Schöneberger Tanzschule

Ein Leben für den Tango

| Lesedauer: 6 Minuten
Gudrun Mallwitz
Judith Preuss und Constantin Rüger tanzen seit Jahren erfolgreich miteinander.

Judith Preuss und Constantin Rüger tanzen seit Jahren erfolgreich miteinander.

Foto: Mikael Holber

Judith Preuss hat die Tanzschule „Mala Junta“ 2003 gegründet. Wie sie zum Argentinischen Tango kam und was er für sie bedeutet.

Berlin. Tango und Lachen – eine ungewöhnliche Kombination. Judith Preuss bietet sie. Die 48-Jährige kann herzhaft lachen. Ihr Lachen ist ebenso ansteckend wie der Tango, den sie tanzt – und unterrichtet. Manche Schüler kommen jeden Tag. Wer will, kann zum Beispiel allein an einem Dienstag von 18.15 Uhr bis 22.40 Uhr gleich drei Kurse am Stück belegen.

Auch am Wochenende dringt aus der vierten Etage eines Gewerbe-Komplexes an der Kolonnenstraße in Tangomusik. Das „Mala Junta“ in Schöneberg, das Judith Preuss vor 16 Jahren mit Raimund Schlie und Susanne Schrimpf eröffnet hat, war die erste Tango-Argentino-Tanzschule in Berlin, bei der eine Flatrate-Monatskarte erworben werden konnte. „Für einige ist das ‘Mala Junta’ fast so etwas wie ein zweites Zuhause“, sagt Judith Preuss. Der Tango kann süchtig machen, selbst Anfänger packt er und lässt viele von ihnen nicht wieder los.

Der Name der Schule steht für Drama und Gegensätze

Übersetzt bedeutet „Mala Junta“: schlecht zusammen. Diese Worte hatte jemand der Musik eines Tango-Stücks des argentinischen Musiker Osvaldo Pugliese (1905-1995) hinzugefügt. Wie bei so vielen Tangoliedern handelt auch hier der Text von zwei Liebespartnern aus unterschiedlicher sozialer Herkunft, die eigentlich nicht zusammenpassen. „Mala Junta“ – ist das ein passender Name für eine Tanzschule? Judith Preuss sagt: „Unbedingt. Tango trägt diesen Zwiespalt in sich. Das emotional Hin- und Hergerissensein, das Drama zwischen Harmonie und Aufbruch, Gegensätze, die man vereinen will.“ Auch in einem selbst.

Der Tango Argentino, der Ende des 19. Jahrhunderts entstanden sein soll, gehorcht keiner festen Schrittfolge. Das macht das Führen und das Folgen anspruchsvoll, die vielen Ausdrucksmöglichkeiten bergen aber auch den geheimnisvollen Stoff, der süchtig machen kann. Der argentinische Komponist Enrique Santos Discépolo nannte den Tango einst „einen traurigen Gedanken, den man tanzen kann“.

Mit 18 stieß Judith Preuss zum ersten Mal auf den Tango

„Ich habe die Energie des Tangos immer positiv für mich nutzen können“, sagt Judith Preuss. „Er führt mich immer wieder zu mir selbst zurück.“ Ihre Erfahrung ist: „Je mehr du bei dir bleiben kannst, desto mehr kannst du mit dem anderen kommunizieren.“

Die Berlinerin, die am Roseneck im Grunewald aufgewachsen ist, war 18, als sie das erste Mal einen Tango-Tanzpartner suchte. Inspiriert hat sie die Musik von Astor Piazzolla. „Seine Stücke liefen auf privaten Partys und vermittelten mir das Bild von einem intensiven, leidenschaftlichen Tanz“, erzählt sie. Drei Jahre später nahm sie mit ihrem damaligen Freund ihre erste Tango-Tanzstunde.

Viele Frauen klagen, zu selten aufgefordert zu werden

Judith Preuss war begeistert, ihr Partner fand den Tango hingegen anstrengend und kompliziert. So machte sie ohne ihn weiter. „Meine Lehrerin Irmel Weber hat gesagt: Männer habe ich nicht für dich, aber es gibt so viele Frauen, die wollen gerne tanzen.“

Und so übernahm Judith Preuss die führende Rolle. „Ich habe die Frauen glücklich gemacht: Alt und jung, dick und dünn, ich bezahlte einen Kurs und durfte in sechs Kursen tanzen“, erinnert sie sich an diese Zeit. Sie rät allen Frauen, die darüber klagen, zu selten aufgefordert zu werden, ihr Glück selbst in den Hand zu nehmen – und auch die führende Rolle zu erlernen.

„Die Berliner Tangoszene hat Mitte 2000 eine Rückwende zum traditionellen Tango und zu tradierten Rollenbildern genommen“, stellt Judith Preuss fest. „Im Moment bricht das Gott sei Dank wieder etwa auf.“ Es dauerte noch eine Weile, bis Judith Preuss den Tango zum Beruf machte. Sie studierte an der Technischen Universität Romanistik und Germanistik auf Lehramt.

1996 ging sie dann für ein Jahr als Sprachassistentin nach Troyes in Frankreich. Im etwa eine Zugstunde entfernten Paris bekam sie einen neuen Blick auf die Tangoszene, wie sie sagt. „In Paris waren damals schon die Argentinier zu Gast.“ Sie sah Tango-Größen wie Chicho Frumboli, Gustavo Naveira und Pablo Veron tanzen und war selbst wegen ihrer Führungskünste schnell bekannt in der Pariser Tangoszene.

Sinnliche und auch humorvolle Choreografien

Nach ihrer Rückkehr nach Berlin fing sie im September 1997 an, im „Walzerlinksgestrickt“ in Kreuzberg zu unterrichten. Und sie holte den Tänzer Chiche Núñez, den sie in Argentinien kennengelernt hatte, nach Berlin – und ins „Walzerlinksgestrickt“. Erst tanzte sie mit ihm, ab 2000 dann mit Constantin Rüger.

Judith und Constantin treten heute noch miteinander auf. Mit ihren sinnlichen und teilweise auch humorvollen Choreografien begeisterten sie das Publikum auch schon in der Philharmonie. 2001 schloss sie ihr Studium ab – und entschied sich für den Tango und gegen das Referendariat. „Schule und Uni waren für mich anstrengend, ich fühlte mich nicht wohl in einer Welt, in der alles über Worte lief.“ Sie wollte sich bewegen, sich über den Tanz ausdrücken.

„Der nächste gut aussehende Anfängermann ist meiner“

Mit Raimund Schlie und Susanne Schrimpf aus ihrem Team im „Walzerlinksgestrickt“ eröffnete Judith Preuss am 30. Mai 2003 das „Mala Junta“, das sie seit 2014 alleine führt. „Mein heutiger Mann, der im Management tätig ist, hatte mich dazu ermutigt, mich selbstständig zu machen“, erzählt sie. Kennengelernt hatte sie Axel beim Tango, genauer: bei einer Milonga – einer Tanzveranstaltung im Ballhaus Rixdorf. „Die Männer haben mir vorgemacht, dass man nicht unbedingt mit den besten Tangotänzerinnen tanzt, sondern mit den jüngsten Tänzerinnen mit den kürzesten Röcken“, erzählt sie und lacht ihr herzhaftes Lachen. „Deshalb sagte ich mir: Der nächste gut aussehende Anfängermann ist meiner.“

Es blieb nicht bei dem einen Tango. Die beiden sind seit 17 Jahren ein Paar und haben drei Kinder. Die gemeinsamen Töchter sind 14 und 10, Axel brachte einen Sohn mit, er ist inzwischen 17. Tango tanzt bislang keiner von ihnen.