Institution im Kiez

Der legendäre Buchladen Bayerischer Platz wird 100

Christiane Fritsch-Weith ist eine Institution im Kiez. Sie pflegt die Nachbarschaft und berät Schüler, die bei ihr „abhängen“.

Christiane Fritsch-Weith und der Buchladen Bayerischer Platz sind eine Institution im Kiez.

Christiane Fritsch-Weith und der Buchladen Bayerischer Platz sind eine Institution im Kiez.

Foto: Sergej Glanze

Vor 100 Jahren warb Benedict Lachmann für seinen neu eröffneten „Buchladen Bayerischer Platz“ in der von ihm herausgegebenen Zeitschrift „Der individualistische Anarchist“ per Inserat: „Ich bitte alle Freunde, ihre Bücher und Zeitschriften durch meine neu eröffnete, moderne Bücherei zu beziehen und mein Unternehmen durch Empfehlung zu unterstützen.“ Die damalige Adresse war Bayerischer Platz 13/14, die Kunden betraten das Geschäft von der Speyerer Straße, in den hinteren Räumen war eine Leihbücherei untergebracht.

Christiane Fritsch-Weith ist inzwischen die dritte Eigentümerin. Sie führt den traditionsreichen Buchladen an der Schöneberger Grunewaldstraße seit genau 44 Jahren und sorgt dafür, dass seine Geschichte genauso wie die Geschichte des Bayerischen Platzes und des Viertels nicht vergessen wird.

Der jüdische Gründer wurde deportiert

Schon lange ist diese außergewöhnliche Buchhändlerin selbst eine Institution – mit ihrer Begeisterungsfähigkeit für Bücher und für Menschen, und ihrer innigen Liebe zu dem Ort, der glanzvolle Großbürgertum-Zeiten kannte, aber auch für eine dunkle Geschichte steht.

Die Nationalsozialisten deportierten einst Tausende von jüdischen Bewohnern des Viertels. Auch der Gründer des Buchladens, Benedict Lachmann, kam ums Leben, zwei Monate, nachdem er 1941 nach Lodz verbracht worden war.

Christiane Fritsch-Weith engagiert sich bei der Spurensuche. Sie gehört zu den Bewohnern, die 1983 begannen, die Geschichte ihres Stadtviertels vor und während des Holocaust zu erforschen. Einer von inzwischen mehr als 880 Stolpersteinen in Tempelhof-Schöneberg erinnert an das Schicksal von Benedict Lachmann.

Wahl-Berlinerin ist eine überzeugte Lokalpatriotin

„Ein Leben ohne den Bayerischen Platz kann ich mir nicht vorstellen“, sagt die Wahl-Berlinerin. „Den Bayerischen Platz ohne Buchladen auch nicht.“ Eine „echte Lokalpatriotin“ nennt sie sich. Niemals, aber wirklich niemals würde sie von hier wegziehen wollen. „Als ich an diesem ersten Frühlingswochenende in unserer Wohnung in der Salzburger Straße die Fenster aufmachte“, erzählt sie, „habe ich zu meinem Mann gesagt: „Diese Sonne, die Kastanie, und das unglaubliche Vogelgezwitscher mitten in Berlin. Gustav Mahler, Richard Strauß und andere Komponisten haben das einst sicherlich auch gehört und gefühlt, und daraus haben sie dann ihre Musik gemacht.“

Am 1. April 1975 schloss Christiane Fritsch-Weith als junge Buchhändlerin, damals 25 Jahre alt, den Buchladen zum ersten Mal auf. Übernommen hatte sie ihn von Paul Behr. Der zweite Besitzer des Ladens war ab 1919 bei Benedict Lachmann in die Lehre gegangen. Im April 1937 hat Lachmann seinen Buchladen schließlich an den langjährigen Angestellten verkauft.

Vorbesitzer war fünf Jahre in Kriegsgefangenschaft

„Ich habe lange geforscht, ob Behr ein Nazi war“, sagt die heutige Besitzerin. „und habe dafür keine Anhaltspunkte gefunden.“ Während Behr fünf Jahre in sowjetischer Kriegsgefangenschaft war, betrieb seine Frau Martha das Geschäft weiter, sie zog mit den Büchern aber in die Grunewaldstraße 59 um.

Nach seiner Rückkehr steht der leidenschaftliche Buchhändler Behr wieder im Laden. Er war schon 75 Jahre alt, als er 1975 schließlich eine Anzeige im Börsenblatt des Deutschen Buchhandels aufgab: „Der Buchladen Bayerischer Platz in Berlin sucht einen Nachfolger.“ Es wurde eine Nachfolgerin: Christiane Fritsch-Weith.

Mit Büchern großgeworden

Die junge Buchhändlerin war 1967 nach Berlin gekommen. Als Tochter eines Buchhändlerehepaars war sie in Darmstadt mit vielen Büchern groß geworden. Wie sie in dem von ihr herausgegeben Buch über den „Buchladen Bayerischer Platz“ schildert, hat sie ihre ersten Buchtitelkenntnisse auf der Toilette erworben. Indem sie dort die seidenweichen Durchschläge der Buchhändlerbestellungen, die der Vater bei seinen Besuchen in den Buchhandlungen aufschrieb, in aller Ruhe las, ehe sie als Klopapier benutzt wurden.

In dem mit historischen Dokumenten und alten Fotos versehenen, 2015 im Transit-Verlag erschienen Buch kommen auch Autoren wie Monika Maron, Horst Pillau, Eva Menasse oder auch Pascale Hugues zu Wort. Es ist eine Liebeserklärung an den Buchladen – und an die derzeitige Besitzerin, die schon mit 15 Jahren ihre Buchhändlerausbildung begonnen hatte.

Das richtige Buch zum richtigen Leser

So schreibt die Schriftstellerin Menasse: „Der Laden ist höhlenartig, von außen unauffällig. Doch drinnen eine andere, wärmere Welt.“ Die Schriftstellerin und Journalistin Pascale Hugues hat ihr Kapitel mit der Zeile „Mein wunderbarer Buchsalon“ überschrieben. Beide wohnen in der Nachbarschaft. Christiane Fritsch-Weith kümmert sich um jeden, der das wünscht, und hofft stets, dass es ihr gelingt, „das richtige Buch mit dem richtigen Leser zusammenzubringen“. Sie selbst sieht den Buchladen, in dem einst auch Albert Einstein regelmäßig Kunde war, als kulturellen Mittelpunkt am Bayerischen Platz.

Um die 20 Lesungen finden pro Jahr statt, 2015 und 2016 wurde der Buchladen mit dem Deutschen Buchhandlungspreis ausgezeichnet. „Es sind nicht nur die Veranstaltungen“, sagt die Buchhändlerin. „Im Laden können die Kinder nach der Schule abhängen. Sie können zu uns mit allen Fragen kommen.“ Man rede über Bücher, aber auch darüber, dass man eine Fünf geschrieben habe.

Gefeiert wird im August

Ein genau so großes Anliegen sei es für sie, für die älteren, sehr aufgeschlossenen Menschen da zu sein und sich mit ihnen auszutauschen. Und was sind ihre eigenen Lieblingsbücher? „Mein absolutes Lieblingsbuch ist für mich Goethes ‘Faust I und II’, das ist eines der allergrößten avantgardistischen Kunstwerke, die es gibt. Daneben gehört die Odyssee von Homer und auch Carl Orffs Carmina Burana in der Musik dazu.“

Wenn sie nicht liest, hört Christiane Fritsch-Weith gerne Musik. Sie ist seit 30 Jahre in zweiter Ehe verheiratet und hat zwei „sehr erwachsene Kinder“: Der Sohn ist 47 Jahre alt, die Tochter (46) lebt in Süddeutschland. „Wie kann man nur so weit weg wohnen, vom Bayerischen Platz“, fragt sich die Mutter seither.

Der 100. Geburtstag des Buchladens Bayerischer Platz war bereits am 11. März, gefeiert wird aber erst am 24. August – mit einem großen Fest für alle Kunden.