Berliner Museen

Eine skurrile Wunderkammer mitten in Schöneberg

Roland Albrecht hatte schon immer ein Faible für skurrile Sachen. In seinem „Museum der Unerhörten Dinge“ präsentiert er Fundstücke.

Museumschef Roland Albrecht vor der Wand mit allerlei Kuriositäten.

Museumschef Roland Albrecht vor der Wand mit allerlei Kuriositäten.

Foto: Daniel Schaler

Es ist eine Wunderkammer, eine Wunderkammer voller skurriler Alltagsgegenstände, ausgeschmückt mit fantastischen Geschichten. Ein Raum der Möglichkeiten. Das wohl kleinste Museum Berlins ist weniger etwas zum Schauen als zum Lesen. An den weißgetünchten Wänden des etwa 15 Quadratmeter großen Raumes sind das Fernrohr von Kolumbus, der rote Faden, die Goethe-Rose oder ein getrockneter Kuhfladen versammelt. „Es sind alles Zufallsfunde, zu denen ich Geschichten schreibe“, erklärt Roland Albrecht seine Sammlung, die er im „Museum der Unerhörten Dinge“ zeigt.

Zu all seinen Funden lässt sich Albrecht Geschichten einfallen. „Niemand weiß, ob es nicht vielleicht wirklich so gewesen ist“, sagt er und schmunzelt. Wahr? Falsch? Oder zumindest möglich?

Wer das Museum von Roland Albrecht betritt, bewegt sich im Bereich des Fantastischen. Er erzählt fiktive Storys mit reellen Hintergründen. „Ich gehe einfach davon aus, dass jeder Gegenstand eine Geschichte hat. Aber die meisten Menschen nehmen das nicht wahr. Ich höre den Dingen zu“, sagt er mit einem Augenzwinkern.

Was nicht zu widerlegen ist, könnte durchaus wahr sein

So war es auch mit der Goethe-Rose. Eine versteinerte Papierrose, die es überall in Karlsbad zu kaufen gab. Die Schnittstelle zu Deutschlands großem Dichter lag auf der Hand: Goethe reiste damals von Karlsbad nach Italien, und seine zweite Frau Charlotte stellte damals wirklich Papierrosen her. „Was lag näher, als um die Rose herum eine Liebesgeschichte zu Italien, zu der neuen Frau zu ersinnen. Vielleicht ist es wirklich so gewesen, vielleicht aber auch nicht. Es kann heute keiner mehr mit Sicherheit behaupten“, sagt Albrecht.

Pro Jahr ersinnt er etwa drei neue Geschichten zu seinen Exponaten. Das Museum ist also in erster Linie eines, in dem man sich hinsetzen und lesen muss. Die meisten Besucher bleiben rund zwei Stunden. Die Geschichten gibt es auf Deutsch und Englisch. Zur „Langen Nacht der Museen“ kamen etwa 400 Besucher zu ihm. Sie flüsterten und lasen, manche sprachen den Museums-Chef an: „Viele sagen ‚Bitte verraten Sie mir nicht, ob die Geschichte wahr ist. Denn das würde sie entzaubern‘.“

Nur einen Gegenstand seiner umfangreichen Sammlung hat Albrecht nicht selbst gefunden, sondern von einem Freund geschenkt bekommen: eine Postkarte, auf der die Schwangerschaftsuntersuchung einer gewissen Begine abgebildet ist. „Die Geschichte dahinter ist so kurios, dass ich mir gar nichts ausdenken musste. Es ist die einzige wirklich wahre Geschichte meiner Sammlung“, sagt der Museums-Chef.

300 Gegenstände lagern noch im Depot

Roland Albrecht wurde 1950 im Allgäu geboren und hat schon immer mit Texten und Objekten im Kunstbereich gearbeitet. Er ist Fotograf, Künstler und Schriftsteller mit diversen Veröffentlichungen, Theaterstücken, Ausstellungen und Installationen. 2000 hat er das kleine Museum eröffnet.

Insgesamt 90 „erhörte“ Dinge gehören mittlerweile zu seiner Sammlung. 300 „unerhörte“ Dinge, also die, zu denen es noch keine Geschichte gibt, lagern im Depot. Dort sind sie nach Gewicht sortiert, „eine präzise Angabe, ohne etwas zu sagen“, erläutert er das ungewöhnliche System. Dort findet man eine Holzhand genauso wie einen Gartenzwerg, aber auch eine alte Regenhaube, Ersatzhosentaschen und einen Klebstoff, der „Klebfest“ heißt.

Wo er die Sachen findet? „Meist auf der Straße. Sie müssen meine Aufmerksamkeit erregen, mich interessieren. Es ist ein bisschen wie eine Liebelei“, sagt Roland Albrecht, der schon als Kind mit dem Sammeln interessanter Gegenstände angefangen hat. Das Kolumbus-Fernrohr war sein erster „Schatz“. „Alles landete damals in meiner Schatztruhe, die ich mein Leben lang mit mir herumgeschleppt habe. Hier, für das Museum, habe ich sie geöffnet.“

Regeln? Gibt es nicht

Seine Sammlung ist eine rein subjektive Auswahl, eine die keiner bewussten Regel unterworfen ist, außer die der persönlichen Zuneigung, der gegenseitigen Anziehung. Es sind wunderliche Dinge oder einfach „nur“ banale Gegenstände, die seine Aufmerksamkeit auf sich gezogen haben, die ihm ins Auge gesprungen sind, und Aufnahme in das Depot gefunden haben.

Wussten Sie übrigens, dass die Entspannungstechnik Qi-Gong von den Pinguinen abgeguckt wurde? Warum das so ist, lesen Sie im „Museum der Unerhörten Dinge“. Und auch im Buch gibt es das Museum - erschienen bei Wagenbach.

Museum der Unerhörten Dinge, Crellestraße 5-6, 10827 Berlin, Tel. 030/781 49 32 oder 0175 410 912 0, Öffnungszeiten: Mittwoch bis Freitag von 15 bis 19 Uhr, www.museumderunerhoertendinge.de

Roland Albrecht im Internet: www.rolandalbrecht.de