Missstände

„Unterricht auf den Fluren“ - Lehrer schreiben Brandbrief

Erzieher und Lehrer haben sich in einem Brandbrief an Bildungssenatorin Scheeres gewandt. Sie fordern: Diese Missstände gehören behoben

Schulsenatorin Sandra Scheeres (SPD), hier bei einem Besuch in einer Berliner Grundschule, will Optimismus verbreiten. Doch die Lehrer und Erzieher erwarten sich größere Unterstützung.

Schulsenatorin Sandra Scheeres (SPD), hier bei einem Besuch in einer Berliner Grundschule, will Optimismus verbreiten. Doch die Lehrer und Erzieher erwarten sich größere Unterstützung.

Foto: Jörg Carstensen / dpa

Tausende Beschäftigte im öffentlichen Dienst gingen diese Woche erneut auf die Straße, um in den laufenden Tarifverhandlungen für höhere Gehälter zu demonstrieren. Doch die Erzieher und Lehrer in Berlin kämpfen nicht nur um eine bessere Bezahlung. In einem Brandbrief fordert jetzt der Bezirkslehrerausschuss Tempelhof-Schöneberg die zuständige Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) auf, die zum Teil unhaltbaren Missstände an den Schulen zu beheben.

„Wir lieben unseren Beruf als Erzieherinnen und Erzieher, Schulhelferinnen und Schulhelfer, Lehrerinnen und Lehrer und aller anderen Professionen, sehen jedoch zunehmend, dass wir trotz aller Bemühungen unserem Erziehungs- und Bildungsauftrag (…. ) nicht mehr in vollem Maße nachkommen können“, heißt es in dem Brief. Das Schreiben liegt der Berliner Morgenpost vor.

„Schadstoffbelastung in den Räumen“

Der Bezirkslehrerausschuss vertritt die Interessen der Lehrerinnen und Lehrer. Die Gesamtkonferenz der Lehrkräfte jeder Schule wählt zwei Vertreter in den Ausschuss. In dem Schreiben beklagen die Erzieher und Lehrer, dass Selbstverständlichkeiten wie funktionierende Toiletten, Feueralarmanlagen und auf 20 Grad aufheizbare Klassenräume nicht an allen Schulen vorhanden seien. Lärmschutz sowie Belüftung in den Räumen seien unzureichend, teilweise herrsche eine unzulässige Schadstoffbelastung. „Dies gefährdet die Gesundheit der Lehrenden und Lernenden“, mahnen die Lehrer nachdrücklich.

Dort, wo saniert werde, herrsche oft Baulärm während der Unterrichtszeit, und das teilweise über Jahre hinweg. Es gebe immer noch veraltete, stinkende Rohre und kein Trinkwasser. Zudem fehlten Fachräume oder Räume für Elterngespräche und Teilungsunterricht.

„Teilweise muss der Unterricht auf den Fluren stattfinden“, beschreiben die Verfasser des Brandbriefes die prekäre Situation an manchen Schulen, ohne diese namentlich zu nennen.

„Sicherheitsmängel werden nicht behoben“

Sie beklagen auch die mangelnde technische Ausstattung. An vielen Schulen fehlten Computer und Kopierer für Mitarbeiter der Schule. Ein adäquater Sportunterricht könne vielfach nicht stattfinden, da die Halle zu klein sein oder saniert werden müssen. Ein schwerwiegender Vorwurf des Lehrerausschusses: „Die bei den Sicherheitsbegehungen festgestellten Mängeln, für die nicht die Schule zuständig ist, werden häufig nicht behoben.“ Für bauliche Maßnahmen ist allerdings nicht die Senatsbildungsverwaltung zuständig, sondern der Bezirk.

Strukturelle Missstände wie zu große Klassen führten dazu, dass durch die Überlastung in vielen Lehrerkollegien ein gereiztes Klima bestehe, kritisieren die Verfasser des Schreibens an die Senatorin. „Die Beschäftigten fühlen sich überfordert, sind genervt und resignieren“, so das Fazit.

Das größte von Senatsseite in Kauf genommene strukturelle Problem sei die Umsetzung von Integration und Inklusion, heißt es weiter. Eine größere Zahl von Sonderpädagogen würden dringend benötigt. „Es ist nicht unüblich, dass ein Drittel der Kinder in einer Grundschule verhaltensauffällig ist“, beschreibt der Elternlehrerausschuss die Herausforderungen.

„Zu große Klassen“

Das Gremium kritisiert weiter, die Klassenfrequenz werde der Anzahl der Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf nicht angepasst. Unter der unzureichenden personellen und räumlichen Ausstattung für die Inklusion leiden ihrer Darstellung nach auch die leistungsstärkeren Schüler.

„Wir fordern eine auf Nachhaltigkeit setzende und vorausschauende Personalpolitik“, sagte Thomas Schmidt der Berliner Morgenpost. „Die Belastung muss durch den Wegfall unnötiger Aufgaben gesenkt, die Arbeitszeit verkürzt werden.“

Schmidt unterrichtet am Robert-Blum-Gymnasium Physik, ist langjähriges Mitglied des Bezirkslehrerausschusses und Bezirksvorsitzender der Lehrergewerkschaft GEW in Tempelhof-Schöneberg. Auf Anfrage der Berliner Morgenpost war am Mittwoch bislang keine Stellungnahme aus der Senatsverwaltung zu den Vorwürfen zu erhalten.

Kritik an Plänen der Senatorin

In einem Beschluss kritisiert der Bezirkslehrerausschuss auch das neue, von der Bildungssenatorin jüngst vorgestellte 39-Punkte-Maßnahmenpaket, mit dem sie die Qualität der Schulen und die Lernleistungen der Schüler verbessert will. Die Pläne gingen zu Lasten der Lehrer, die künftig noch mehr Aufgaben übernehmen sollen und zudem stärker kontrolliert werden sollen, so die Kritik. Das Maßnahmenpaket sei nicht im Dialog mit den Beschäftigten entwickelt worden, Gewerkschaften und Verbände seien nicht hinzugezogen worden. „Wir fordern die Senatorin auf, mit uns in einen konstruktiven Dialog darüber zu treten, um die Attraktivität der Berliner Schulen zu erhöhen“, so Schmidt.

Am kommenden Sonnabend, 2. März, will Berlin bei Deutschlands größter Berufs- und Informationsmesse im Flughafengebäude Tempelhof wieder um Lehrer und Erzieher sowie um Fachkräfte für die Jugendämter werben. Sie werden dringend gesucht.

Baustadtrat weist Vorwürfe zurück

Der Baustadtrat in Tempelhof-Schöneberg, Jörn Oltmann (Grüne), bot am Donnerstag dem Landeslehrerausschuss an, in die nächste Sitzung zu kommen. „Es ist besser miteinander statt übereinander zu reden“, betonte er. „Trotz aller Widrigkeiten und einem riesigen Investitionsstau ist die Betriebsfähigkeit der Schulen in Tempelhof- Schöneberg gewährleistet“, versicherte Oltmann. „Wir setzen auch niemanden einer Schadstoffbelastung aus.“ Käme es durch Baustaub zu einer solchen Beeinträchtigung werde dem umgehend nachgegangen.

Oltmann verweist darauf, dass an 46 der 56 Schulstandorte im Bezirk ein Investitionsbedarf von mehr als zehn Millionen Euro bestehe. „Es ist klar, dass man diesen beträchtlichen Stau nur über mehrere Jahre hinweg auflösen kann“, so der Stadtrat.

Bezirk fehlen Bauleiter

Der Bezirk könne nach derzeitigem Stand pro Jahr rund 38 Millionen Euro umsetzen. Um den Sanierungsstau an den Schulen in zehn Jahren behoben zu haben, müssten aber mehr als 80 Millionen Euro verbaut werden. „Die landeseigene Wohnungsbaugesellschaft Howoge nimmt uns einige Schulen ab, doch den Großteil der Aufgabe muss der Bezirk stemmen“, sagte Oltmann der Berliner Morgenpost. Dafür fehle aber das erforderliche Personal.

Bauleiter verdienen auf Landes- oder gar Bundesebene weitaus mehr. Oltmann fordert: „Es ist dringend notwendig, in den Bezirken endlich die gleiche Bezahlung wie beim Land hinzubekommen.“ Sonst zögen die Bezirksämter im Konkurrenzkampf um Fachkräfte weiterhin den Kürzeren.