Regenbogenkiez

Tristesse à la Nollendorfplatz: Umbau kommt nicht voran

Pläne zum Umbau des Nollendorfplatzes gibt es bereits. Doch es geht einfach nicht voran.

Der Nollendorfplatz soll umgestaltet werden, doch nichts geht voran.

Der Nollendorfplatz soll umgestaltet werden, doch nichts geht voran.

Foto: David Heerde

Berlin. Wo ist hier eigentlich der Platz? Diese Frage mag sich so mancher Passant stellen, wenn er am legendären Nollendorfplatz in Schöneberg angekommen ist. Was er dort zuerst sieht, ist ein graues Bahnhofsgebäude mit einer Glas-Stahl-Kuppel und eine graue hohe Mauer, auf der alle paar Minuten die Bahn fährt. Außerdem viel Straße mit viel Verkehr. Gleich vier U-Bahnlinien - die U1, die U2, U3 und U4 – und mehrere Straßen treffen an diesem Ort zusammen. Der stark frequentierte Platz ist eher praktisch als schön. Bemühungen, das zu ändern, blieben bislang erfolglos. Das liegt vor allem daran, dass mehrere Akteure an dem schon lange geplanten Umbau zu beteiligen sind: der Bezirk, das Land und die Berliner Verkehrsbetriebe.

„Der Nollendorfplatz verlottert immer mehr“, beklagen erneut Bezirkspolitiker. „Niemand hält sich dort gerne auf.“ Christoph Götz-Geene, stellvertretender SPD-Fraktionschef in Tempelhof-Schöneberg, forderte die zuständige Verkehrs- und Ordnungsstadträtin Christiane Heiß (Grüne) jetzt auf, sich endlich des prominenten, aber irgendwie traurigen Platzes anzunehmen.

Dabei geht es längst nicht mehr nur um Schmutzecken, sondern um eine Neugestaltung. „Der Nollendorfplatz ist ein Relikt der autogerechten Stadt“, betont der Stadtentwicklungsexperte. „Die Karl-Heinrich-Ulrichs-Straße, die den Platz durchschneidet, war einst als Autobahnzubringer gebaut und wird so nicht mehr gebraucht.“ CDU-Fraktionschef Matthias Steuckardt beklagt, dass die Verzögerungen beim geplanten Umbau der missglückten Begegnungszone Maaßenstraße, die von hier aus zum Winterfeldtplatz führt, auch den Fortschritt am Nollendorfplatz verhindern. Beide Konzepte gehören seiner Meinung nach zusammen.

Leitbild 2014 beschlossen - und nicht umgesetzt

Seit Jahren mahnen die Bezirkspolitiker den Umbau des Nollendorfplatzes an. Zuletzt verabschiedete die Bezirksverordnetenversammlung (BVV) Anfang dieses Jahres auf Antrag der SPD einstimmig einen Beschluss dazu. Darin wird das Bezirksamt ersucht, die Planungen für die Südseite des Platzes auf Grundlage des von der BVV beschlossenen Leitbildes „nun dringend einzuleiten“. Der Bezirk solle bei den zuständigen Stellen des Landes darauf drängen, dass die Untersuchungen des künftig benötigten Straßennetzes zügig durchgeführt werden.

Das bereits 2014 beschlossene städtebauliche Leitbild sieht vor, die Karl-Heinrich-Ulrichs-Straße zu verschmälern und den Platz der historischen Situation anzunähern. Die Mittelinsel soll zum Aufenthalt einladen: Ein Café könnte entstehen, Bänke sollen aufgestellt werden. Das Büro Planwerk hat ein entsprechendes Konzept erarbeitet. Der Nollendorfplatz soll künftig also mehr sein als ein Ort, den alle nur schnell überqueren. Studenten des TU Masterstudiengang Landschaftsarchitektur hatten ebenfalls bereits Ideen vorgelegt.

Der „Nolli“ ist Ausgangspunkt für lange Nächte in den Restaurants, Kneipen und Bars des Regenbogenviertels, lange galt er als einer der zehn gefährlichsten Orte Berlins. Die Kriminalität am und um den Nollendorfplatz ging inzwischen dank verstärkter Polizeipräsenz zurück. Eine mobile Polizeiwache ist nun ab und zu dort, vor allem, um das Sicherheitsgefühl stärken.

Hier waren einst Emil und die Detektive unterwegs

Der Platz, um den der Schriftsteller Erich Kästner einst Emil und seine Detektive ausströmen ließ, heißt so seit 1864. Benannt ist er nach der nordböhmischen Ortschaft Nollendorf, wo 1813 in den Befreiungskriegen eine große Schlacht stattfand. Angelegt wurde der Nollendorfplatz 1880 auf der Grenze zwischen der damaligen Stadt Charlottenburg und der Gemeinde Schöneberg. Von dem Schmuckplatz des 19. Jahrhunderts und Teil des Generalszugs ist heute nicht mehr viel übrig. Viele der alten Gebäude wurden im Krieg zerstört und durch zweckmäßige, nicht gerade attraktive Häuser ersetzt.

Das prägnanteste Gebäude ist neben dem Bahnhof mit der Kuppel das frühere Neue Schauspielhaus. Es entstand mit dem Bau der ersten Hochbaulinie 1905/1906. Seit 1997 steht es unter Denkmalschutz. Überregionale Aufmerksamkeit zog das Haus in den 1920er-Jahren wegen der zeitkritischen Inszenierungen unter Erwin Piscator auf sich.

Goya ist Vergangenheit

Unter dem Namen Metropol war dort ein Filmtheater zu finden, ab 1977 eine Diskothek. 2000 zog der „KitKat Club“ ein – und gleich wieder aus. 2005 wurde das Gebäude zum noblen Tanz- und Speiseclub umgebaut und bekam den Namen Goya, der heute noch über dem imposanten Eingang steht. Nach nur wenigen Monaten Betrieb folgte allerdings die Insolvenz. Seither wechselte das Goya mehrmals den Besitzer. Seit diesem Jahr finden darin wieder von Firmen organisierte Events statt.

Tausende kommen zum Lesbisch-Schwulen Stadtfest

Am 20. und 21. Juli werden wieder Tausende am Nollendorfplatz ankommen. Denn der Regenbogenfonds der schwulen Wirte e.V. veranstaltet zum 27. Mal das Lesbisch-Schwule Stadtfest Berlin. Rund 450.000 Besucher werden erwartet. In der Motz-, Eisenacher-, Fugger- und Kalckreuthstraße präsentieren sich die Stadtfest-Welten sowie Projekt-, Gastronomie-, Informations- und Verkaufsstände.

Erwartungen der Bezirksverordneten gedämpft

Woran hängt die Neugestaltung des Nollendorfplatzes denn nun? Stadträtin Christiane Heiß (Grüne) verweist auf ein ausstehendes Verkehrsgutachten durch die Senatsverwaltung für Verkehr, außerdem warte man Umbauarbeiten durch die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) ab. Die undichten Tunnel sollen saniert werden.

BVG: Erste Bausubstanzuntersuchungen

Auf Anfrage teilte die BVG jetzt mit, im unterirdischen Bereich des U-Bahnhofs und in den angrenzenden Tunnelbereichen würden derzeit erste Bausubstanzuntersuchungen durchgeführt. Danach werde der Umfang der erforderlichen Sanierungsmaßnahmen festgelegt und der entsprechende Zeitplan erstellt.

Die Bezirksverordneten hofften, dass die Arbeiten mit den Umbauarbeiten verzahnt wird. Das böte auch einen finanziellen Vorteil. Das Ziel ist nun aber akut in Frage gestellt. Baustadtrat Jörn Oltmann (Grüne) teilte im Stadtentwicklungsausschuss mit, er habe nicht die Personalressourcen, das Projekt zu betreuen. Das ist auch ein Rückschlag für Bezirksbürgermeisterin Angelika Schöttler (SPD). Sie nennt den Nollendorfplatz „ein Herzensprojekt“.