Görresstraße

Häuserkampf von Friedenau ist entschieden

Der Eigentümer wollte das alte Landhaus an der Görrestraße abreißen, der Bezirk lässt es nach Protesten unter Denkmalschutz stellen.

Der Bezirk Tempelhof-Schöneberg lässt die Häuser an der Görresstraße unter Denkmalschutz stellen.

Der Bezirk Tempelhof-Schöneberg lässt die Häuser an der Görresstraße unter Denkmalschutz stellen.

Foto: Sergej Glanze / Glanze/Berliner Morgenpost

Friedenau. Der Häuserkampf in Friedenau ist entschieden, die Anwohner haben gesiegt: Sie haben es geschafft, ein altes Landhaus vor dem Abriss durch einen Immobilieninvestor zu retten – und weitere Häuser dazu. Wie der zuständige Baustadtrat Jörn OItmann (Grüne) jetzt im Stadtentwicklungsausschuss von Tempelhof-Schöneberg mitteilte, ist das Landhaus an der Görresstraße 21 inzwischen in die Landesdenkmalliste aufgenommen worden. Die Initiative dazu ging vom Bezirk aus.

Das alte Landhaus war Ende des 19. Jahrhunderts errichtet worden. Aus der gleichen Zeit stammen die Bauten an der Görresstraße 23, die einst zu einem Fuhrunternehmen gehörten. Auch sie sind niedrig, auch sie sollten verschwinden. Nun stehen auch sie neu auf der Denkmalliste.

Eigentümer plante 40 bis 50 Wohnungen

Warum sollten die Häuser abgerissen werden? Der neue Eigentümer der beiden Grundstücke, die Bauwert Aktiengesellschaft, plant einen Neubau mit 40 bis 50 Eigentumswohnungen zwischen zwei hohen Gebäuden. Das Landhaus und die weiteren Bauten stehen dazwischen. An ihrer Stelle wollte der Investor ebenfalls mehrstöckige Häuser errichten.

Man wolle die Lücke zwischen den benachbarten hohen Häusern schließen, erläuterte Jürgen Leibfried, Gründer und Vorstand der Bauwert AG. „Wir sind der Meinung, dass es eine Aufwertung ist, wenn man da etwas Schönes hinbaut.“ Auf Anfrage der Berliner Morgenpost sagte Leibfried am Donnerstag zu der Entscheidung: „Mehrfach hatten sich die Denkmalbehörden in der Vergangenheit gegen eine Unterschutzstellung ausgesprochen, daher kam diese für uns überraschend und ist nicht nachvollziehbar.“

Entscheidung trotz Bauvorentscheids

Der Investor hatte bereits einen Bauvorentscheid erhalten. Dieser beinhaltete laut Baustadtrat Oltmann die Aussage, dass es planungsrechtlich möglich sei, die Lücke zu schließen. Er gehe davon aus, dass der Denkmalschutz den Plänen aber nun entgehen stehe, so Oltmann. Der Landeskonservator habe in seiner Mitteilung formuliert, dass ein Lückenschluss aus seiner Sicht nicht möglich sei. „Wir müssen die Nachverdichtung mit Augenmaß betreiben. Friedenau ist bereits der dichtesten besiedelte Ortsteil Berlins.“

1282 Unterschriften für den Erhalt

In dem Ortsteil gab es massiven Widerstand gegen den Abriss. „Einige der ältesten Häuser im Bezirk und eine für das alte Friedenau typische Mischung aus Landhaus, Künstler-Ateliers, kleinem Gewerbe und Wohnungen gingen damit verloren“, heißt es in der Online-Petition, die Anwohner initiiert haben. Inzwischen haben 1282 Unterstützer unterschrieben.

Ateliers und Unterstände

Auch Peter Hahn und Jürgen Stich vom Online-Portal friedenau-aktuell.de setzen sich dafür ein, dass die Häuser an der Görresstraße 21 und 23 erhalten bleiben. Nach ihren Recherchen gehörten sie einst dem Bauunternehmer Hermann Pählchen. Auf dem Grundstück Nummer 23 gab es Unterstände für Kutschen und Pferde sowie Wohnungen für Kutscher und Angestellte. Auf dem Hof der Görresstraße 21 entstand 1905 ein Ateliergebäude. Der Bildhauer Paul Hamann und seine Frau, die Malerin Hilde Hamann, arbeiteten dort. Beide hatten jüdische Wurzeln und mussten 1933 emigrieren. Dieses Ateliergebäude im Hof will die Bauwert AG als einziges stehen lassen. Es ist derzeit bewohnt. Auch ein Bildhauer arbeitet im Haus. Die Görresstraße sei einst ein Zentrum der Berliner Bildhauer-Kunst gewesen, meinen die Autoren von friedenau-aktuell.de. Sie schlagen vor, diesen Ort als ,Künstlerhof‘ für die Öffentlichkeit zu erhalten.

Grüner Stadtrat setzte sich dafür ein

Tempelhof-Schönebergs Baustadtrat Oltmann setzte sich dafür ein, dass auch die anderen Gebäude an der Görresstraße 21 und 23 erhalten bleiben. „Mit einer Neubebauung der Grundstücke wäre ein unverwechselbares Ensemble und damit ein Stück der Geschichte von Friedenau verloren“, warnte der Grünen-Politiker.

Der Stadtrat hatte das Landesdenkmalamt deshalb gebeten, zu prüfen, ob Denkmalschutz für die Gebäude möglich ist. „Das Ergebnis rettet die alten Häuser.“

SPD-Bezirksverordneter kritisiert Entscheidung

Der stadtentwicklungspolitische Sprecher der SPD-Fraktion, Christoph Götz-Gene, kritisierte jedoch die Entscheidung, Häuser nachträglich unter Denkmalschutz zu stellen, nachdem ein Investor das Grundstück gekauft hat. Dieser habe sogar schon einen positiven Bauvorbescheid erhalten, so Götz, „Ich finde das Vorgehen fragwürdig“, sagte er der Berliner Morgenpost. „Das tut dem Investitionsklima im Bezirk nicht gut.“ Man hätte einen Kompromiss finden müssen, so dass Wohnungsbau ermöglicht wird. Es seien um die 50 Wohnungen verhindert worden, die dringend gebraucht würden. „Das ist zwar ein Sieg für die Anwohner, für die Berliner Wohnungssuchenden jedoch eine Niederlage“, sagte Götz.