Ämterstreit

Der absurde Streit um die Toiletten am Winterfeldtmarkt

Tausende besuchen in Schöneberg den Winterfeldtmarkt. Doch es gibt keine öffentliche Toilette, dafür eine Posse um zwei Händler-WCs.

Der entnervte Fischverkäufer Lothar Gierke-Löhr vor den mobilen Toiletten für die Händler des Winterfeldtmarktes.

Der entnervte Fischverkäufer Lothar Gierke-Löhr vor den mobilen Toiletten für die Händler des Winterfeldtmarktes.

Foto: David Heerde

Berlin. Der Winterfeldtmarkt in Schöneberg zieht Berliner aus allen Stadtteilen und Besucher aus aller Welt an. Die landeseigene Tourismus-Service-Agentur Visit Berlin wirbt im Internet auf einem großen Seitenfoto mit den bunten Ständen für einen Besuch in Tempelhof-Schöneberg. Jeden Mittwoch und Sonnabend verwandelt sich der Winterfeldtplatz im Schöneberger Regenbogenviertel zu einer Ess- und Bummelmeile. Vor allem am Wochenende schlendern Tausende über den Markt mit seiner ganz besonderen Atmosphäre. Für viele aber ein Ärgernis: Für die Besucher stehen dort keine öffentlichen Toiletten zur Verfügung – und für die Händler nur zwei orangefarbene mobile Toilettenboxen. Und um deren Zustand gibt es Streit.

„Unzumutbare Toiletten“

Seit gut einem Jahr kämpft Fischbrötchen-Verkäufer Lothar Gierke-Löhr darum, dass der Bezirk, der den Markt betreibt, die beiden aus seiner Sicht unzumutbaren Toiletten austauschen lässt. Ohne Erfolg. „Es ist doch absurd, dass der Bezirk sich mit dem Markt schmückt, es aber nicht fertig bringt, hygienische Toiletten und verlässlich fließendes Wasser dort anzubieten“, kritisiert er.

Briefe an Umweltsenatorin Günther und Bürgermeisterin Schöttler

Einen ganzen Stapel Briefe hat er geschrieben: an Berlins Umweltsenatorin Regine Günther (Grüne), an Bezirksbürgermeisterin Angelika Schöttler (SPD), Umweltstadtrat Oliver Schworck (SPD) – und an die zuständige Ordnungsstadträtin Christiane Heiß (Grüne). Am 20. Mai stellte er der Stadträtin schließlich ein Einweckglas mit trübem, stinkendem Wasser auf den Schreibtisch, das laut Gierke-Löhr aus dem Hahn über dem Handwaschbecken einer der beiden Toiletten stammt. Am Tag darauf ging er mit der Wasserprobe zum Gesundheitsamt Tempelhof-Schöneberg.

Gesundheitsamt war vor Ort

Am 22. Mai inspizierte daraufhin ein Mitarbeiter des Gesundheitsamtes die Toiletten, der informierte die Marktverwaltung und den Betreiber der mobilen Toiletten. Vier Wochen passierte dann laut dem Händler trotzdem nichts. Am 17. Juni schrieb er erneut an Stadträtin Heiß, dass der Schaden vier Wochen danach immer noch nicht behoben sei.

„Wir Markthändler werden mit zahlreichen Auflagen versehen, wie können die Behörden dann solche Zustände tolerieren?“, fragt der Händler, der seit rund 30 Jahren Fisch auf dem Winterfeldtmarkt verkauft. Bis 1990 gab es dort feste Toiletten auch für die Besucher.

„Wir versorgen die Bevölkerung mit Waren des täglichen Bedarfs, da kann es doch nicht sein, dass wir diese unhygienischen Toiletten benutzen müssen“, betont der 68-Jährige.

Stadträtin Christiane Heiß: Freiwilliger Service

Auf Anfrage der Berliner Morgenpost sagte Ordnungsstadträtin Christiane Heiß: „Die beiden mobilen Toiletten sind seit 20 Jahren ein freiwilliger Service der Marktverwaltung für die Händler.“ Dieser habe bis zum Frühjahr 2018 reibungslos funktioniert. Sie stellte klar: Der Bezirk, der den Markt betreibt, sei nicht verpflichtet, WC´s anzubieten. Weder für die Händler, noch für die Besucher.

Händler sollen selbst Abhilfe schaffen

Alle Lebensmittelhändler seien hingegen in der Pflicht, die lebensmittelrechtlichen Vorgaben zu erfüllen und für die entsprechende Hygiene im Umgang mit den Lebensmitteln zu sorgen. Unter anderem sei sicherzustellen, dass hygienisch einwandfreie sanitäre Anlagen für das Händewaschen zur Verfügung stehen. Die Verantwortung dafür trage der Gewerbetreibende. „Sollte der Händler also die hygienischen Bedingungen auf den WC´s anzweifeln, liegt es an ihm Abhilfe zu schaffen“, so Heiß.

Berliner Verwaltung und die Probleme

Dennoch stellt sich die Frage, ob dies nicht die Aufgabe des Bezirks ist, wenn er die mobilen Toiletten schon bereit stellt.

Der Vorgang zeigt auch, wie schwierig es in der Berliner Verwaltung offenbar ist, Probleme abzustellen.

Den Anbieten will man zunächst nicht wechseln. „Das Bezirksamt arbeite seit 2012 sehr gut mit dem derzeitigen Anbieter zusammen“, unterstrich die Stadträtin. Die Toiletten würden an den Markttagen früh aufgestellt und nach Ende der Marktzeit wieder abtransportiert, damit möglichst kein Vandalismus und sonstige Fehlnutzungen eintreten.

Gesundheitsamt nahm Proben

In der vergangenen Woche habe es tatsächlich einen Fehler an der Wasserversorgung des Handwaschbeckens gegeben, der trotz mehrfachen Austausches und Spülens nicht gefunden werden konnte, räumte Heiß ein. Inzwischen sei die Ursache gefunden und behoben. Der Fehler sei laut Firma so schnell nicht gefunden worden. Nun stehe fest: Der Abwasserschlauch im Handwaschbecken hat sich gelöst, vermutlich, weil die Kabinen von Unbekannten umgekippt wurden.

Eine Beprobung des Wassers durch das Gesundheitsamt habe keine neue Beanstandung ergeben. „Trotzdem haben wir die Kollegen gebeten, weiterhin die beiden Häuschen zu überprüfen“, betonte Heiß.

Als die Berliner Morgenpost den entnervten Fischbrötchen-Händler jetzt auf dem Markt besuchte, kam gar kein Wasser aus dem Toiletten-Hahn. Auch der Seifenspender fehlte.

Straßenstrich am Kurfürstenkiez hatte Vorrang

„Uns ist die Versorgung mit öffentlichen Toiletten an einem so wichtigen Platz ein Anliegen“, versichert Heiß. Deshalb habe sie die Senatsverwaltung für Umwelt und Verkehr gebeten, bei der Festlegung neuer Standorte für feste Toilettenanlagen der Firma Wall den Winterfeldmarkt mit einzubeziehen, sagte die Stadträtin.

Dies lässt sich leider nicht sofort umsetzen – die Planungen für die nächsten zwei Jahre seien bereits abgeschlossen. Der Bezirk habe zuletzt nur eine begrenzte Anzahl von Toilettenwünschen anmelden dürfen und sich lieber für eine Toilette am Straßenstrich, im Kurfürstenkiez entschieden. Denn: Rund um den Winterfeldtmarkt gebe es viele Restaurants und Cafés. Deren Toiletten könnten auch die Händler nutzen.

Öffentliche Toilette bis Ende des Jahres?

Womöglich gibt es aber bis Ende des Jahres doch noch eine Lösung für Besucher und Händler. Es werde geprüft, beim ohnehin geplanten Austausch der bestehenden öffentlichen Wall- Toiletten das WC an der Hohenstaufenstraße/Goltzstraße näher an den Markt zu verschieben, kündigte Heiß an. Eine Umsetzung wäre im vierten Quartal dieses Jahres denkbar. „Dieses Angebot wäre dann kostenpflichtig, aber für alle Markthändler und auch die Besucher in der bekannten Qualität und auch dauerhaft außerhalb der Marktzeiten nutzbar“, unterstrich die Stadträtin.