Konzept für Erweiterung

Mehr Unterstützung für Industriegebiete gefordert

Für den Siemens-Campus hat der Senat rasch die Weichen gestellt. Bestehende Industriegebiete fordern auch stärkere Unterstützung.

Ulrich Misgeld kämpft für eine Verbesserung der Bedingungen für das Gewerbegebiet Motzener Straße in Marienfelde.

Ulrich Misgeld kämpft für eine Verbesserung der Bedingungen für das Gewerbegebiet Motzener Straße in Marienfelde.

Foto: Massimo Rodari

Berlin.  Der Vorsitzende des Unternehmernetzwerkes Motzener Straße, Ulrich Misgeld, fordert von der Politik mehr Unterstützung für die bestehenden Industriegebiete in Berlin. „Wir wünschen uns vom rot-rot-grünen Senat die gleiche Unterstützung und Entscheidungskraft wie er sie in vorbildlicher Weise beim Siemens-Campus gezeigt hat“, sagte Misgeld der Berliner Morgenpost. Er begrüßte den am Dienstag vom rot-rot-grünen Senat beschlossenen „Stadtentwicklungsplan Wirtschaft 2030“. Dieser sieht vor, dass den Unternehmen in Berlin pro Jahr 40 Hektar zusätzlich für Neuansiedlungen und Erweiterungen zur Verfügung gestellt werden.

Konzept für Siemens-Campus in kurzer Zeit

Innerhalb nur kurzer Zeit hatten sich der Senat und Siemens auf ein Konzept- und Eckpunktepapier für den Standort Berlin geeinigt. Darin ist festgehalten, wie Berlin dem Unternehmen unter anderem beim Denkmalschutz, beim Planungsrecht und bei der Verkehrsanbindung entgegen kommen möchte. Auf dem Firmengelände nördlich der Nonnendammallee sollen 70 Hektar neben Büros, Hotels, Labors und Räumen für Start-Ups auch rund 3000 Wohnungen entstehen. Bis 2030 will Siemens bis zu 600 Millionen Euro in den Innovationscampus investieren.

„Bis heute keine Perspektive“

„Das Unternehmernetzwerk Motzener Straße hat schon vor zwei Jahren ein Konzept für eine Erweiterung und die dringend notwendige bessere Verkehrsanschließung unseres Industriegebietes zugesandt, doch bis heute gibt es keine Perspektive für eine ernsthafte Diskussion der Vorschläge“, bedauert Misgeld. Er erhofft sich, dass sich dies nun ändert. Denn der neue Entwicklungsplan sieht auch für den Wirtschaftsstandort Tempelhof-Schöneberg ein erhebliches Erweiterungspotenzial.

Im Gewerbe- und Industriegebiet Motzener Straße in Marienfelde sind derzeit rund 200 Betriebe mit mehr als 5000 Beschäftigten angesiedelt. Mehr als die Hälfte der Unternehmen im produzierenden Gewerbe – vor allem in der Metallverarbeitung, dem Maschinenbau, der Pharma-Produktion und der Kunststoffverarbeitung. Darunter der Kunststoffhersteller India Dreusicke, der im Wettbewerb mit China die Herstellung der Fritz Boxen nach Berlin geholt hat und der Weltmarktführer Promess mit seinen innovativen Servopressen für alle namhaften Automobil-Konzerne.

Hohes Wachstumspotenzial

Laut einer vom Netzwerk in Auftrag gegebenen Potenzialanalyse von Oktober 2017 könnte die Zahl der Arbeitsplätze am Standort am südlichen Rand der Hauptstadt um weitere 3000 bis 4000 gesteigert werden. Dazu müssten aber die Voraussetzungen mit Hilfe von politischen Entscheidungen getroffen werden. Das Gewerbegebiet liegt nicht weit vom Güter- und Verkehrszentrum (GVZ) Großbeeren in Brandenburg entfernt, doch der An- und Abtransport der Waren gestaltet sich laut Misgeld zunehmend schwierig.

Tägliches Verkehrschaos

Rund 200 bis 300 Lkw rollen täglich in die Motzener Straße, an den Kreuzungen, vor allem auch an der Bundesstraße 101/Nahmitzer Damm staut es sich aufgrund des Liefer- und auch Pendlerverkehrs in den Stoßzeiten massiv. Mit der für Oktober 2020 geplanten Eröffnung des Hauptstadtflughafens BER werde das Problem noch zunehmen, so Misgeld. „Das Liefer-Verkehrsaufkommen könnte halbiert werden, wenn die Lastwagen nicht mit jeder Palette zu uns fahren müssten und das GVZ unser „hub“ sein kann, betonte er. Mit der Geschäftsführung des GVZ sei man im Gespräch.

Streit um Schichauweg

Das Unternehmernetzwerk hat deshalb vorgeschlagen, den Schichauweg in Richtung B 101 weiterzubauen. Damit könnte der Lieferverkehr direkt in Richtung Großbeeren abgewickelt werden. Gegen diesen Plan protestieren allerdings Umweltverbände und die Bürgerinitiative „Rettet die Marienfelder Feldmark“, auch der CDU-Bundestagsabgeordnete Marco Luczak warnt davor, die grüne Idylle zu zerstören.. Misgeld will nun, dass ein breiter Dialog darüber in Gang kommt. „Man spricht über uns, aber nicht mit uns“, kritisiert er. „Wir haben heute schon viele Beispiele von Elektromobilität im Industriegebiet und werden uns dafür einsetzen, dass der Verkehr dann über den Schichauweg mit Elektrofahrzeugen durchgeführt wird.“ Er betonte weiter: „Eine Verkehrsentlastung hier im Süden dürfte im Interesse aller Bürger liegen.“

Planung für Bahnhof veraltet

Zu den Forderungen des Netzwerkes gehörte auch ein Regionalbahnhof Buckower Chaussee, der nun im aktuell verabschiedeten Nahverkehrsplan enthalten ist. Allerdings sei die bisherige Planung für das Umfeld des Bahnhofes noch auf dem Stand vor 20 Jahren, stellt Misgeld fest. Das Netzwerk plädiere deshalb dafür, diese Planungen zu überarbeiten. Ein mobility-hub mit sicherer Unterbringungen von Fahrrädern, Ladestationen für E-Bikes und Car-Sharing-Angeboten gehöre heute zum Standard.

„Die Querung der künftig vier Gleise ist bisher nur über die entstehende Straßenbrücke möglich, das ist eine unnötige Erschwernis für Radfahrer, Passanten mit Kinderwagen und mobilitätseingeschränkte Personen“, betonte Misgeld. „Hier kann eine Unterführung helfen, für die sich das Netzwerk einsetzt.“

„Klimaschutz besser fördern“

Das Klimaschutz-Programm für das Industriegebiet sei fast drei Jahre alt, genau so lange bemühe sich das Netzwerk um Mittel zur Umsetzung überbetrieblicher Projekte. „Wir hoffen jetzt auf praktische Umsetzungsschritte mit dem Berliner Energie- und Klimaprogramm (BEK 2030) des Senats und werden für einzelne Maßnahmen Mittel beantragen“, kündigte Misgeld an. Als bisher einziges Industriegebiet habe man ein bereits national ausgezeichnetes Klimaschutz-Programm erarbeitet, das sicherstellen soll, dass die Co 2- Emissionen im Gebiet bis 2050 auf Null sinken.

Dregger: Als Zukunftsort anerkennen

Der CDU-Fraktionschef im Berliner Abgeordnetenhaus, Burkard Dregger, hat Wirtschaftssenatorin Ramona Pop (Grüne) bereits aufgefordert, auch die Standorte der Berliner Unternehmernetzwerke als Zukunftsorte anzuerkennen und zu fördern. „Netzwerkstrukturen sind unverzichtbare Voraussetzungen, wenn man den industriellen Bestand pflegen, aber auch Innovationen fördern will“, hatte Dregger nach einem Besuch des Unternehmernetzwerks Motzener Straße unterstrichen. Die Senatsverwaltung für Wirtschaft aber erteilt der Forderung eine Absage. Ganz Berlin sei ein Zukunftsort, hieß es von dort. Das Industriegebiet Motzener Straße leiste dazu einen wichtigen Beitrag.