einige der Eltern kamen schon als Kinder zu uns“, sagt Martin Rüther, Mitinhaber, Geschäftsführer und Sohn des Firmengründers. Das Bastel-Imperium wurde gerade 50 Jahre alt, doch über ihre Zukunft im Viertel wird diskutiert.

Das Bastel-Imperium ist eine Konstante in der Schöneberger Goltzstraße, die einst Hausbesetzer-Hochburg war, Club- und Szenemeile, Drogenmittelpunkt war. Das Rüther-Tandem, Vater und Sohn, kennt bewegte Zeiten. „Die Straßenschlachten Ende der 70er-Jahre haben wir live gesehen, mein Vater hat im Laden übernachtet, um aufzupassen.“, erinnert sich Martin Rüther, doch: „Fensterscheiben wurden bei uns nie eingeschlagen.“ Heute ist die Straße sehr viel bürgerlicher geworden. Die Rüthers sind immer noch da.

Die Goltzstraße hat sich neu erfunden

Als der gebürtige Westfale Wilhelm Rüther nach einer Idee seiner Frau, einer Kita-Erzieherin, den Shop 1969 in der Gleditschstraße eröffnete, sei er ein Pionier der jungen Bastelbranche gewesen, so der Sohn. Startsortiment: Holz, Töpfer-Material, Filz, Silberdraht zur Schmuckherstellung für Kudamm-Straßenhändler.

Bald entdeckten Schulen den Laden, „wahre Multiplikatoren“. Das Geschäft expandierte. Zum Hauptsitz an der Goltzstraße 37, wo seit 1979 auf 330 Quadratmetern mit Schulbedarf und Deko-Artikeln der Hauptumsatz erzielt wird, kamen neue Abteilungen im Umfeld: Künstlerbedarf, Perlencenter, Keramik-Center in den 90er-Jahren, später Filialen in Spandau, Tegel, Prenzlauer Berg.

60.000 Artikeln im Ladengeschäft

Inzwischen ein bekannter Name im Hobby-Bereich – mit 60.000 Artikeln im Ladengeschäft, 13.000 im Online-Verkauf – beschäftigt Rüther 37 Mitarbeiter. Erfolgreich in Berlin, etabliert an der Goltzstraße.

Die Straße hat sich gewandelt – als Teil des Areals um den Winterfeldtplatz, einem alten Kiez im Wandel, der sich an vielen Stellen Berlins vollzieht und dennoch hier besonders konzentriert ausgeprägt ist: Geschäftsleben, Sozialstruktur, Lebensphilosophie. Vorbei die wilden Jahre, der Hauch von Party und Bohème, das alternative Flair, dafür fortschreitende Gentrifizierung.

„Die Goltzstraße hat immer noch einen guten Namen, aber vieles ist jetzt anders als früher“, sagt Rüther und erzählt von Gastronomie-Boom, prosperierenden Second-Hand- und Designerläden. Die einst straßenprägenden Trödler seien verschwunden, Boutiquen wie das „VAMPyr deluxe“, mussten schließen – wegen der Gewerbemieterhöhung. Davon blieb Rüther bisher verschont, weil er seit Jahren denselben Hauseigentümer hat. Aber: „Der ist um die 90 Jahre alt, da ist es unsicher, was kommt.“

Auch Peter Neumann, Inhaber der 1997 eröffneten Reisebuchhandlung „Chatwins“ nebenan, hat noch denselben Vermieter. Neumann weiß, dass Hauseigentümerwechsel steigende Mieten bedeutet, dass Gewerbemieten an keinen Mietspiegel gebunden sind und Kleingeschäfte verdrängt werden können. Generell müsse dies aber keinen Abwärtstrend für die Goltzstraße bedeuten.

Anwohner und Kundschaft haben sich geändert

Das meint auch Jürgen Quack, der im kleinen Kiez-Kaufhaus „Mobilien“ gegenüber originelle Geschenkideen und Nützliches für Haushalt und Freizeit verkauft. Die Straße habe zwar ihren einstigen Charme eingebüßt, dafür aber an zeitgemäßer Ausstrahlung gewonnen. „Das Verhältnis von Gastro und Kleingeschäften ist ausgewogen“, so Quack. Der Stil-Mix durch Neuzugänge sei eine Bereicherung – wie „Nordliebe“, ein Laden für skandinavisches Design.

Für Peter Neumann steht die Filiale einer Mode-Kette mit „Klamotten, die nicht so auffallen“ für den Wandel der Klientel in der Straße. Durch Hausverkäufe habe sich eine Verschiebung vom Mietverhältnis zum Wohneigentum vollzogen. „Die neuen Bewohner sind wohlhabender, bürgerlicher“, beschreibt Neumann seinen Eindruck. Und vielleicht auch ein bisschen spießiger, findet er.

Doch dies schaffe für den Einzelhandel mehr kaufkräftige Kunden: Mittelständler, Akademiker, Künstler, darunter junge Familien mit Kindern. Von denen hofft Neumann als Kiezbuchhändler zu profitieren, indem er seine Auswahl an Kinderbüchern erweitert.

Händler kämpfen gegen Gewerbemieterhöhungen

In der Sortiments-Erweiterung sieht auch Jürgen Quack eine Chance, den Gewerbemieterhöhungen zu begegnen. Auch wenn nicht drastisch davon betroffen – sein Staffelmietvertrag beinhalte vereinbarte Erhöhungen – weiß Quack: „Der Kostenfaktor Ladenmiete ist nicht zu unterschätzen.“

Mit dem Reagieren auf wechselnde Trends hat das Rüther-Team ein halbes Jahrhundert Erfahrung: Seidenmalerei Ende der 80er-Jahre, Window-Color-Euphorie Ende der 90er-Jahre. „Und heute soll alles perfekt aussehen, bei geringem Aufwand“, so Rüther. Wie beim Pixeln. Dabei werden Mosaik-Bilder auf Platten gedruckt, auch nach Foto-Vorlagen. Wie beispielsweise das Muster im Schaufenster: ein Doppelporträt von Wilhelm und Martin Rüther.

Und der steht noch gern hinter dem Verkaufstresen. Der gelernte Industriekaufmann und dreifache Vater berät Eltern bei der Auswahl, denn: „Basteln ist extrem wichtig für Kinder, für die Entwicklung von Feinmotorik und Kreativität“. Krankenhäuser mit Ergotherapien im Programm gehören zu Rüthers Kundschaft, ebenso wie das Filmstudio Babelsberg, das etwa für den Film „Die Bücherdiebin“ Gießmasse für Bücherattrappen orderte. Sein Rezept? Martin Rüther setzt auf guten Service und individuelle Problemlösungen

Eingesessene Händler suchen nach Wegen für die Zukunft

Im „Service total plus persönlicher Beratung der Kunden“ sieht auch Jürgen Quack die ausbaufähigen Stärken der Kiezläden. Auch um der Konkurrenz im Online-Handel und in den Shopping Malls zu trotzen. Kleine Läden könnten, meint dagegen Martin Rüther, durchaus von Einkaufscentern profitieren.

Wenn etwa Kunden deren Parkplätze nutzen. Die fehlen derzeit an der Goltzstraße. Sie werde rücksichtslos als kostenfreie Ausweichmöglichkeit genutzt, seitdem die Hohenstaufenstraße zur Parkraumzone gehört. Gebührenpflichtiges Parken an der Goltzstraße sieht Rüther daher als faire Lösung.

Ein großes Thema im Kiez. Eine Ausweitung der Parkraumbewirtschaftung sei für den gesamten Bereich innerhalb des S-Bahnringes, Teilen von Friedenau und rund um den Tempelhofer Damm geplant, sagt die zuständige Bezirksstadträtin Christiane Heiß (Grüne): „Wir haben Angebote für mehrere Machbarkeitsstudien eingeholt, die wir derzeit auswerten. Mit dem Ergebnis der Studie rechnen wir Anfang 2020.“ Zum jetzigen Zeitpunkt könne sie aber noch keine Auskunft zum Abschnitt Hohenstaufenstraße/Grunewaldstraße/Goltzstraße und umliegende Straßen geben.

Jürgen Quack plädiert für kostenpflichtige Parkzone

„Wir bemühen uns aber, spätestens im Laufe des Jahres 2021 die Umsetzung der Parkraumbewirtschaftung innerhalb des S-Bahn-Rings nicht nur aus verkehrlichen Gründen, sondern insbesondere auch für die Verbesserung der Umweltbedingungen abgeschlossen zu haben“, so die Politikerin schriftlich auf Anfrage.

Bis dahin wird sich auch Jürgen Quack gedulden müssen, der ebenfalls für eine kostenpflichtige Parkzone plädiert und sich zudem von den Stadtplanern schnellere Reaktionen auf neue Mobilitätstrends wünscht. „Ich könnte mir gut Parkplätze für E-Roller und Fahrräder vorstellen“, so seine Vision.

Um die Goltzstraße attraktiver zu gestalten, würde Quack ein besseres Zusammenspiel der Einzelhändler begrüßen, mehr Engagement, gemeinsame Aktionen – und bringt die Situation auf den Punkt: „Die Mieterhöhung ist Realität für die Einzelhändler. Da ist Eigeninitiative gefragt. Nicht jammern, sondern positiv denken.“

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