Stadtführungen

Auf dem Gasometer: Berlin aus der Vogelperspektive erleben

Vom Schöneberger Gasometer aus lässt sich begreifen, wie die Stadt sich immer wieder verändert .

Stadtführer Sascha Maikowski erklärt seinen Besucher, wie Berlin entstand und sich immer wieder verändert.

Stadtführer Sascha Maikowski erklärt seinen Besucher, wie Berlin entstand und sich immer wieder verändert.

Foto: Foto: Sergej Glanze

Die meisten Besucher kennen den weithin sichtbaren, knapp 80 Meter hohen ehemaligen Gasometer auf dem Euref-Campus in Schöneberg vom Vorbeifahren auf dem Stadtring oder mit der S-Bahn. Wenn sie dann vor dem rund tausend Tonnen schweren Stahlkoloss aus dem Jahr 1910 stehen, kommt bei einigen doch ein mulmiges Gefühl auf. „Beim Aufstieg nicht nach unten gucken, sondern in die Ferne“, rät Sascha Maikowski. Seit zehn Jahren führt er auf den Schöneberger Gasometer.

Bevor es hochgeht, werden die Regeln bekannt gegeben: keine Rucksäcke oder Taschen. Festes Schuhwerk ist ohnehin selbstverständlich. Handys nur mit Sicherheitsschnur. „Wir wollen nicht, dass irgendein Teil herunterfällt, aus der Höhe ist das ein Geschoss“, fügt Stefanie Gruner hinzu. Die VWL-Studentin der TU sichert die Gruppe als letzte in der Reihe. Falls jemand doch Höhenangst bekommt, begleitet sie ihn nach unten.

In 40 Metern Höhe steigt das Bedürfnis nach Sicherheit

Dann geht es los. Vorsichtig wird die Stabilität der teilweise stark rostigen Treppen und Geländer mit sanftem Rütteln geprüft. Die nächsten anderthalb Stunden stellt sich eine fast intime Beziehung zu den Stahlteilen ein. Ab dem dritten Ring bei etwa 40 Metern Höhe steigt das Bedürfnis nach Sicherheit auch bei cool dreinblickenden Besuchern. Dann lässt man die Geländer nur zum Umgreifen los.

Start-up-Entwickler Mischa hat Freundin Pia die Tour zum Geburtstag geschenkt, Beate aus Stuttgart hatte von ihrem in Berlin lebenden Cousin den Tipp zur Gasometer-Tour bekommen. Auf dem ersten Treppenabsatz erklärt Maikowski die Geschichte des Stadtgases. Mit dem Abfallprodukt von Koks wurde die Industrialisierung in Berlin vorangetrieben. Mit dem Koks wurden Erze zu Stahl geschmolzen, ab Mitte des 19. Jahrhunderts wurde die Stadt mit Gas beleuchtet. So konnte in den Fabriken in zwei oder drei Schichten gearbeitet werden. 1920 gab es rund 100 Gasometer in Berlin, allein auf dem heutigen Gelände vier Stück, der übriggebliebene zählte zu den drei größten Europas.

Sieben Ringe halten den Gasometer zusammen, die alle einmal rundum begangen werden können. Zuerst einmal sieht man in Höhe des ersten Rings das ehemalige Gelände einer britischen Gasgesellschaft, das später der Gasag gehörte. „Hier entsteht seit einigen Jahren ein neuer Stadtteil“, erklärt Maikowski. Der weißhaarige ehemalige Reiseleiter nennt sich selbst „Voyageur“.

Ab dem dritten Ring präsentiert sich die Stadt mit unbekannten Sichtachsen

Begeistert berichtet er von Firmen wie SirPlus, die auf dem Campus Konzepte zur Lebensmittelrettung entwickeln. Auch mehrere Elektroauto-Vermieter haben hier ihre Niederlassung, Schneider Electric, Deutsche Bahn, Cisco und Audi arbeiten auf einem Campus mit innovativen Start-ups zusammen und die TU bietet Studiengänge an, die sich mit Nachhaltigkeit, Energie und Ökologie beschäftigten. Gleich neben dem Gasometer entstehen zwei neue Bürogebäude, insgesamt haben sich rund 150 Firmen mit etwa 3500 Beschäftigen angesiedelt.

Einen Ring weiter, in 25 Meter Höhe, sieht man die Flächen der sogenannten Schöneberger Linse in der Nähe des Bahnhofs Südkreuz, auf denen ebenfalls Neubauten entstehen. Ab dem dritten Ring präsentiert sich die Stadt mit unbekannten Sichtachsen. Im Süden steht das Gerippe des Steglitzer Kreisels, in das Luxus-Eigentumswohnung gebaut werden. „Welche Kirche ist das denn?“, will ein sportlicher Mittvierziger wissen. „Das ist die Apostel-Paulus-Kirche, erbaut vom Architekten Franz Schwechten.“ Der hat auch die Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche entworfen, und den Grunewaldturm am Wannsee. „Wo ungefähr liegt die Simon-Dach-Straße in Friedrichshain? Da wohne ich“, will Mischa wissen. „Dort, hinter der Mercedes-Benz-Arena“, erklärt Maikowski.

Die nächste Stunde vergeht mit zahlreichen spannenden und interessanten Architektur- und Stadtgeschichten. Maikowski ist ein sprechendes Lexikon, und weiß über viele außergewöhnliche Kapitel der Berliner Stadtgeschichte zu berichten. „Dort vorn, an der Hauptstraße, wohnte David Bowie zusammen mit Iggy Pop.“

Ob es die Führungen künftig noch gibt, ist ungewiss

Irgendwo zwischen Hauptbahnhof und Reichstag wurde Sascha Maikowski in einem Luftschutzkeller geboren. Vielleicht war es diese bedrückende, furchterregende Enge, die ihn genauso wie der Muff der Fünfziger Jahre dazu brachte, auszubrechen. Zuerst Anfang der Sechziger Jahre nach Frankfurt am Main, wo er Soziologie studierte. „Ich habe in der WG geschlafen, in der Joschka Fischer wohnte. Der fuhr damals Taxi.“ Später zog es ihn in die Welt, er wurde Reiseleiter in Südamerika, Afrika und Asien, zählte in einigen Gegenden von Australien und Neuseeland zu den ersten Guides aus Deutschland.

Fast vierzig Jahre war er unterwegs, nie länger als ein Jahr in einem Land, zuhause auf allen Kontinenten, bis es ihn 2005 wieder nach Berlin zog. „Ich habe angefangen, Touren für Touristen aus Übersee auf Englisch zu organisieren“, erzählt er. Durch Zufall kam er zum Gasometer. Anfangs als einer von vielen Guides, die eineinhalbstündige Touren durchführten. „Die ersten Monate hatte ich mit meiner Höhenangst zu kämpfen“, gesteht er, doch mittlerweile freut er sich schon, wenn in 78 Metern Höhe „nichts mehr über mir ist als der Himmel. Ich finde diese Arbeit sehr spannend, weil man sozusagen im Wochentakt sieht, wie sich die Stadt verändert.“

Als er mit den Führungen begann, bestimmten Europa-Center und Bayerhochhaus am Zoo die Skyline der City-West. Heute recken sich hier das Waldorf-Astoria und das Upper West in den Himmel.

Für Maikowski schließt sich mit seinem Job am Gasometer ein Lebenskreis

Sascha Maikowski hat das Gefühl, dass sich mit seinem Job am Gasometer ein Lebenskreis schließt. „Hat doch was für sich, wenn man die Dinge von oben betrachtet“, sagt er. Dann zeigt er auf Reichstag und Kanzleramt. „Schauen Sie sich das an. Von hier aus scheint es, als stünden die beiden Gebäude weit voneinander entfernt. Dabei wissen wir, es sind gerade mal knapp 400 Meter. Was mal wieder beweist, das vieles eine Frage der Perspektive ist.“

Später zeigt er, wo Marlene Dietrich geboren wurde und erklärt, Berliner können durchaus auf Flughäfen bauen. Nämlich den in Tegel, Ende er 1960-er Jahre, innerhalb von gerade mal drei Jahren. Das sorgt in der Gruppe für Heiterkeit. Pia, Beate und Mischa sind begeistert von der Führung. „So viel Informationen, da könnte man glatt noch mal kommen“, sagt Berlin-Besucherin Beate. Am besten noch dieses Jahr, denn die Zukunft der Touren ist ungewiss.

Touren Die 80- und 90-minütigen Touren finden bei gutem Wetter von Ende März bis Anfang November Freitag- und Samstagnachmittag und -abends statt, gelegentlich auch an anderen Tagen, manchmal auch nachts. Kosten: Nachmittags-Tour 23 Euro, Sonnenuntergangstour (empfehlenswert!), 26 Euro. Gruppen bis maximal 9 Personen können die Führungen exklusiv buchen. Anmeldung per E-Mail: gasometertour@gmail.com

Fotos Während der Tour machen Maikowski und sein Team Fotos, die von den Teilnehmenden über eine Dropbox heruntergeladen werden können. „Wir haben kein Geld für Werbung, aber so machen wir uns beliebt. Mundpropaganda ist ohnehin die beste Werbung“, erklärt der Gasometer-Guide. In einem Gebäude neben dem Gasometer ist eine kleine Ausstellung zur Geschichte des Stahlbaus zu sehen, inklusive Pläne für einen gläsernen Gewerbeimmobilienbau im Inneren des Gasometers. Spätestens wenn diese Arbeiten beginnen, wird es keine Führungen mehr geben.