Interview

Unzeitig: „Kinder schreien danach, motiviert zu werden“

Im Interview spricht die Pädagogin über ihre ehemaligen Schüler und ihre Motivation zum Buch.

Verließ nach fünf Jahren frustriert und ausgelaugt die Spreewald-Grundschule: Doris Unzeitig.

Verließ nach fünf Jahren frustriert und ausgelaugt die Spreewald-Grundschule: Doris Unzeitig.

Foto: Privat / Susi Graf

Berlin. Vor rund einem Jahr verließ Doris Unzeitig Berlin und kehrte in ihre Heimat Österreich zurück. Dort habe Sie in einen geregelten und stressfreieren Alltag zurückkehren können. Im Interview mit der Berliner Morgenpost wirft sie einen Blick auf ihre Zeit in Berlin und berichtet, was sie zu diesem Buch veranlasst hat.

Was erhoffen Sie sich von der Veröffentlichung des Buches?

Doris Unzeitig: Ich hoffe einfach, dass ich niedrigschwellig viele Leute erreiche, um deutlich zu machen, wie sich Pädagogen bemühen, Kinder fit für die Zukunft zu machen. Man muss nicht nur den Prozentsatz sozial benachteiligter Kinder in einer Schule begrenzen, sondern auch beginnen, Respekt vor der Arbeit von Lehrkräften zu haben. Man darf sie nicht alleine lassen. Das Buch gibt einen anderen Blick darauf, nämlich den, wie man sich als Lehrer fühlt.

Was haben Sie über Berlin und die Spreewald-Schule gewusst, als Sie hergekommen sind?

Ich wusste sehr viel über die Schule. Aber es ist immer ein Unterschied, wenn man Dinge über eine Schule liest wie interkulturelle Vielfalt oder Begegnungsmöglichkeiten und dann selbst in der Schule arbeitet und mit den Kindern vor Ort zu tun hat. Der tägliche Umgang mit einer solchen sozialen Struktur ist für jeden schwer. Auf so etwas ist niemand vorbereitet.

Wie war denn Ihr erstes Gefühl, als sie Berlin verlassen hatten?

Gut. Auf der einen Seite war ich sehr traurig, auf der anderen Seite war ich entlastet. Und ich habe mich von Tag zu Tag besser gefühlt, weil ich wo angekommen war, wo meine Arbeit wertgeschätzt wurde. Ich musste mich nicht mehr jeden Tag alleine motivieren, sondern meine Arbeit und meine Leistung werden von anderen anerkannt.

Sie geben Einblicke in Ihre Gefühlswelt, schreiben sich manches regelrecht von der Seele. Vor allem, als sie zum ersten Mal Berlin mit seinen unterschiedlichen Lebensformen, Ansichten und Gewohnheiten kennenlernten. Welche Erfahrung ist Ihnen am meisten in Erinnerung geblieben?

Dass Kinder danach schreien, motiviert zu werden. Sie wollen wirklich lernen und sind total dankbar – wenn man sich mit den Kindern auf den Weg macht und außerschulische Orte besucht. Wo sie handeln lernen und das im Unterricht umsetzen können. Die Dankbarkeit der Kinder für neue Spiele oder den Ausflug zum Spargelhof.

Wie schwierig war der Umgang mit den Eltern der Schüler?

Es finden unendlich viele Gespräche mit den Eltern unter Herbeiziehung von anderen Beratungsstellen statt, um sie auf ihre Pflichten hinzuweisen. Auch hier haben wir die Erfahrung gemacht, dass – ob durch Jugendamt oder Schulverwaltung – keine Konsequenz aus dem nicht-kooperativen Verhalten folgt. Egal ob es darum geht, dass Eltern sich besser um ihr Kind kümmern, es besser erziehen, oder dass es genug Essen dabei hat. Letztendlich bleibt die Entscheidung, wie mit einem solchen Kind verfahren wird, bei der Schulaufsicht. Eine Klasse verträgt ein, zwei schwierige Kinder oder Eltern, aber nicht die Hälfte.

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