Rückbauforderung

Wie viele Fahrzeuge fahren tatsächlich über die A103?

Die A103 soll auf Vorschlag von SPD und Grünen zurückgebaut werden. Wie stark die Autobahn tatsächlich frequentiert ist.

Die Autobahn A 103 zwischen Steglitzer Kreisel und Sachsendamm sollte als Westtangente ursprünglich bis in den Berliner Norden führen. Sie wurde aber nicht weitergebaut.

Die Autobahn A 103 zwischen Steglitzer Kreisel und Sachsendamm sollte als Westtangente ursprünglich bis in den Berliner Norden führen. Sie wurde aber nicht weitergebaut.

Foto: Carsten Koall

Berlin. SPD und Grüne in Tempelhof-Schöneberg haben den von den Bezirksverordneten beschlossenen Antrag, die Autobahn A 103 zwischen Steglitzer Kreisel und Sachsendamm zu einer vierspurigen Stadtstraße zurückzubauen, mit dem nicht allzu hohen Verkehrsaufkommen auf der Westtangente begründet.

Nach Ansicht der CDU-Fraktion fußt der mit den Stimmen der Linken zustande gekommene Beschluss aber auf unrichtigen Annahmen. „Die Idee des Abrisses der A 103 wurde mit einer völlig falschen Datenlage zur Verkehrsstärke begründet“, kritisierte CDU-Fraktionsgeschäftsführer Christian Zander.

Was stimmt also nun? Der SPD-Bezirksverordnete Christoph Götz begründete die von der SPD und den Grünen geforderte Rückstufung der Autobahn damit, dass die Verkehrsbelastung auf dem Stück Autobahn zwischen Steglitz und Schöneberg mit unter 30.000 Fahrzeugen pro Tag eher einer vierspurigen Stadtstraße mittlerer Belastung entspreche.

Vergleich mit Tempelhofer Damm

Die CDU hingegen verweist auf Unterlagen, aus denen als Ergebnis der offiziellen Berliner Verkehrszählung hervorgeht, dass auf der A 103 allein auf dem Abschnitt Abfahrt Saarstraße bis Autobahnkreuz Schöneberg 73.500 Fahrzeuge innerhalb von 24 Stunden unterwegs sind.

Die Angaben beziehen sich auf das Jahr 2014. Damals waren es also mehr als zweimal so viele wie von SPD und Grünen angegeben. „Auf dem äußerst stauanfälligen Abschnitt des Tempelhofer Damms zwischen der Stadtautobahn und Platz der Luftbrücke wurden 2014 im Vergleich dazu 46.000 Fahrzeuge am Tag gezählt“, betonte Zander.

Senatsverwaltung: 32.000 Fahrzeuge im Durchschnitt

Auf Anfrage der Berliner Morgenpost teilte die Senatsverwaltung für Umwelt und Verkehr jetzt mit, dass die A 103 auf sieben Tage gerechnet tatsächlich nur von 32.000 Fahrzeugen befahren werde. Das sei aber ein rein statistischer Wert, der nichts über die tatsächliche Belastung der Autobahn aussage.

Diese Durchschnittszahl käme dadurch zustande, dass die Westtangente an den Wochenenden eher wenig genutzt werde, so die Begründung. Das durchschnittliche Verkehrsaufkommen an Werktagen - also von Montag bis Freitag - lag 2014 bei rund 64.000, auf dem meistbelasteten Abschnitt zwischen dem Autobahnkreuz Schöneberg und der Anschlussstelle Saarstraße wurden täglich 71.700 Pkw und Lkw gezählt.

Nach Auskunft der Verkehrssenatsverwaltung könnte eine vierspurige Stadtstraße wie die Heerstraße oder der Tempelhofer Damm zwischen 30.000 und 50.000 Fahrzeuge pro Tag bewältigen. Betrachtet man die Zahlen, so wäre die A 103 als mögliche vierspurige Stadtstraße mit ihrem Verkehrsaufkommen unter der Woche weitaus stärker belastet.

Autobahnkreuz „überdeckeln“

Die Bezirksverordneten von Tempelhof-Schöneberg fordern in ihrem Beschluss auch, dass der Stadtring A 100 im Bereich des Autobahnkreuzes Schöneberg „überdeckelt“ wird - und dann die Verbindungsschleifen zurückgebaut werden. Damit könnte Platz für ein Stadtquartier mit rund 1500 kommunalen und genossenschaftlichen Wohnungen geschaffen und Gewerbe angesiedelt werden.

„Mit diesem rot-rot-grünen Vorhaben wird ein Luftschloss aufgebaut, anstatt eine vernünftige Vision zu entwickeln“, kritisiert die CDU die Pläne. Der verkehrspolitische Sprecher der CDU-Fraktion, Ralf Olschewski warnt „Mit dem Rückbau der A 103 zwischen Steglitz und Schöneberg droht nicht nur eine jahrelange Dauerbaustelle, sondern auch das absolute Verkehrschaos in Steglitz, Friedenau und Schöneberg durch Zehntausende Fahrzeuge als Zusatzbelastung. Denn die Stadtautobahn diene der Entlastung der Schlossstraße und der Rheinstraße. „Die Schlossstraße konnte überhaupt nur deshalb vor wenigen Jahren radverkehrsfreundlich auf nur eine Fahrspur für Busse und Autos umgebaut werden“, so Olschewski.

Wie geht es nun weiter?

Der Beschluss der Bezirksverordnetenversammlung ist nicht bindend, sondern es handelt sich um eine reine Willensbekundung. Stadtentwicklungsstadtrat Jörn Oltmann (Grüne) kündigte gegenüber der Berliner Morgenpost an, er werde sich nun bald mit der Senatsverwaltung für Wohnen und Stadtentwicklung unter Katrin Lompscher (Linke) in Verbindung setzen. Der Vorschlag aus Tempelhof-Schöneberg solle in die Untersuchung miteinbezogen werden, die der Senat im Auftrag des Abgeordnetenhauses vornehmen wird, so Oltmann.

Die Abgeordneten des Berliner Parlaments hatten sich kürzlich für eine Machbarkeitsstudie ausgesprochen. Der Senat solle prüfen lassen, ob Autobahnabschnitte und Gleisanlagen in Berlin streckenweise „überdeckelt“ werden können. Sie reagierten damit auf den gewachsenen Bedarf an Flächen, die bebaut werden können.

Oltmann sagte: „Wir müssen solche Chancen nutzen.“ Berlin brauche dringend Platz für Wohnungen, Gewerbe, aber auch für Schulen, Kitas und Sportflächen. Er zeigte sich davon überzeugt: „Auch der Bund wird zur Einsicht kommen, dass es nicht wirtschaftlich ist, die Autobahn 103 weiter zu betreiben.“ In Deutschland verwalten derzeit noch die Länder die Autobahnen - im Auftrag des Bundes.

Sprecher: „Uns liegt noch kein Antrag vor“

Auf Anfrage der Berliner Morgenpost sagte der Sprecher der Verkehrssenatsverwaltung, Jan Thomsen: „Uns liegt noch kein Antrag aus Tempelhof-Schöneberg vor, die Autobahn zur Stadtstraße zurückzustufen. Läge er vor, würden wir ihn prüfen.“

Grundsätzlich müsste eine Herabstufung einer Autobahn beim Bund beantragt werden. Die Konsequenz wäre, dass das Land sämtliche Kosten tragen müsste. Der Bund legt derzeit über den Bundesverkehrsplan und den Bedarfsplan die Projekte fest und beauftragt die Länder mit der Planung. Er stellt den Ländern das Geld für den Ausbau und die Sanierung zur Verfügung.

Dieses Konstrukt soll sich aber ändern: Ab Anfang 2021 soll der Bund allein für die Planung, den Bau, den Betrieb und den Erhalt des rund 13.000 Kilometer langen Autobahnnetzes in Deutschland zuständig sein. Dann übernimmt die vom Bundesverkehrsministerium gegründete neue Gesellschaft alle Aufgaben. Von diesem Zeitpunkt an liegt die Zuständigkeit komplett beim Bund, die Länder geben dafür langjährige Zuständigkeiten ab. Also wäre dann der Bund der entscheidende Ansprechpartner. Diese Reform könnte sich aber verzögern.