Stadtentwicklung

Die Alte Mälzerei erwacht zu neuem Leben

Der Investor plant nach den Wünschen der Lichtenrader. Für die Bewohner soll die Alte Mälzerei zu einem Identifikationsort werden.

Investor Thomas Bestgen will die Alte Mälzerei an der Steinstraße  bis Dezember sanieren und umbauen.

Investor Thomas Bestgen will die Alte Mälzerei an der Steinstraße bis Dezember sanieren und umbauen.

Foto: Maurizio Gambarini

Tempelhof-Schöneberg.  Wer einen Lichtenrader fragt, was ihm am meisten an diesem Ortsteil gefällt, hört meist das Gleiche: Dass es hier, ganz im Süden von Tempelhof-Schöneberg, noch recht beschaulich und gemütlich zugeht. Er oder sie schwärmt dann von der fast dörflichen Idylle. Das Glück der gut 51.000 Bewohner trüben derzeit allerdings der zunehmende Verkehr und die im Februar begonnenen Bauarbeiten der Deutschen Bahn für den Wiederaufbau der Dresdner Bahn. Vergebens kämpften Bürger 20 Jahre dagegen, dass die künftige Trasse der Dresdner Bahn ihren Ortsteil zerschneidet – und mit meterhohen Schallschutzwänden wieder eine neue Mauer aufgebaut wird. Was die Stimmung derzeit aber sichtlich aufheitert, ist der Umbau der Alten Mälzerei zum Kulturzentrum und das neue geplante Wohnquartier für rund 500 Bewohner.

„Ich bin froh, dass das tote Ding nicht weiterhin einfach nur hier rumsteht“, sagt Wolfgang Spranger, Vorsitzender des Trägervereins „Lichtenrader Volkspark“.

Das imposante Gebäude steht seit Jahrzehnten leer

Das „tote Ding“ ist das trutzig anmutende Backsteingebäude an der Steinstraße ganz in der Nähe der S-Bahnstation, denn es steht seit Jahrzehnten leer. In dem 1898 errichteten Backsteingebäude hatte die Schöneberger Schlossbrauerei einst Malz herstellen lassen. Nach dem ersten Weltkrieg wurde die Mälzerei nur noch als Lager genutzt, während des Kalten Krieges beherbergte sie einen Teil der sogenannten West-Berliner Senatsreserve wie Grundnahrungsmittel und Medikamente.

Am vergangenen Wochenende konnten die Lichtenrader die Baustelle beim „Tag der Städtebauförderung“ besichtigen. Architekt Thomas Bestgen, der das dem Verfall preisgegebene Gebäude gekauft hat und mit öffentlichen Fördermitteln von rund 2,3 Millionen Euro bis Dezember dieses Jahres umbaut, schlägt bei dem Investitionsprojekt ungewohnt breite Zustimmung entgegen. Das liegt wohl vor allem daran, dass die Lichtenrader von Anfang beteiligt wurden. Die Gegend um die Bahnhofstraße gehört seit 2015 zum Fördergebiet Aktives Zentrum und wird mit Geldern des Bundes und des Landes umgestaltet.

Ort für Begegnungen und Weiterbildung

„Was hier entsteht, ist genau das, was Lichtenrade noch gefehlt hat“, findet Tobias Küßner. Er hat sich mit seiner Frau Anne und der zweijährigen Pauline auf dem Gelände umgesehen. Wie Hunderte weitere Lichtenrader. „Ich hoffe“, sagt Anne Küßner, „dass es auch ein Angebot für die Ganz Kleinen geben wird“.

Noch ist nicht alles vermietet. Der Bezirk Tempelhof-Schöneberg wird der größte Mieter in der alten Mälzerei sein. Er will etwa 3000 Quadratmeter in dem sechsgeschossigen Gebäude nutzen. Das Abgeordnetenhaus muss dies jedoch noch formal genehmigen. Einziehen sollen die Stadtbibliothek, die Volkshochschule VHS und die Musikschule. In dem denkmalgeschützten sechsgeschossigen Gebäude will der Bezirk unter dem Dach ein zweites Experimentarium schaffen. Ein Jugendmuseum, in dem das Thema Ernährung und Umwelt im Mittelpunkt stehen wird. Im Café Kurve, das psychisch beeinträchtigte und kranke Menschen beschäftigt, können im Erdgeschoss Bücher aus der Bibliothek gelesen werden. Es soll auch einen Raum für Ausstellungen, Konzerte und Feiern geben. Auch die Suppenküche findet Platz.

„Von diesem Leuchtturmprojekt geht ein Signal weit über die Bezirksgrenzen bis nach Brandenburg aus“, zeigt sich Bezirksbürgermeisterin Angelika Schöttler (SPD) überzeugt. Bildungsstadträtin Jutta Kaddatz (CDU) und Baustadtrat Jörn Oltmann (Grüne) sprechen unisono von einem neuen Identifikationsort für Lichtenrade.

Investor: Wir planten nach Wünschen der Lichtenrader

Der Lichtenrader CDU-Bundestagsabgeordnete Jan-Marco Luczak erhofft sich von der Aufwertung des Ortsteils auch einen Umkehrschub für die benachbarte Bahnhofstraße, der Einkaufsstraße Lichtenrades. Seit einigen Jahren haben die Händler dort zu kämpfen. Vor ihnen liegt noch einmal eine Durststrecke: Kommendes Jahr soll die Bahnhofstraße komplett aufgerissen und neu gemacht werden. Während der Bauzeit der Dresdner Bahn fallen auch noch Parkplätze weg.

Die Alte Mälzerei und das neue Stadtviertel, das bis 2022 um sie herum entstehen wird - das ist kein gewöhnliches Projekt. „Es gelingt uns hier, mit den Bürgern und politischer Unterstützung ein Revier zu schaffen, das nach den Wünschen der Lichtenrader gestaltet wird“, sagt Investor Bestgen. So soll im ehemaligen Landhaus Lichtenrade, Herzstück des einstigen Dorfes, nach der Sanierung eine private Brauerei Bier ausschenken.

Die Wohnscheibe, ein alter Wohnblock bleibt erhalten, innen ist das Haus laut Bestgen schon modernisiert. In einem der durch Bestgens UTB Projektgesellschaft geplanten Neubauten ist eine Schwimmhalle mit einem acht Meter mal Zehn-Meter-Schwimmbecken vorgesehen. Die rund 200 geplanten Wohnungen sollen zu zwei Dritteln genossenschaftlich betrieben werden. Ein Teil soll mit Wohnberechtigungsschein günstig zu mieten sein und sozialen Trägern für betreutes Wohnen zur Verfügung gestellt werden.

Wohnen für alle

Eine Gruppe von Lichtenradern arbeitet derzeit intensiv an einem generationsübergreifenden Konzept für gemeinschaftliches Wohnen. Gegründet hat den „Wohntisch“ Margrit Schmidt. Die Logopädin im Ruhestand, die später selbst im neuen Quartier einziehen will, erläutert: „Entweder eine Gruppe von sechs bis zwölf Bewohnern mit jeweils eigenem Schlafzimmer und Bad könnten sich einen Wohn- und Kochraum teilen, oder die Bewohner ziehen in eine abgeschlossene Wohnungen.“ Sie betont: „Am „Wohntisch sitzen derzeit vor allem Menschen ab 60 Jahre. Wir wünschen uns für das gemeinschaftliche Wohnprojekt aber alle Altersgruppen.“

Um die Bahnhofstraße herum leben derzeit besonders viele alte Menschen. Längst ziehen aber immer mehr junge Familien nach Lichtenrade – nun vielleicht auch in das neue Revier.