Gegen Gentrifizierung

Unternehmer gewährt Glaser (78) per Stiftung stabile Miete

Glasermeister Arnsmann sollte mit 78 Jahren seine Werkstatt verlieren. Unternehmer Djadda garantiert ihm nun bezahlbare Miete auf Lebenszeit.

Der Berliner Unternehmer Hamid Djadda (rechts) übergibt Glasermeister Hans-Jürgen Arnsmann (links) die schriftliche Zusicherung für einen neuen Mietvertrag.

Der Berliner Unternehmer Hamid Djadda (rechts) übergibt Glasermeister Hans-Jürgen Arnsmann (links) die schriftliche Zusicherung für einen neuen Mietvertrag.

Foto: Konstantin Gastmann

Glasermeister Hans-Jürgen Arnsmann aus Friedenau konnte es zunächst nicht glauben. Er darf seine Bilderrahmen-Werkstatt in der Albestraße behalten – und das, so lange er sich fit genug zum Arbeiten fühlt. Der 78-Jährige sollte nach rund 40 Jahren Ende 2018 raus, weil der Besitzer die rund 110 Quadratmeter im Erdgeschoss eines Altbaus verkaufen wollte. Über ein Jahr suchte Arnsmann vergeblich nach einer neuen Bleibe. Er wollte unbedingt weiterarbeiten. Der Vermieter gewährte ihm noch etwas Aufschub.

Für 540.000 Euro gekauft

Gerettet hat den begeisterten Handwerker und die 100 Jahre alte Glaserei der Berliner Unternehmer Hamid Djadda, der sich mit einer Kampagne gegen steigende Mieten stark machen will. Der 61-Jährige sagte der Berliner Morgenpost: „Ich habe die Gewerbeeinheit über meine Stiftung Ohde für 540.000 Euro gekauft und räume Herrn Arnsmann ein lebenslanges Mietrecht ein – mit einer stabilen und lediglich der Inflation angepassten bezahlbaren Miete.“

Warum tut er das? Es ist der erste Schritt, um sein Konzept gegen Gentrifizierung bekanntzumachen. Der Mann, der sein Geld lange Zeit selbst damit verdient hat, Immobilien zu kaufen und gewinnbringend zu verkaufen, möchte die derzeitige Situation auf dem Berliner Wohnungsmarkt grundlegend verändern.

Konzept gegen Verdrängung

„Immobilien, deren Mieter – auch Kleingewerbe – von einer Verdrängung bedroht sind, müssen von gemeinnützigen Stiftungen gekauft werden, um sie anschließend günstig zu vermieten“, fordert der soziale Unternehmer. „Dass diese Lösung funktioniert, zeigt das Beispiel der Traditionsglaserei in Berlin-Friedenau.“

Anfang Mai kommt sein Buch „Teure Mieten abschaffen“ auf den Markt, in dem Djadda auf 230 Seiten beschreibt, wie eine nachhaltige Veränderung des derzeitigen Wohnungsmarktes erreicht werden könne. Dazu sei auch nötig, Gesetze zu ändern, die Spekulationen fördern. Außerdem bedürfe es als dritte Säule eines massiven Baus von Wohnungen, die bezahlbar sind.

Politik kann Problem nicht lösen

„Steigende Mieten und knapper Wohnraum sind über die Grenzen Berlins hinweg ein zentrales Problem Deutschlands geworden. Die Politik alleine kann das Problem nicht lösen, nicht aus bösem Willen oder Faulheit, denn auch die Politiker möchten keine weiteren Mietsteigerungen“, so der Unternehmer. „Leider streiten sie sich jedoch gemäß der Parteilinien und kommen zu keiner Lösung.“ Die Spekulanten nutzten somit die Lücken in der Gesetzgebung, um ihre Gewinne zu maximieren.

Verein Erste Sahne e.V.

Der Initiator der Kampagne ist überzeugt, dass man den Mietenwahnsinn erst stoppen kann, wenn man die Hintergründe versteht und daraus ableiten kann, welche Maßnahmen sinnvoll sind und welche nicht. Alle Erlöse aus dem Buch, so verspricht Djadda, werden in den Erste Sahne e.V fließen, der gerade in Gründung ist. Hinzu kämen noch Einnahmen aus Merchandising-Produkten und Spenden.

Mit diesen Geldern finanziere der Verein über private, gemeinnützige Stiftungen den Kauf von Immobilien, in denen Mieter von einer Verdrängung bedroht sind. Diese Mieter müssen sich dann um ihre Zukunft keine Sorgen mehr machen.

Ziel: Wohnungen zurückerobern

Eine gemeinnützige Stiftung darf keine Gewinne erwirtschaften. Folglich müssten Mieten nie wieder erhöht werden und werden sogar gesenkt. „Zuerst erobern wir Berlins Wohnungen zurück – und dann die in ganz Deutschland“, heißt es auf der Homepage. Der Vereinsbeitrag beträgt monatlich 2,50 Euro.

https://www.erste-sahne.berlin/

Wer ist Hamid Djadda?

Wer ist dieser Mann, der auch die Avus-Tribüne und die Marzipanfabrik Ohde gekauft hat – und weitere Gewerbeimmobilien in Berlin? Er gründete auch die Stiftung Ohde, die Bildungseinrichtungen und -projekte für Jugendliche in Neukölln fördert. Hamid Djadda ist im Iran geboren und kam als Vierjähriger nach Hamburg, wo er aufwuchs. Nach dem Abitur in San Francisco studierte er in den USA Wirtschaft. Er spricht fünf Sprachen fließend – auch Thai.

22 Jahre lebte er in Bangkok und führte dort eine Bleikristallglas-Produktion mit 200 Mitarbeitern. Vor sieben Jahren kehrte er nach Deutschland zurück. „Ich wollte, dass meine Tochter eine deutsche Schule beucht“, unterstreicht er.

„Früher“, so sagt Djadda, „konnte ich mir nicht leisten, aktiv sozial zu sein, ich war sogar schon zweimal pleite.“ Sein Erfolg ermögliche es ihm jetzt aber, anderen zu helfen – und etwas grundlegend zu verändern. Zumindest hofft er das.

Glasermeister: Wie im Traum

Hans-Jürgen Arnsmann, der Glasermeister aus Friedenau, fühlt sich immer noch wie im Traum. „Ich werde den Moment nie vergessen“, erzählt er, „als Herr Djadda kam, sich den Laden anguckte und dann zurückkam und sagte: „Herr Arnsmann, Sie können bleiben, unter den alten Bedingungen.“