Schulpolitik

Antrag: Wie Eltern vermeintlich schlechte Schulen umgehen

Wenn Grundschulen einen schlechten Ruf haben, tun Eltern alles, damit ihre Kinder woanders eingeschult werden. Ist das okay?

Die Spreewald Grundschule in Schöneberg liegt zwar zentral, trotzdem wollen viele Eltern ihr Kind hier nicht einschulen. Der Ruf ist zu schlecht

Die Spreewald Grundschule in Schöneberg liegt zwar zentral, trotzdem wollen viele Eltern ihr Kind hier nicht einschulen. Der Ruf ist zu schlecht

Foto: Reto Klar

Berlin.  Die Schulleiterin ist neu, gerade erst war Schulsenatorin Sandra Scheeres (SPD) vor Ort - und doch hat die Spreewald-Grundschule im Bezirk Schöneberg weiterhin mit den Anmeldezahlen zu kämpfen. Einhundert Wechselwünsche zukünftiger Erstklässler liegen dem Schulamt aktuell für das kommende Schuljahr 2019/20 vor - das geht aus einer Anfrage des SPD-Abgeordneten Joschka Langenbrinck hervor. Gewünscht wird meist der Wechsel zu einer anderen Grundschule innerhalb des Bezirks. „Ich vermute, die meisten bewerben sich für die Grundschule am Barbarossaplatz“, sagt dazu Schulstadtrat Oliver Schworck (SPD). Denn die ist nur wenige hundert Meter von der Spreewald-Grundschule entfernt.

Begehrte oder weniger begehrte Grundschulen, das ist ein Thema, über das man in der Senatsverwaltung für Bildung nicht so gerne spricht. Auf dem Papier ist ja alles ganz klar geregelt: Für jeden Erstklässler ist eine Einzugsgrundschule vorgesehen, die sich nach dem Wohnort des Kindes richtet. Doch es gibt die Möglichkeit, einen Wechselwunsch weg von der Einzugsgrundschule zu stellen. „Der Wechselwunsch muss aber nicht automatisch im Zusammenhang mit der Qualität der Schule stehen“, betont Iris Brennberger, Sprecherin der Senatsbildungsverwaltung.

Das Profil einer Grundschule kann entscheidend sein

Der Wechselwunschantrag ist ursprünglich nur dafür gedacht, spezielle Erwartungen von Eltern und deren Kindern an eine Schule zu erfüllen. Die eine Familie wünscht sich eine gebundene Ganztagsschule, die andere möchte Russisch als Partnersprache, die dritte will einen Schulort, an dem Inklusion betont wird. Schulwege, Geschwisterkinder oder attraktivere Privatschulen, all das spielt in die Wechselwunschstatistik hinein.

Doch zur Wahrheit gehört auch: Dort, wo in einem Einzugsbereich bildungsnahe und bildungsferne Milieus aufeinandertreffen, sind die Wechselwunsch-Zahlen häufig besonders hoch. Wie bei der Carl-Bolle-Grundschule in Mitte. Dort wurde in 148 Fällen ein Wechselwunsch beantragt. „Natürlich ist auch zu beobachten, dass Eltern von Schulen in sozial herausfordernden Lagen zu anderen wechseln wollen – das kann auch bei Schulen der Fall sein, die objektiv und qualitativ gute Arbeit machen“, sagt Sprecherin Iris Brennberger. Und manchmal ist es ein Zeichen dafür, dass ein Kiez sich wandelt. Wie bei der Carl-Bolle-Grundschule in Moabit.

Manche Kieze sind im Wandel - die Schulen kommen nicht immer hinterher

Das zur Schule nahe gelegene Westfälische Viertel in Moabit mit seinen schönen Altbauten ist begehrt bei jungen mittelständischen Familien. Südlich von der Turmstraße verändert sich der Kiez in rasendem Tempo. Das strahlt aus. „Oft hängt der Ruf einer Schule hinterher“, sagt Armin Gaspers, Vorsitzender des Bezirkselternausschusses in Mitte. Die neuen Eltern lieben zwar den Bezirk mit seinen rauen Unterschieden, ihrem Kind wollen sie aber diese Herausforderung lieber nicht zumuten. Zu groß ist die Angst, dass der Nachwuchs gleich zu Beginn bildungsmäßig ins Hintertreffen gerät. An der Carl-Bolle-Schule kommen viele Kinder aus Hartz-IV-Familien, über 90 Prozent wachsen in Familien auf, in denen Zuhause nicht deutsch gesprochen wird. Das alte raue Moabit.

„Zwang führt nicht weiter“, sagt der Schulstadtrat von Mitte

„Die Eltern müssen mitmachen“, bringt es der Schulstadtrat von Mitte, Carsten Spallek (CDU), auf den Punkt. Heißt: auch Eltern mit Bildungsehrgeiz müssten sich auf Schulen mit Kindern aus bildungsfernen Familien einlassen. Denn alles andere führe auf lange Sicht zur Segregation. Aber mehr als appellieren und mit attraktiven Profilen locken könne man nicht. „Zwang führt nicht weiter“, sagt er ganz klar.

Zwingen kann man niemanden, aber versuchen kann man es schon: indem man die Einzugsgebiete neu bestimmt wie beispielsweise im Bezirk Tempelhof-Schöneberg. Man muss sich das wie ein Fischernetz vorstellen. Straßenzüge, in denen Familien mit mehr Einkommen und besserer Bildung wohnen, werden dann einer Problemfall-Grundschule zugewiesen. „Ein bildungsnahes Publikum“, so drückt es der dortige Schulstadtrat Oliver Schworck (SPD) aus, soll hängenbleiben. Um eine Wende einzuleiten. Wie bei der Spreewald-Grundschule. Die machte zuletzt lediglich mit Gewaltvorfällen Schlagzeilen. Doch viele engagierte Eltern sind weniger Weltverbesserer als Pragmatiker. Die Folge: Einhundert Wechselwünsche.

Auch die Schulbauoffensive hat ihren Preis

Manchmal liegen die Gründe aber auch ganz woanders – wie bei der „Grundschule am Weißen See“ in Pankow. Das Schulgebäude aus den 20er Jahren wird gerade saniert. „Derzeit geschlossen“, heißt es auf der Facebook-Seite der Schule. Stimmt nicht. Die Schülerschaft ist nur in die Falkenberger Straße ausgelagert. Der Stress scheint groß, denn auch hier wollen viele Eltern ihren i-Dötzchen diese Erfahrung ersparen. 95 Wechselwunsch Anträge liegen vor.