Baumschutz

Die Grünen wollen die Platanen an der Urania „verpflanzen“

Der Streit an der Urania spitzt sich zu. Die SPD will eine Ausnahmegenehmigung, die Grünen bringen einen neuen Vorschlag.

Für die  Skulptur „Arc de 124,5°“des Künstlers Bernar Venet sollen die Bäume auf dem Mittelstreifen gegenüber der Urania  weichen.

Für die Skulptur „Arc de 124,5°“des Künstlers Bernar Venet sollen die Bäume auf dem Mittelstreifen gegenüber der Urania weichen.

Foto: Gudrun Mallwitz

Berlin. Zwischen SPD und Grünen in Tempelhof-Schöneberg spitzt sich der Streit um die Platanen an der Urania zu. Die zuständige Stadträtin Christiane Heiß (Grüne) hat angekündigt, den Beschluss der Bezirksverordnetenversammlung (BVV) Tempelhof-Schöneberg zur Fällung der Bäume überprüfen zu wollen.

Damit könnten die sieben Platanen und die Linde um die Skulptur des französischen Künstlers Bernar Vernet auf der Mittelinsel vor der Urania nicht mehr vor Beginn der Vegetationsperiode am 1. März gefällt werden. Den Sozialdemokraten, die den Antrag initiiert haben, läuft somit also die Zeit davon. Sie wollen aber nicht aufgeben.

„Wir werden in diesem Fall eine Ausnahmegenehmigung beantragen“, kündigte die neue SPD-Fraktionschefin in Tempelhof-Schöneberg, Marijke Höppner, am Dienstag gegenüber der Berliner Morgenpost an. Die oppositionelle CDU, FDP und AfD hatten vorige Woche ebenfalls dafür gestimmt, dass die Bäume noch im Februar entfernt werden.

Mehr als 2000 Protest-Unterschriften

Vehement dagegen sind die Grünen, inzwischen haben mehr als 2200 Unterstützer bei der von ihnen gestarteten Online-Petition „Keine Baumfällungen an der Urania“auf change.org unterzeichnet. Auch die Linke votierte dagegen, die acht Bäume zu opfern.

Ob ein Antrag auf eine Ausnahmegenehmigung zur Fällung während der Vegetationsperiode Erfolg hätte, ist fraglich. Laut Senatsumweltverwaltung müssten dafür zwingende Gründe vorliegen. In diesem Fall geht es allein um die deutsch-französische Freundschaft.

Das Kunstwerk, 1987 ein Geschenk Frankreichs zur 750-Jahr-Feier Berlins, soll auf Wunsch des Künstlers und der französischen Botschaft künftig besser zu sehen sein. Beide hatten sich deshalb auch an den Regierenden Bürgermeister Michael Müller (SPD) gewandt.

Als Ausgleich sollen laut BVV-Beschluss 20 neue Bäume gepflanzt werden. Die Kosten liegen Schätzungen zufolge bei 70.000 Euro, daran beteiligen würden sich der Künstler, die französische Botschaft und die Urania.

Grünen-Fraktionschef: Verpflanzung prüfen

Der Grünen-Fraktionschef in Tempelhof-Schöneberg, Rainer Penk, warnt vor Aktionismus. „Das Kunstwerk steht dort nun mehr als 30 Jahre, da kommt es auf sechs Monate auch nicht an“, sagte er am Dienstag. Penk schlägt nun vor, zu prüfen, ob jene Bäume verpflanzt werden können, die das Kunstwerk im Sommer mit ihren Blättern zunehmend verdecken. „Es reicht womöglich, sie auszugraben und ein paar Meter weiter einzupflanzen“, so Penk.

In Nürnberg etwa waren zuletzt 14 alte Linden umgezogen. Die vor 37 Jahren gepflanzten Bäume mussten einem Schulneubau Platz machen. Statt sie zu fällen, hat eine Spezialfirma sie rund zwei Kilometer entfernt auf einer Wiese eingepflanzt. Im oberbayerischen Geretsried fanden fünf Bäume im Auftrag der Stadtverwaltung einen neuen Standort. Knapp 30 Bäume wurden von Obersendling nach Neuried verpflanzt.

Spezialfirma erläutert Vorgehen

„Meist geben Kommunen oder große Firmen eine Baumverpflanzung in Auftrag“, sagte Bernd Küster von der darauf spezialisierten Firma Opitz im fränkischen Heideck auf Anfrage der Berliner Morgenpost. Der promovierte Diplom-Forstwirt betont: Damit eine Baumverpflanzung erfolgreich ist, müssen die Bäume gesund und vital sein.“ Auch die Bodenverhältnisse seien zu prüfen. Ziel sei es, möglichst viele Wurzeln mit zu verpflanzen, damit der Baum sich am neuen Standort regenerieren könne. „Die Kosten liegen bei Bäumen bis zu 50 Zentimeter Stammdurchmesser bei 2000 bis 7000 Euro, bei größeren Bäumen ist mit fünfstelligen Beträgen zu rechnen“, so Küster.

„Grundsätzlich ist es denkbar, die Bäume ein Stück zu versetzen, so dass das Kunstwerk wieder besser zu sehen ist.“ Dafür müsse aber genug Platz auf der Mittelinsel vorhanden sein. Alternativ müsste ein anderer Standort in der Nähe gefunden werden.

Doch auch das Verpflanzen klappt nicht von heute auf morgen. „Sollten die Bäume größer als 50 Zentimeter Durchmesser sein, ist es nötig, die Bäume darauf vorzubereiten“, erläutert der Baumexperte. „Dazu müssen die Wurzeln sauber abgeschnitten und versorgt werden, damit an den Schnittstellen neue Wurzeln treiben.“ Nur so sei der Baum stark genug, um den Umzug zu überstehen. Würde man damit im Frühjahr beginnen, könnte der Baum im Herbst nächsten Jahres einen neuen Standort erhalten. Und die Erfolgsaussichten? „Wenn man ihn gut pflegt und wässert, kann fast nichts schief gehen“, sagt der Forstwirt.

Senatsverwaltung verweist auf Bezirk

Die Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz unter Regine Günther (parteilos, für Grüne) will sich nicht in den Streit einmischen. „Die Baum-Angelegenheit an der Urania ist allein Sache des Bezirks“, teilte Sprecher Jan Thomsen auf Anfrage mit. Die Senatsverwaltung engagiert sich unter anderem mit der Stadtbaum-Kampagne für immer mehr Straßenbäume, so Thomsen. Bislang wurden weit über eine Million Euro an Spendengeldern eingenommen und fast 9000 zusätzliche Straßenbäume gepflanzt. Nach Angaben des Naturschutzbundes BUND verschwinden in Berlin pro Jahr 2000 Straßenbäume aus dem Stadtbild.

Der Umwelt- und Naturschutzexperte Derk Ehlert von der Senatsumweltverwaltung vertritt die Ansicht: „Für Großbaumverpflanzungen kommen grundsätzlich nur von Baumschulen gezogene Bäume in Frage, da bei Sämlingen und am Standort angewachsener Bestände der Schaden am Wurzelwerk bei einer Verpflanzung ein zu hohes Risiko für den Baum darstellt.“ Werde dennoch im Einzelfall eine Verpflanzung angestrebt, bedürfe es einer umfassenden vorherigen Prüfung sowie einer umfangreichen Vor- und Nachsorge. Der finanzielle und technische Aufwand sei dabei enorm, der zu erwartende Erfolg des Anwachsens am neuen Stand hingegen gering, so Ehlert.