Nollendorfplatz

Motzstraßenfest: Ein Fest im Zeichen der Freiheit

Das Motzstraßenfest lockt jedes Jahr rund 350.000 Besucher an. Schwule und Lesben feiern zum Motto: „Gemeinsam gegen Rechts!“

Die „Querplattler“ aus Berlin begeistern beim Lesbisch-schwulen Stadtfest am Nollendorfplatz.

Die „Querplattler“ aus Berlin begeistern beim Lesbisch-schwulen Stadtfest am Nollendorfplatz.

Foto: Jörg Krauthöfer / FUNKE FOTO SERVICE / FUNKE Foto Service

Sie wehen überall in der Stadt, die Regenbogenfahnen als Zeichen für mehr Toleranz für Schwule, Lesben, trans- und intersexuelle Menschen. Doch die Straßen rund um den Nollendorfplatz sind an diesem Wochenende besonders bunt. Viele Vereine, Institutionen und Händler machen mit beim 27. Lesbisch-Schwulen-Stadtfest – auch besser bekannt als „Motzstraßenfest“ – im traditionellen Schöneberger Schwulen-Kiez. Dieses Fest ist das größte seiner Art in Europa. Alleine im vergangenen Jahr haben nach Angaben des Veranstalters „Regenbogenfonds der schwulen Wirte e.V.“ mehr als 350.000 Menschen es besucht. Mit der zweitägigen Veranstaltung beginnt die „Pride Week“ („Woche des Stolzes“), die mit der großen Parade am Christopher Street Day am nächsten Sonnabend endet.

Besucher wollen ein Zeichen setzen

Carlos Samuel und Dominik Seeblich freuen sich jedes Jahr auf diese Woche, besonders auf das Straßenfest. „Die Veranstaltung ist sehr wichtig für uns. Endlich können wir uns frei bewegen, ohne dass uns jemand komisch ansieht. Hier bin ich unter Gleichgesinnten“, sagt der 25-jährige Dominik Seeblich. Er stammt aus einer polnischen Familie, „die sind alle sehr konservativ, das ist nicht einfach“. Seinem Freund Carlos Samuel geht es als gebürtigem Kolumbianer nicht anders. „Es ist auch wichtig, dass wir ein Zeichen setzen“, sagt der 24-Jährige. In diesem Jahr steht das Fest unter dem Motto „Gemeinsam gegen Rechts!“ – die Veranstalter und Teilnehmer des Festes fordern so Solidarität gegen Faschismus und Rechtspopulismus ein.

Nonnen verteilen Umarmungen gegen Einsamkeit

Doch in der schwulen und lesbischen Szene ist nicht immer alles rosig. Das erfährt man, wenn man sich mit den Schwestern der Perpetuellen Indulgenz unterhält, einer Gruppe von queeren Aktivisten, die sich selbst als Nonnen des 21. Jahrhunderts bezeichnen. „Unsere Aufgabe ist es, Freude zu verbreiten. Dafür gibt es von uns auch eine Umarmung“, sagt Schwester Pia, die ihren bürgerlichen Namen lieber für sich behält. „Die Schwulenszene ist sehr schnelllebig, es ist schwer, eine Beziehung aufzubauen, da sind viele einsam“, weiß der als Nonne verkleidete Mann mit dem weiß geschminkten Gesicht. Schwester Pia freut sich immer auf das Straßenfest, auch, „weil durch die vielen Stände Stigmatisierungen abgebaut werden können wie beim Thema HIV“.

Streitigkeiten zwischen Schwulen und Lesben

Einen kleinen Riss in der Szene gibt es auch an anderer Stelle. Denn in der Gemeinde der Schwulen und Lesben soll es rumoren. Spürbar soll das bei der Zeitschrift „Siegessäule“ sein. Die sei vor einigen Jahren von einigen Lesben gekapert worden, heißt es. Auch das „Schwule Museum“ sei betroffen. Schwule Männer kämen dort kaum noch vor, dafür viel Lesbisch-Queer-Feministisches und Dragqueens. Es stünde im Raum, das „Schwule Museum“ in „Queeres Museum“ umzubenennen. Die Verantwortlichen hingegen streiten jeglichen Zwist ab. „Natürlich haben wir das Programm umgestellt. Aber auch, weil sich die Community verändert hat“, sagt Nicole Otte vom Schwulen Museum. Veränderungen gebe es seit Jahren, so auch Diskussionen – „aber in welchen Gruppen gibt es das nicht“. Das Museum habe sich mittlerweile allen Bereichen geöffnet und wolle auch alle Themen ansprechen, nicht nur die der Schwulen. Alle Beteiligten verstünden sich nach wie vor gut. Von einer Umbenennung des Museums sieht sie aber ab. „Der Name ist mittlerweile zu einer Marke geworden“, sagt sie.

Interview mit Kevin Kühnert auf dem roten Sofa

Doch an diesem Wochenende will niemand etwas von Streitigkeiten wissen, es soll gelacht und gefeiert werden. Bei Gerhard Hoffmann und seinem legendären roten Sofa kommen die Besucher des Stadtfestes auf ihre Kosten. Gemeinsam mit seinen Assistentinnen Giselle D′Apricôt und Tilly Creutzfeldt‑Jakob interviewt er Kevin Kühnert (SPD), den Bundesvorsitzenden der Jusos. In einem sehr lockeren Gespräch erfährt man von dem 30-Jährigen, dass sein Herz eher für Handball als für Fußball schlägt, er Geige spielt und am liebsten Schultheiss-Bier trinkt, weil man das eben tue, wenn man in Berlin lebt. Gerhard Hoffmann versteht nicht, warum er Bauarbeiter-Bier trinkt und schüttelt den Kopf. „Die Sorte ,Roter Baron’ passt doch viel besser, auch wegen der SPD“, entgegnet Hoffmann. Das Publikum ist amüsiert und dankt es mit viel Applaus.

Bezirksbürgermeisterin Schöttler will härter gegen Kriminalität vorgehen

Den erntet auch die Bezirksbürgermeisterin von Tempelhof-Schöneberg, Angelika Schöttler (SPD), als sie nach Kühnerts Auftritt verkündet, dass der Bezirk eine klare Position beziehen wird, um die queere Gesellschaft zu unterstützen. „Wir brauchen gerade hier im Regenbogenkiez die klaren Zeichen“, sagt Schöttler. Weiter erklärt sie, dass der Bezirk schon bald verstärkt gegen die Kriminalität im Kiez vorgehen wolle. „Hier sollen Teams Präsenz zeigen und die Straßen entlang laufen. Sie sollen nichts groß tun, sondern einfach nur da sein und im schlimmsten Fall die Polizei rufen“, sagt die Bezirksbürgermeisterin, „eingreifen sollen sie nicht.“ Dieses Projekt gebe es bereits in Amsterdam. „Die Kriminalität ist nachweislich gesunken“, sagt Schöttler.

Europas größtes Darmmodell wird ausgestellt

Am heutigen Sonntag geht das Fest ab 11 Uhr weiter. Neben viel Musik und den Info-Ständen wird unter anderem Europas größtes begehbares Darmmodell zu sehen sein. Die Aktion der AOK Nordost und Gesundheit Berlin Brandenburg e.V. steht unter dem Motto „20 Meter Vorsprung – Berlin gegen Darmkrebs“.