Naturschutz

Protest gegen Industrieverkehr durch Marienfelder Feldmark

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Gudrun Mallwitz
Enttäuscht: Monika Gäsche, Angelika Töpfer, Ingrid Burdack und Regina Pribyl protestieren am Schichauweg zusammen mit dem Naturranger Björn Lindner gegen die neuesten Pläne für die Mariendorfer Feldmark.

Enttäuscht: Monika Gäsche, Angelika Töpfer, Ingrid Burdack und Regina Pribyl protestieren am Schichauweg zusammen mit dem Naturranger Björn Lindner gegen die neuesten Pläne für die Mariendorfer Feldmark.

Foto: jörg Krauthöfer

Die Marienfelder Feldmark soll Landschaftsschutzgebiet werden. Nun will die SPD im Bezirk eine Straße zum Industriegebiet bauen lassen.

Berlin.  Zuerst wollten es alle gar nicht glauben. Weder die Mitglieder des Ländlichen Reitvereins Lichtenrade noch die Bürgerinitiative „Rettet die Marienfelder Feldmark“, die bereits seit über 30 Jahren für den Erhalt der letzten freien Ackerflächen ganz im Süden Berlins kämpft.

Fast wähnten sie sich am Ziel, denn die Bezirksverordnetenversammlung Tempelhof-Schöneberg hat schon lange Beschluss gefasst, die Feldmark als Landschaftsschutzgebiet ausweisen zu lassen. Ein Gutachten zur Artenvielfalt ist in Arbeit.

Und dann das: Die SPD-Fraktion bringt überraschend einen Antrag in die Bezirksverordnetenversammlung ein, in dem sie vorschlägt, den Schichauweg zu verlängern.

Wieviel Natur braucht Berlin?

Die neue Planung hätte gravierende Auswirkungen: Die Verbindungsstraße zwischen dem stark frequentierten Gewerbegebiet Motzener Straße und der Bundesstraße B 101 mit einer raschen Anbindung an das Güterverkehrszentrum Großbeeren würde durch die Marienfelder Feldmark führen.

Nach dem Schwenk der SPD im Bezirk geht es nicht nur um die Glaubwürdigkeit einer Partei, sondern auch um die immer drängendere Frage: Wieviel Natur braucht das wachsende Berlin noch - und wieviel neue Straßen- und Wohnungsinfrastruktur?

„Sinnvolle Anbindung notwendig“

„Dem Gewerbegebiet rund um die Motzener Straße mangelt es an einer guten Anbindung an das überörtliche Straßennetz, vor allem zur B 101 und zur A10/südlicher Berliner Ring“ verteidigt der SPD-Bezirksverordnete und Stadtentwicklungs-Experte Christoph Götz-Geene den Vorstoß der Fraktion. „Die dort ansässigen Betriebe mit ihren 5000 Mitarbeitern sind in ihrem ökonomischen Wettbewerb aber auf eine sinnvolle Straßenanbindung angewiesen.“ Der Verkehrsknoten Friedensfelser Straße/Nahmitzer Damm sei chronisch überlastet.

Mit Nachbarland reden

Das Bezirksamt, so die SPD-Forderung, solle sich bei den zuständigen Stellen des Landes dafür einsetzen und es sollten entsprechende Sondierungen mit dem Nachbarland Brandenburg aufgenommen werden. Tatsächlich beklagen Anwohner, Berufspendler und Lkw-Fahrer den wachsenden Verkehr, der mit der für Oktober 2020 geplanten Eröffnung des Hauptstadtflughafens BER aller Voraussicht nach noch zunehmen wird.

Unternehmer: Elektro-Fahrzeuge kommen

Der Vorsitzende des Unternehmernetzwerkes Motzener Straße, Ulrich Misgeld, zeigt sich überzeugt: „Den Schichauweg in Richtung B 101 zu öffnen, wie es die Verkehrsplanung bis 1995 vorsah, ist die beste Möglichkeit, die Straßen vom Verkehr erheblich zu entlasten.“ Es werde ohnehin einige Jahre dauern, bis der Ausbau abgeschlossen ist. Bis dahin seien voraussichtlich vor allem Elektrofahrzeuge im Einsatz.

Dem Netzwerk, ein Zusammenschluss von rund 60 Firmen, lägen Umwelt und Natur sehr am Herzen, versichert Misgeld. So habe man als bisher einziges Industriegebiet auch ein Klimaschutz-Programm erarbeitet, mit dem die CO2-Emissionen des Gewerbegebiets bis 2050 auf Null sinken sollen.

Versprechen gebrochen?

Regina Pribyl, von der seit 1985 bestehenden Bürgerinitiative „Rettet die Feldmark“ ihre Mitstreiter sind, ist enttäuscht und wütend. Bürgermeisterin Angelika Schöttler (SPD) habe bei der Aufstellung einer Informationstafel am südlichen Ende des Wäldchens am Königsgraben noch im vorigen Mai versichert, dass alles auf gutem Weg sei, betont sie. In einem Brief schreibt die BI der Bürgermeisterin: „In einer größeren Gesprächsrunde (…) erklärten Sie auf ausdrückliche Nachfrage, dass in keiner Weise vom Bezirksamt geplant sei, dem Wunsch der Gewerbetreibenden der Motzener Straße zu folgen.“

Interne Prioritätenliste

2008 hat die Bezirksverordnetenversammlung erstmals beschlossen, dass die Feldmark Landschaftsschutzgebiet werden soll. Am 17. Mai 2017 erneut. Die Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz teilte dem Bezirk 2018 mit, dass die Feldmark erstmals in die interne Prioritätenliste für zukünftige Schutzgebiete aufgenommen worden sei. Aufgrund der unzureichenden Personalausstattung und vorrangiger Verfahren könne mit der Bearbeitung aber frühestens in drei Jahren begonnen werden.

Schworck kritisiert Parteifreunde

„Um die Zeit zu nutzen, hat der Bezirk ein Fachgutachten zu Flora und Fauna in Auftrag gegeben“, sagt Naturschutz-Stadtrat Oliver Schworck (SPD). Auch er scheint von dem Vorstoß aus den eigenen Reihen überrascht worden zu sein - und kritisiert den Schwenk deutlich.

Über 80 Vogelarten sind in der Feldmark bekannt. Südlich der Blohmstraße ist ein Lebensraum für die Zauneidechse entstanden. Ranger Björn Lindner von der Naturschutzstation Marienfelde warnt: „Die Straße würde die Landschaft zerschneiden. Berlin aber braucht seine Freiflächen, auch wegen des Klimas.“

Luczak: Grüne Idylle nicht zerstören

Auch der Bundestagsabgeordnete Jan-Marco Luczak (CDU) zeigt sich empört. „Eine Stichstraße bedeutet deutlich mehr Autos und insbesondere Güterkraftverkehr. Das heißt mehr Lärm, Feinstaub und Stickoxide.“ Er fordert: „Diese grüne Idylle darf nicht zerstört werden. “

Der LKW-Verkehr würde zudem direkt an den Reitanlagen und Weiden des Ländlichen Reitvereins vorbeiführen. Der Vorstoß der SPD untergrabe nicht nur Vertrauen in Politik, sondern hintertreibe auch das jahrelange ehrenamtliche Engagement, kritisiert Luczak.

AfD-Fraktionschef Karsten Franck sagt: „Wir sind gegen die Verlängerung des Schichauweges, haben jahrelang dafür gekämpft, dass es ein Landschaftsschutzgebiet wird.

Grüne fordern Gesamtkonzept

Entsetzen auch bei den Bündnisgrünen. Der Bezirksverordnete und Sprecher für Stadtentwicklung, Ralf Kühne, fordert: „Hier bedarf es eines Gesamtkonzeptes, nicht einer Erweiterung des Straßenangebotes an einer einzelnen Stelle.“

Stadtentwicklungsstadtrat Jörn Oltmann (Grüne) nennt den SPD-Antrag in hohem Maße ärgerlich, „ein Ausbau kommt überhaupt nicht in Frage“, betont er. „Ganz im Gegenteil: Wir werden im Bezirksamt den Bereich weiter entwickeln.“ Eine neue Verkehrsader ziehe nur weiteren Verkehr an.

CDU in der Klemme

Die CDU im Bezirk sieht sich dem Vernehmen nach in der Klemme. So einige hätten gern die Gewerbetreibenden unterstützt. „Unsere Position ist klar“, betont CDU-Fraktionschef Matthias Steuckardt aber. „Auch wir werden den SPD-Antrag ablehnen.“

Und die Bürgermeisterin? Sie will, so heißt es, zu ihrem Wort stehen - und ist gegen den Ausbau der Straße. „Der Antrag, der erst einmal in den zuständigen Ausschuss verwiesen wurde, wird keine Mehrheit finden“, hofft Naturschutz-Stadtrat und Sozialdemokrat Schworck.