Platz für Neubauten

Grüne und SPD wollen Berlins A103 zurückbauen

Vorschlag des Bezirks: Die Autobahn A103 soll vom Steglitzer Kreisel bis zum Sachsendamm zur vierspurigen Straße zurückgebaut werden.

 Die Autobahn A103 soll vom Steglitzer Kreisel bis zum Sachsendamm zur vierspurigen Straße zurückgebaut werden.

Die Autobahn A103 soll vom Steglitzer Kreisel bis zum Sachsendamm zur vierspurigen Straße zurückgebaut werden.

Foto: carstenkoall.com

Berlin. Das kurze Stück Bundesautobahn 103 – die sogenannte Westtangente – vom Steglitzer Kreisel zum Sachsendamm soll zur Stadtstraße zurückgestuft und vierspurig werden. Dieser Vorschlag kommt aus Tempelhof-Schöneberg.

SPD und Grüne wollen dazu gemeinsam am kommenden Mittwoch in der Bezirksverordnetenversammlung einen Antrag einbringen. Sie fordern auch, dass der Stadtring A 100 im Bereich des Autobahnkreuzes Schöneberg „überdeckelt“ wird - und dann auch die Verbindungsschleifen zurückgebaut werden. Damit könnte Platz für Wohnungen und Gewerbe geschaffen werden.

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Autobahn A103: „Weniger als 30.000 Fahrzeuge pro Tag“

„Die Verkehrsbelastung auf dem Stück Autobahn zwischen Steglitz und Schöneberg entspricht mit unter 30.000 Fahrzeugen pro Tag eher einer vierspurigen Stadtstraße mittlerer Belastung“, sagte der stellvertretende Vorsitzende der SPD-Fraktion, Christoph Götz-Geene. „Eine vierspurige Straße reicht dort aus, mit Radwegen in beide Richtungen.“

Hintergrund: Verkehrschaos: Bürger fühlen sich von der City abgeschnitten

Das nur 4,2 Kilometer lange Autobahnteilstück zwischen Steglitz und Schöneberg war 1968 eröffnet worden. Geplant war damals noch, eine Autobahnverbindung über Schöneberg, Tiergarten und Wedding zu bauen, um damit eine Anbindung an die A 111 nach Hamburg zu schaffen. Doch gegen die Pläne, die Autobahn vom Schöneberger Kreuz Richtung Norden weiterzubauen, gab es heftigen Widerstand. Die komplette Westtangente wurde nie realisiert.

„Die ursprüngliche Planung hat definitiv keine Perspektive mehr“, sagte Götz-Geene der Berliner Morgenpost. „Die vorgesehenen Flächen werden längst anders genutzt, durch den Euref-Campus oder als Gleisdreieck-Park.“

Die nun von ihm präsentierte Idee, die auch die Grünen mittragen, eröffne Perspektiven für den Umgang mit den Flächen im weiteren Verlauf dieses Autobahnstummels, so der stadtentwicklungspolitische Sprecher der SPD. „Von diesem Zubringer könnten Flächen für Wohnungen und Gewerbe abgetrennt werden.“

Autobahnkreuz soll Platz machen für neues Stadtquartier

„Deckel drauf: Kleeblatt Schöneberg als urbanes Quartier entwickeln“, lautet der Titel des Antrags der auch die Umgestaltung des Autobahndreiecks Schöneberg vorsieht. Damit wollen SPD und Grüne ein Thema in die Bezirkspolitik tragen, das gerade landespolitisch diskutiert wird.

Das Berliner Abgeordnetenhaus hat die Verkehrsverwaltung jüngst beauftragt, die Machbarkeit einer streckenweise Deckelung von Autobahnabschnitten oder Gleisanlagen zu prüfen. Sie reagieren damit auf den gewachsenen Bedarf an Flächen, die bebaut werden können. Der Beschluss wurde im Verkehrsausschuss mit den Stimmen der Regierungsfraktionen von SPD, Grüne und Linke sowie der oppositionellen CDU gefasst. Geprüft werden soll eine Überbauung vor allem für die Autobahn 100 am Dreieck Funkturm. Nach derzeitigem Stand könnten damit vor allem neue Grünflächen entstehen. In Hamburg plant die Stadt, die A7 auf einer Länge von mehr als dreieinhalb Kilometern zu „überdeckeln“ und darauf Grünflächen anzulegen.

Der zuständige Baustadtrat von Tempelhof-Schöneberg, Jörn Oltmann (Grüne) begrüßte den Vorstoß der Fraktionen in der Bezirksverordnetenversammlung auf Anfrage. „Die Initiative, sich mit diesem Raum auseinanderzusetzen, finde ich auf jeden Fall wichtig“, sagte Oltmann. Tempelhof-Schöneberg brauche dringend weitere Flächen.

CDU-Fraktion spricht sich für Deckel aus

Auf Kritik stieß der Vorschlag bei der CDU. „Es ist absurd, in einer wachsenden Stadt immerzu einen Rückbau von Straßen zu fordern. Der Vorschlag von Rot-Grün in Tempelhof-Schöneberg, die Westtangente der A 103 mit nur noch vier Fahrspuren in eine Stau-Tangente zu verwandeln, lehnen wir daher ab“, sagte Oliver Friederici, verkehrspolitischer Sprecher der Unionsfraktion Berlin. Unklar sei auch, wer den Umbau der ehemaligen Bundesstraße bezahle. Die CDU befürwortet hingegen eine Überbauung der Stadtautobahn. Man wolle die initiierte Machbarkeitsstudie für den Teilabschnitt der A 100 am Dreieck Funkturm abwarten. „Daraus könnten sich neue spannende städtebauliche Perspektiven entwickeln“, so Friederici.

FDP fordert Gesamtkonzept für Anbindung

Henner Schmidt, infrastrukturpolitischer Sprecher der FDP-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus, warnte: „Ein Rückbau der A103 würde sehr hohe Kosten verursachen und erhebliche Auswirkungen auf die Verkehrsströme haben.“ Daher müsse erst einmal ein Gesamtkonzept für die Anbindung von Steglitz entwickelt werden. Vordringlich sei es für die FDP-Fraktion, der Umbau des Abzweigs Steglitz, um den Breitenbachplatz zurückzugewinnen. „Bei möglichen Überdeckelungen der A100 hat für uns ganz klar der Abschnitt in Charlottenburg höchste Priorität“, sagte Schmidt.

Der verkehrspolitische Sprecher der AfD, Frank Scholtysek erteilte den Bezirksplänen, das innerstädtische Autobahnnetz zu verkleinern, eine klare Absage. „Die Stadtautobahn ist der Garant für zügige Mobilität und schützt die wachsende Stadt vor verstopften Straßen und Abgasen“, sagt er. „Daher muss sie im Gegenteil ausgebaut werden.“ Die A 103 werde gebraucht.

Bürgerinitiative Westtangente warnt vor zu hohen Kosten

Norbert Rheinlaender, Vorsitzender und Mitbegründer der Bürgerinitiative Westtangente, sagte der Berliner Morgenpost: „Die Idee, die Fahrbahnen einzutunneln, hatten wir bereits 1975.“ Damals gewann die Bürgerinitiative den Peter-Joseph-Lenné-Preis des Landes Berlin. Den Ideenwettbewerb zur Landschaftsentwicklung und Freiraumplanung lobt die Senatsverwaltung für Umwelt alle zwei Jahre aus.

Mit dem Preisgeld schrieben Akteure der Bürgerinitiative damals ein Buch: „Stadtautobahnen. Ein Schwarzbuch zur Verkehrsplanung“. Das Ziel, „gegen den Unsinn der Idee einer Autobahnverlängerung anzukämpfen“, hat die BI erreicht. In den 1990er-Jahren beerdigte der Senat die Pläne.

Was hält Architekt Rheinlaender von dem Vorstoß der Bezirksverordneten-Fraktionen? „Bei einer Übertunnelung des Autobahndreiecks müsste auf alle Fälle auf eine behutsame Entwicklung geachtet werden“, fordert er. „Es darf keine Situation wie an der Schlangenbader Straße in Wilmersdorf entstehen.“ Dort war in den 1970er-Jahren ein riesiger Wohnkomplex über die Autobahn gebaut worden.

Und was ist mit der Idee, das Westtangenten-Autobahnstück zu einer vierspurigen Straße zurückzubauen? „Das bringt nicht viel“, glaubt der BI-Vorsitzende. „Ein Rückbau würde nur enorme Kosten verursachen.“ Das sieht auch der Tempelhof-Schöneberger CDU-Fraktionsvorsitzende Matthias Steuckardt so. Er warnt vor den gravierenden Folgekosten. Denn bislang ist der Bund als Eigentümer für die Unterhaltung der A 103 zwischen Steglitz und Schöneberg zuständig. Jüngst erst wurde auf Kosten des Bundes der Asphalt auf einem Teilstück erneuert. Die Überdeckelung des Autobahnkreuzes Schöneberg hingegen habe auch die CDU schon gefordert. „Ob das aber auch tatsächlich umsetzbar ist, muss geprüft werden“, sagte Steuckardt.