Ehrenamt

Warum sich junge Menschen bei der Feuerwehr engagieren

Die Feuerwehr sucht Nachwuchs. Olivia und Janik lassen sich bei der FF Lichtenrade ausbilden. Dort lernen sie nicht nur zu helfen.

Janik und Olivia gehören mit Begeisterung der Jugendfeuerwehr Lichtenrade  an.

Janik und Olivia gehören mit Begeisterung der Jugendfeuerwehr Lichtenrade an.

Foto: Sven Darmer

Tempelhof-Schöneberg. Was ist eine Tragkraftspritze? Wie funktionieren Knoten und Stiche? Olivia Wiekzorek und Janik Marx haben die Antworten natürlich parat. Jeden Montag von 18 bis 19.45 Uhr, treffen sie sich mit ihrer Gruppe zum Übungsdienst in der Feuerwache. Außer in den Ferien. Bei der Jugendfeuerwehr Lichtenrade lernen die beiden 15-Jährigen alles, was eine künftige Feuerwehrfrau und ein Feuerwehrmann wissen müssen, um später Brände zu löschen und Leben retten zu können. Doch das, so betonen beide, ist nicht das einzige, was einem beigebracht wird. Nämlich auch Teamgeist, Fitness und Verantwortungsbewusstsein.

Feuerwehr braucht dringend Nachwuchs

Die wachsende Hauptstadt meldet Rekord-Feuerwehr-Einsätze und kann Nachwuchs dringend gebrauchen: bei der Berufsfeuerwehr wie auch bei der Freiwilligen Feuerwehr. Jüngst wurde deshalb eine Kampagne für die Freiwilligen Feuerwehren (FF) und die Jugendfeuerwehren in den Sozialen Medien gestartet. Der Senat stellte dafür je 100.000 Euro für die Jahre 2018 und 2019 bereit.

Schon als Kind den Vater auf die Wache begleitet

Olivia und Janik haben den Weg zur Feuerwehr über ihre Väter gefunden. „Wir bekommen hier wichtiges Wissen vermittelt und haben gleichzeitig Spaß“, sagt Janik. Er ist seit fast vier Jahren bei der Jugendfeuerwehr Lichtenrade, die einzige im Bezirk Tempelhof-Schöneberg. Sein Vater war bei der dortigen Freiwilligen Feuerwehr Betreuer in der Jugendfeuerwehr. „Schon als Kind war ich mit auf der Wache“, erzählt Janik, „und fand die Gemeinschaft toll.“ Olivias Vater ist mittlerweile in den Rettungsdienst gewechselt, auch er hat sie aber mit seiner Begeisterung angesteckt.

Erst einmal auf Probe

Seit September vorigen Jahres ist die Schülerin dabei. „Ich habe zuerst gegoogelt, wie das läuft bei der Jugendfeuerwehr, und schaute dann einfach mal vorbei“, berichtet sie. Aufgenommen war sie damit aber noch nicht. Denn bevor jemand bei der Jugendfeuerwehr „eingestellt wird“, muss er, so schreiben es die Aufnahmeregeln vor, mindestens acht Mal zu den Übungstreffen kommen. Danach entscheidet die Gruppe, ob er bleiben darf. „Nur in einem Fall“, erinnert sich Janik, „kam es in den letzten Jahren vor, dass die Probezeit verlängert wurde“. Danach war auch dieser Jugendliche „eingestellt“.

Jugendfeuerwehr Lichtenrade mit 23 Mitgliedern

23 Mitglieder hat die Jugendfeuerwehr in Lichtenrade derzeit. „Das ist ganz gut“, resümiert Jugendfeuerwehrwart Sven Böhme. „Derzeit sind aber noch Plätze frei.“ Längst ist der Feuerwehrjob nicht mehr nur Männersache, vor allem beim Nachwuchs. Ungefähr ein Viertel aller Berliner Jugendfeuerwehrleute sind Mädchen, in Lichtenrade zählen sie aber zur Minderheit. Neben Olivia gehört nur noch ein weiteres Mädchen der Gruppe. an. Unter den derzeitigen Anwärtern, also jene, die noch in der Probezeit sind, sind immerhin sechs Mädchen und nur zwei Jungen.

Berlinweit gibt es an 58 Standorten eine Freiwillige Feuerwehr, knapp 1400 Menschen engagieren sich dort ehrenamtlich. In der Jugendfeuerwehr sind rund 1000 Mitglieder organisiert. Lichtenrade ist eine von 47 Jugendgruppen in der Hauptstadt – und stolz darauf. „Da wir als einzige Feuerwehr in Tempelhof-Schöneberg eine Jugendfeuerwehr anbieten, ist das Interesse weiterhin relativ groß“, betont Böhme.

Mitglieder in der Umgebung gesucht

Die Freiwillige Feuerwehr in Lichtenrade braucht vor allem aktive Mitglieder, die in der Nähe wohnen. Denn bei Alarm muss die Truppe rasch einsatzfähig sein. „In Berlin gibt es zwei verschiedene Typen von Freiwilligen Feuerwehren“, erläutert Jugendfeuerwehrwart Böhme. „In den ländlich geprägten Stadtteilen am Rande Berlins bewältigen die FF alle Einsätze in ihrem Bereich selbstständig. Dazu zählen wir.“ In der Innenstadt hingegen unterstützen die Kollegen die Berufsfeuerwehr bei besonderen Anlässen, wie etwa in der Silvesternacht, bei wetterbedingten Ausnahmezuständen oder bei großen Einsätzen. Die Lichtenrader Freiwillige Feuerwehr – sie zählt momentan 40 Mitglieder – rückte im vergangenen Jahr rund 1300 Mal aus. Und Janik und Olivia? Waren Sie dabei? Nein, bei der Jugendfeuerwehr werden keine echten Brände gelöscht und es gibt keine echten Einsätze. Dafür jede Menge Übungen und theoretischen Unterricht. Da lernt man zum Beispiel, dass eine Tragkraftspritze eine tragbare Pumpe ist, die nicht fest im Feuerwehrauto eingebaut ist.

Der Heilige Florian wacht

Sogenannte Löschangriffe werden trainiert. Janik macht das Löschen am meisten Spaß. Olivia findet„Knoten und Stiche“ toll. Das sind Techniken, um Feuerwehrleinen miteinander zu verbinden und Werkzeug daran zu befestigen. Etwa eine Axt, die nach oben gezogen wird, damit im Brandfall eine Tür eingeschlagen werden kann.

Jedes Treffen beginnt oben im zweiten Stock, umgeben von Feuerwehrpokalen in den Regalen und historischen Bildern an den Wänden. Der Heilige Florian, der Schutzpatron der Feuerwehrleute, hat seinen Ehrenplatz. Alle erscheinen in blauer Uniform. Nach der Theorieausbildung geht es auf den Hof hinunter, für die praktischen Übungen.

Zeltlager gehören auch zur Jugendfeuerwehr

Olivia freut sich schon auf die Zeltlager, die jedes Jahr zum Vereinsleben dazu gehören. Auch Wettkämpfe werden durchgeführt, auf Landes- wie auf Bundesebene. Dabei geht es um Schnelligkeit und Geschicklichkeit. „Bei uns findest Du nämlich eigentlich alles, was Du woanders suchst: Action, Spaß, Freunde. Bei uns ist immer was los: Wir machen Sport, Partys, Umweltprojekte, entdecken ständig Neues und machen tolle Reisen“ wirbt die Jugendfeuerwehr im Internet um Mitglieder.

Aufnahme ab zehn Jahren

Die meisten Jugendfeuerwehren nehmen Kinder und Jugendliche ab zehn Jahren auf. Manche Gruppen haben das Eintrittsalter auf acht Jahre gesenkt. Viele Jugendfeuerwehrleute treten, sobald sie volljährig sind, in die Freiwillige Feuerwehr über. Einige bewerben sich bei der Berufsfeuerwehr. Vor allem Janik kann sich vorstellen, später einmal hauptamtlich Feuerwehrmann zu werden.