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Bildung

Zu unbequem? Leiter der Friedrich-Bergius-Schule muss gehen

Er gilt als einer der erfolgreichsten Direktoren Berlins. Ende des Schuljahres muss Michael Rudolph aufhören. Ohne jede Begründung.

Michael Rudolph hätte gern noch ein weiteres Schuljahr die Friedrich-Bergius-Schule geleitet.

Foto: Foto: Anikka BaueR

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Berlin. Er gilt als einer der erfolgreichsten Schulleiter Berlins: Michael Rudolph. Die Friedrich-Bergius-Schule in Friedenau, die er seit 14 Jahren leitet, ist eine Sekundarschule ohne Oberstufe.

Häufig handelt es sich bei dem Schultyp um Problem-Bildungseinrichtungen, mit hohen unentschuldigten Fehlzeiten der Kinder und Jugendlichen sowie wenigen qualifizierten Abschlüssen.

Nicht so bei der Bergius-Schule, wo über die Hälfte der Mädchen und Jungen am Ende einen Mittleren Schulabschluss (MSA) schafft, die Voraussetzung für die gymnasiale Oberstufe. Doch zum Ende dieses Schuljahres wird Michael Rudolph mit 65 Jahren unfreiwillig in den Ruhestand verabschiedet.

Friedrich-Bergius-Schule: Direktor Michael Rudolph darf nicht weiterarbeiten

Der durch klare Regeln und Strenge bekannt gewordene Berliner Pädagoge wäre gern noch ein weiteres Schuljahr auf seinem Posten geblieben. Er hatte deshalb ausdrücklich einen Antrag auf Verlängerung der Dienstzeit gestellt. Die Personalstelle der Senatsschulverwaltung erteilte diesem Antrag jedoch eine klare Absage.

„Ich hatte im Interesse der Kollegen und der Schüler angeboten, über mein 65. Lebensjahr noch ein Jahr meines Lebens hinaus weiterzuarbeiten“, sagte Rudolph auf Anfrage der Berliner Morgenpost. „Doch offenbar will man mich nicht mehr haben.“

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Die Entscheidung wurde nicht einmal ordentlich begründet. In der schriftlichen Absage heißt es: „Mit Schreiben vom 28.5.2018 beantragten Sie eine Dienstzeitverlängerung bis 31.7.2020. Ihrem Antrag kann leider nicht entsprochen werden. Die Schulaufsicht legte dar, kein dienstliches Interesse an einer Weiterbeschäftigung zu haben.“

Berlin sucht händeringend nach Schulleitern

Die Frage ist nun, warum ein so erfolgreicher Schulleiter gehen muss – in einer Zeit von Lehrer- und Schulleiternot. Gerade wieder hat sich gezeigt, wie angesehen die Bergius-Schule bei Eltern und Schülern ist: Im zehnten Jahr in Folge gibt es für die Schule mehr Anmeldungen als Plätze.

Unbestritten ist auch: Das Land Berlin sucht weiterhin händeringend nach Schulleitern. Zahlreiche Stellen sind seit Langem unbesetzt. Aufgrund der Engpässe werden inzwischen andere pensionierte Direktoren wie auch Lehrer mit finanziellen Anreizen in den Schuldienst zurückgelockt.

Verdacht: Schulbehörden wollen Störenfried loswerden

Laut Landesbeamtengesetz gehen Staatsdiener mit dem vollendeten 65. Lebensjahr in den Ruhestand. Für einzelne Gruppen von Beamtinnen und Beamten wie Schulleiter oder Lehrer sind Verlängerungen aber bis zum 68. Lebensjahr möglich, meist ja auch gewollt.

Warum also sollte jemand gehen müssen, der in seine Amt erfolgreich ist, gesund und willig, ein weiteres Jahr dranzuhängen?

Der Verdacht liegt nahe, dass Michael Rudolph zu unbequem geworden ist. Und dass die zuständigen Schulbehörden unter Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) einen – in ihren Augen – Störenfried loswerden wollen.

Die Lernleistung an der Bergius-Schule ist hoch

Schon bei der jüngsten Inspektion, die 2018 stattfand, fiel die Schule durch, gilt seitdem als Bildungseinrichtung mit „erheblichem Entwicklungsbedarf“, also als Problemschule. Dabei ist die Lernleistung hier überdurchschnittlich hoch.

Am Ende stehen viele gute Abschlüsse, und die Zahl der Jugendlichen, die ohne Abschluss die Schule verlassen, liegt mit zuletzt neun Prozent weit unter dem Berliner Schnitt an integrierten Sekundarschulen von 13 Prozent.

Entwicklungsbedarf sahen die Prüfer, weil Rudolph und sein Kollegium eher eine klassische Form des Unterrichts machen, auch vor Frontalunterricht nicht zurückschrecken, wenn es die Schüler weiterbringt.

Brennpunktschule: Zwei Drittel der Schüler haben einen Migrationshintergrund

Rudolph betont immer wieder, dass Schule kein Selbstzweck ist, sondern für die Zukunft da ist. Sie soll ausbilden, damit die Schüler am Ende im Arbeitsleben bestehen können.

Dabei handelt es sich bei der Bergius-Schule um eine Brennpunktschule. Über die Hälfte der Mädchen und Jungen kommt aus Elternhäusern, die von staatlicher Unterstützung leben. Zwei Drittel haben einen Migrationshintergrund.

Um den Erfolg möglich zu machen, gelten an der Bergius-Schule klare Regeln. Diese werden konsequent umgesetzt. Der Schulleiter begrüßt hier jeden Morgen um 7.30 Uhr die Schüler persönlich. Wer zu spät kommt, muss klingeln. Er muss warten, bis die nächste Stunde beginnt – und bis dahin dem Hausmeister zum Beispiel beim Mülleinsammeln helfen.

„Wenn ein Schüler lesen, schreiben und rechnen kann und ein vernünftiges Sozialverhalten hat, wird sie oder er im Leben klarkommen“, so Rudolph über sein Konzept. „Auf diese Dinge legen wir einen Schwerpunkt.“ Bei Gewalt oder Mobbing werde sofort eingeschritten.

Quote der Schulschwänzer liegt beinahe bei Null

Die Schulschwänzerquote liegt nahezu bei Null. „Klare Regeln im Schulalltag, mit Empathie und Konsequenz einheitlich durchgesetzt, sind die beste Gewaltprävention“, sagt Rudolph.

„Die angeblich veralteten Sozialtugenden wie Fleiß, Pünktlichkeit, Anstrengungsbereitschaft und Höflichkeit sind in Wirklichkeit hochmodern und unverzichtbarer Bestandteil einer hochentwickelten Dienstleistungsgesellschaft.“

Rudolph wehrte sich öffentlich dagegen, dass die „Bergius“ von der Schulinspektion als schlechte Schule abgestempelt wurde. Er hat dabei viel Unterstützung von Schülern und Eltern, aber auch von Bildungsexperten quer durch alle Parteien erhalten. Die Verwunderung war groß: Ausgerechnet diese Schule sollte ein Berliner Problemfall sein?

Schulinspektion am Pranger

Plötzlich stand die Berliner Schulinspektion selbst am Pranger. Wie effektiv arbeitet sie, wie viel bringt sie der Berliner Schullandschaft tatsächlich? Tatsache ist, dass Berlin weiterhin in fast allen schulischen Vergleichstests auf den hintersten Rängen landet. Und das, obwohl hier, im Vergleich zu anderen Bundesländern, überdurchschnittlich viel Geld pro Schüler ausgegeben wird.

Bei ihrem 39-Punkte-Plan stellte Scheeres deshalb nun auch die Forderung auf, die jeweiligen Schul-Leistungsdaten müssten bei der Schulinspektion eine zentrale Rolle einnehmen. Eine klare Reaktion auf das „Bergius“-Debakel. Und doch soll Rudolph jetzt seinen Stuhl räumen, obwohl er angeboten hatte weiterzumachen.

„Wir beweisen, dass es auch unter erschwerten Bedingungen möglich ist, effektiv mit den Kindern zu arbeiten“, sagt Michael Rudolph. Und zwar ohne ein Heer von Schul-Sozialpädagogen, Ergotherapeuten, Logopäden – „multiprofessionelle Teams“ werden sie im modernen Sprachgebrauch genannt.

Zufriedenheit der Schüler und Eltern ist hoch

Die „Bergius“ arbeitet mit einem normalen Lehrerkollegium und drei Sozialarbeiterinnen, jeweils eine für den Ganztagsbetrieb, für die Schulsozialarbeit, eine Stelle wird aus dem Bonusprogramm zur Senkung der Verspätungen und unentschuldigten Fehlzeiten finanziert. Die Zufriedenheit der Schüler und auch der Eltern ist sehr hoch. Auch das hat der aktuelle Inspektionsbericht gezeigt.

Dass die Schule mit ihrer Art zu unterrichten, nicht in den Zeitgeist passt, wurde klar signalisiert. Genauso wenig wie Michael Rudolph. Und deshalb wird er wohl diesen Sommer ausscheiden müssen – nach 41 Jahren im Schuldienst. Denn einen Widerspruch, so sagt er, hat er innerhalb der vorgegebenen vierwöchigen Frist nicht mehr eingelegt. Zu eindeutig ist die Botschaft der Schulbehörde, dass er trotz der Erfolge nicht mehr gefragt ist.