Spreewald-Schule

Böllerwurf, Tritte: Ex-Direktorin schreibt über Gewalt

Im Buch „Eine Lehrerin sieht Rot“ zeigt Doris Unzeitig dramatische Zustände an Schulen auf. Sie beklagt die Untätigkeit der Verwaltung.

Die Spreewald-Grundschule liegt an der Pallasstraße in Schöneberg. Der Kiez ist ein sozialer Brennpunkt.

Die Spreewald-Grundschule liegt an der Pallasstraße in Schöneberg. Der Kiez ist ein sozialer Brennpunkt.

Berlin. Mädchen mit Nikab; Väter, die eine Frau in einer Führungsrolle nur schwer akzeptieren; eine Vielzahl verschiedener Sprachen, aber nur mangelnde Deutschkenntnisse; Kinder, die beim Mittagessen nur hungrig zuschauen, wie andere essen, und die nicht einmal die nötigsten Unterrichtsmaterialien wie Stifte oder Radiergummi dabeihaben. Das ist die Spreewald-Grundschule.

Es ist ein Kulturschock für Doris Unzeitig: Vom österreichischen Bergpanorama wechselt die Lehrerin ins trubelige Berlin. Die Geschwindigkeit der Stadt ist hier viel höher, Stress im Verkehr und allgemeine Hektik. Hinzu kommen kulturelle Unterschiede, die wie ein Regenschauer auf Doris Unzeitig einprasseln.

Spreewald-Grundschule: Beleidigungen und Gewalt an der Tagesordnung

Die Brennpunkt-Schule in der Pallasstraße zählt zu den durch ihre Klientel vielschichtigen und komplizierten Berliner Schulen – und trotzdem oder gerade deshalb wollte Doris Unzeitig etwas für die Schüler tun. Sie will Fortschritt und Wandel in der Schule anstoßen; soll mit ihren Zielen aber bis zuletzt ungehört bleiben. In ihrem Buch „Eine Lehrerin sieht Rot“ analysiert Doris Unzeitig, wie schwierig das Leben in einer sozial schwachen Nachbarschaft ist, wo Polizei und Feuerwehr von Kindern als „Hurensöhne“ beschimpft und mit Böllern beworfen werden.

Auf den 250 Buchseiten finden sich Kapitel, die mit „Gewalt vor und in der Schule“ oder „Im Teufelskreis aus Ignoranz und Egoismus“ überschrieben sind. Dort beschreibt sie an vielen erlebten Beispielen, dass Gewalt unter Schülern an der Tagesordnung ist. Aber auch Lehrer werden immer wieder Opfer. Eine schwangere Lehrerin habe einmal von einem Schüler einen Schlag in den Bauch bekommen.

Doris Unzeitig ist sich sicher: Viele Ursachen sind in der fehlenden sozialen Durchmischung der Schüler zu suchen. Und um diesen jetzigen Zustand der Ghettoisierung zu bewältigen, brauche es viel mehr finanzielle und personelle Unterstützung als bisher verfügbar.

Lehrerausbildung muss reformiert werden

Bei der Politik gebe es allerdings nicht einmal den Versuch, Brennpunktschulen bei bildungsbewussten Familien attraktiver zu machen, so Unzeitig. Stattdessen wolle man andere Schulen vor sozial schwieriger Klientel schützen. Aber die Pädagogin betont, dass es nicht nur Kinder mit Migrationshintergrund sind, die eine Herausforderung darstellen. Das Klima zwischen Lehrern, Schülern und Lehrern habe sich generell verändert. Deshalb müsse auch die Lehrerausbildung reformiert werden.

Gewalt unter Schülern und gegenüber Lehrern, Beleidigungen bis hin zu Drohungen von Schülern, aber auch von Eltern. Als Lehrkraft an einer solch kompliziert aufgestellten Schule brauche man besondere Unterstützung.

„Ich habe mich von meinen Vorgesetzten und der Politik allein gelassen gefühlt. Anstatt mir zu helfen, hat man mir immer neue Knüppel zwischen die Beine geworfen. Das macht natürlich müde und krank. Es fehlt die Wertschätzung“, sagt die Pädagogin.

Doris Unzeitig ließ Wachposten aufstellen

In den letzten Monaten ihrer Zeit als Direktorin der Spreewald-Grundschule hatte Doris Unzeitig für viel Wirbel gesorgt. Auf eigene Faust engagierte sie einen Wachdienst, um unbelehrbare Schüler sowie deren Eltern Einhalt zu bieten. Dafür wurde sie im Bezirk heftig kritisiert.

„Die Initiativen, die ich angestoßen habe, etwa, dass alle Kinder ein Mittagessen bekommen, oder dass ein Wachschutz dasteht, die waren dafür gedacht, dass es zu einer Beruhigung in der Schule kommt. Aber das wollte man nicht so sehen. Stattdessen war ich der Störenfried“, sagt Doris Unzeitig.

Die Lehrerin spricht Missstände von Anfang an laut aus und wurde dafür kurz vor ihrem Weggang sogar mit einem Maulkorb vom Bezirk bestraft. Dann September 2018: Nach vielen unbefriedigenden Versuchen bei den zuständigen Berliner Behörden, Missstände anzugehen, gab Doris Unzeitig ihre Position als Rektorin der Schule auf. Enttäuscht und ausgelaugt.

„Ich wollte vor meiner Verantwortung nicht davonlaufen“

Als sie die Spreewald-Grundschule nach fünf Jahren verlässt, beginnt sie die Aufarbeitung ihrer Erlebnisse dort. Entstanden ist das Buch „Eine Lehrerin sieht Rot!“, am Donnerstag im Plassen-Verlag erschienen. Darin wirft sie einen ungeschönten Blick auf die Zustände an der Spreewald-Grundschule.

Aus ihrer jetzigen abgesicherten Position aber habe sie die Chance „den Finger in die Wunde zu legen“, so Doris Unzeitig, die heute als Schulleiterin in ihrer Heimat Österreich arbeitet. Auch bei „Stern TV“ sprach sie unmittelbar nach ihrem Weggang Probleme offen an.

Warum sie nicht einfach an eine andere Schule gegangen ist? „Ich wollte vor meiner Verantwortung nicht davonlaufen. Ich habe mir das zur Aufgabe gemacht. Das ist der Schwerpunkt meiner Arbeit.“

Ursprünglich kam Doris Unzeitig für einen Studiengang mit dem Schwerpunkt „Interkulturelles Lernen“ nach Berlin. Später nahm sie eine Vertretungslehrerstelle an und ging im Anschluss an eine Pankower Schule, ehe sie an die Spreewald-Grundschule kam.

Lehrer sein an der Spreewald-Grundschule war ein „Kampf“

Ihr Ziel, Verbesserungen in der Schöneberger Brennpunktschule herbeizuführen, beschreibt sie als „Kampf“. Mit welchen Hürden sie tagtäglich zu kämpfen hatte, liest man in sehr plastischen Beschreibungen der 49-Jährigen, die sie in 14 Kapiteln zusammengefasst hat. In ihrem ersten Buch finden aber auch pädagogische Expertise sowie feinfühlige Verbesserungsvorschläge Platz.

Expertenrat müsse auch befolgt werden

Doris Unzeitig hat ihren Ehrgeiz bis heute nicht verloren. Sie würde wieder an eine Berliner Schule zurückkehren, sagt sie. „Ich führe ja keinen Krieg mit Berlin.“ Aber die Voraussetzungen für eine Rückkehr müssten erst noch geschaffen werden.

„Vorschläge der gerade von der Senatorin einberufenen Expertenkommission zur Verbesserung der Schulqualität müssen auch umgesetzt werden“, sagt Unzeitig. Sie sei skeptisch, ob das geschehen werde. Sie wünsche sich, dass jedes Kind in Berlin die gleichen Chancen habe, wenn es zur Schule kommt – und seine Zukunft nicht davon abhängt, was Vater und Mutter gelernt haben.

Doris Unzeitig: „Eine Lehrerin sieht Rot“, Plassen-Verlag, 19,99 Euro: www.plassen-buchverlage.de

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