Glauben

Darum ist diese Pfarrerin Youtuber Rezo dankbar

Die 32 Jahre alte Theresa Brückner sagt: Die Kirche kommt an den sozialen Medien nicht mehr vorbei.

Die digitale Pfarrerin Theresa Brückner

Die digitale Pfarrerin Theresa Brückner

Foto: Jörg Krauthöfer

Schöneberg.. Theresa Brückner ist dem Youtuber Rezo dankbar. Nicht dafür, dass er die CDU kurz vor den Wahlen zum Europäischen Parlament auseinandernahm und auch SPD und AfD nicht schonte. Nein, für die 32 Jahre alte Pfarrerin aus Berlin zeigt das gewaltige Echo auf das millionenfach geklickte Video, dass niemand mehr die Bedeutung des Netzes unterschätzen sollte.

„Seit dem Video dürfte vielen in der Kirche bewusst geworden sein, dass auch wir nicht mehr an den sozialen Medien vorbeikommen. Sie sind dadurch wachgerüttelt worden“, zeigt sich Theresa Brückner überzeugt. Und stellt fest: „Viele, die mich belächelt haben, verstehen mittlerweile besser, weshalb ich nicht nur auf die klassische Kirchengemeindearbeit setze.“

Internet-Petition „Schicken wir ein Schiff“ unterzeichnet

Die junge Frau hat nicht nur seit knapp einem halben Jahr eine Pfarrstelle in der 5400 Mitglieder zählenden evangelischen Paulus-Gemeinde in Tempelhof, sie ist auch Pfarrerin im digitalen Raum. Über ihren Youtube-Kanal, Twitter, Facebook und Instagram berichtet sie im Internet als @theresaliebt aus ihrem Alltag und erzählt dort über ihren Glauben. Fast täglich lässt sie ihre Follower über den Hashtag #waspfarrerinnensomachen an ihren Erlebnissen teilhaben.

Regelmäßig meldet sich die Pastorin, die im „echten Leben“ für Gottesdienste, Taufen, Hochzeiten und Beerdigungen zuständig ist, zu aktuellen Themen zu Wort. So teilte sie anlässlich der Verhaftung von Carola Rackete in Italien die auch von ihr unterschriebene Internet-Petition „Schicken wir ein Schiff!“ mit ihren Followern. „Es war inakzeptabel, dass die deutsche Kapitänin verhaftet wurde, nachdem sie mit dem Rettungsschiff „Sea-Watch 3“ und 40 Migranten an Bord in den Hafen der italienischen Insel Lampedusa eingefahren war“, kritisiert die Pfarrerin. Sie macht sich nicht nur für eine humane Flüchtlingspolitik stark, in den vergangenen Wochen thematisierte sie verstärkt auch Themen wie Homo- oder Transphobie.

Über Social Media in Kontakt mit Menschen kommen

Eine Pfarrstelle wie die ihre ist noch ziemlich ungewöhnlich. Der Kirchenkreis Tempelhof-Schöneberg beschäftigt als einziger Kirchenkreis in der evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz eine „Influencerin Gottes“. Die Landeskirche war Vorreiterin, im April vergangenen Jahres setzte sie Stefanie Hoffmann als Pastorin mit diesem Schwerpunkt ein.

„Das Tolle daran ist, dass ich in Kontakt mit Menschen komme, die sonst keinen Schritt in die Kirche setzen“, beschreibt Theresa Brückner ihre Aufgabe als Netzarbeiterin. Eine moderne Missionarin also? „Nein“, widerspricht sie. „Ich will ins Gespräch kommen und Angebote unterbreiten. Mir geht es darum, Menschen dazu anregen, über Glauben nachzudenken.“ Ein wichtiges Anliegen der Kirche in einer Zeit, in der sie ungebremst Mitglieder verliert. In Berlin zählte die evangelische Kirche Ende 2017 – das sind die aktuellsten Zahlen – nur noch rund 575.700 Mitglieder, fast 9300 waren in jenem Jahr ausgetreten.

Schon als Schülerin war Theresa Brückner engagiert

Wie kam sie selbst zu ihrem Glauben? „Ich bin in einem christlichen Elternhaus aufgewachsen“, erzählt sie. „Der Glaube hat mir immer viel bedeutet, er gibt mir Kraft.“ Schon als Schülerin engagierte sie sich in der kirchlichen Jugendarbeit, gestaltete Jugendgottesdienste mit und betreute eine junge Gemeinde in Pankow. Nach dem Abitur am Max-Born-Gymnasium in Wilhelmsruh studierte sie Theologie an der Humboldt-Universität. Während des Studiums führte sie Touristen durch die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche, kümmerte sich zudem in der Hoffnungskirche in Pankow um die Jugendlichen und die Konfirmandinnen und Konfirmanden. In Pankow wohnt sie auch heute noch, mit ihrem Mann, der gerade das Vikariat macht, den Vorbereitungsdienst als Pfarrer – und mit ihrem gemeinsamen zweieinhalbjährigen Sohn.

„In der christlichen Jugendarbeit habe ich erfahren, wie gut es tut, so angenommen zu werden, wie man ist“, erzählt sie. „Daraus entwickelte sich der Wunsch, dass ich genau das den Menschen später zurückgeben will.“ Ihre feste Überzeugung, dass Gott jeden Menschen so liebt wie er ist, wolle sie gerade in der „heutigen Überforderungsgesellschaft“ an die Menschen weitergeben. Viele könnten in Phasen ihres Lebens die erwartete Leistung nicht erbringen. Oder sie haben schon im Schulsystem das Gefühl, zu scheitern. „Ihnen möchte ich das Gefühl geben, dass sie Wert sind,“ sagt Theresa Brückner.

Viele Krisen meisterte die junge Pfarrerin

Die junge Frau, die so fröhlich wirkt, hatte auch selbst schon Krisen zu meistern. Die Eltern trennten sich, als sie 16 Jahre alt war. Sie hat das Sterben ihrer Großeltern begleitet, war mit ihrem Opa über Wochen im Hospiz. „Es gab durchaus Momente, wo ich das Gefühl hatte: Die Welt gerät aus den Fugen. Aber der Glaube hat mir immer das Gefühl gegeben, nicht alleine zu sein“, schildert sie. Die Pfarrerin glaubt die Gründe zu kennen, weshalb die Kirchen immer mehr Mitglieder verlieren und viele Gotteshäuser meist nur noch an Weihnachten voll sind.

„Die Kirche muss unbedingt zu einer Sprache finden, die die Menschen verstehen“, sagt sie. Pfarrerinnen und Pfarrer sollten sich viel mehr trauen, eigene Worte zu verwenden. Ihr Job im World Wide Web ist da eine gute Schulung. „Gerade auf Instagram sind so viele Leute unterwegs, die nicht in der Kirche sind, da muss ich immer überlegen: Wie schreibe ich die Dinge so auf, dass sie bei den Menschen auch ankommen.“ Eine Zielgruppe habe sie auch im Netz nicht. Dort treffe sie nicht nur auf Jüngere. Selbst ihre fast 80 Jahre alte Oma habe sich auf Instagram angemeldet.

Auch Hasskommentare erreichen sie

Und wie fallen die Reaktionen in den sozialen Medien aus? „Das, was die Menschen mir schreiben, berührt mich oft sehr“, berichtet sie. Neulich teilte ihr einer mit, er habe durch sie über Glauben nachgedacht und sei mit dem Pfarrer vor Ort ins Gespräch gekommen. Später habe er sich taufen lassen. Doch es gibt auch Hasskommentare und sexuelle Anmache. „Das hat mich anfangs sehr mitgenommen, mittlerweile kann ich besser damit umgehen“, sagt sie. Erstmals hat sie jetzt Anzeige erstattet. Auch das twitterte sie. „Ich möchte damit allen Frauen Mut machen: Niemand darf Euch sexuell per E-Mail oder Nachricht beleidigen. Wir wehren uns.“

Oft belehren sie Männer, dass Frauen gar keine Pfarrerin sein dürften. „Denken die wirklich, dass ich mich einschüchtern lasse“, frage sie sich dann. Ihr ist klar, dass es auch in Kirchenkreisen immer noch Vorbehalte gegen die Kirchenarbeit im Netz gibt. So kritisierte der von ihr sehr geschätzte frühere Bischof und Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Wolfgang Huber, Kirche müsse ein Ort sein, an dem sich Menschen begegnen und sich nicht durch Twittern aus dem Weg gehen. Als Theresa Brückner – wie viele andere – mit ihm diesen Tweet auf Twitter diskutieren wollte, reagierte er nicht. „Indem er nicht in Dialog ging, machte er genau das, was er vorher kritisiert hatte“, wundert sie sich heute noch. Huber erklärte später in einem Interview mit evangelisch.de, dass ihm für eine angemessene Reaktion schlichtweg die Zeit gefehlt habe.

In einem Youtube-Video fasste Theresa Brückner die ersten hundert Tage als Pfarrerin so zusammen: „Voller Aufregung, Freude, ein bisschen Angst, Respekt und dem Gefühl, dass ich nichts anderes machen möchte als diesen Job.“ Daran, so sagt sie bei unserem Treffen in ihrem kleinen Büro im Tempelhofer Pfarrhaus an der Götzstraße, habe sich nichts geändert. Es klingt ziemlich überzeugend.