Besserer Schutz gefordert

Immer mehr Jungen in Berlin werden zwangsverheiratet

Nach Informationen des Arbeitskreises gegen Zwangsverheiratung sind vor allem Mädchen betroffen. Doch der Anteil von Jungen steigt.

Bürgermeisterin Angelika Schöttler (SPD) legt an der Oderlandstraße einen Kranz am Gedenkstein für Hatun Sürücü nieder.

Bürgermeisterin Angelika Schöttler (SPD) legt an der Oderlandstraße einen Kranz am Gedenkstein für Hatun Sürücü nieder.

Foto: Gudrun Mallwitz

Berlin. Anlässlich des Gedenkens an die Deutsch-Kurdin Hatun Sürücü, die ein selbstbestimmtes Leben führen wollte und deshalb vor 14 Jahren am 7. Februar von ihrem jüngeren Bruder an der Bushaltestelle an der Oberlandstraße erschossen wurde, hat der Berliner Arbeitskreis gegen Zwangsverheiratung einen noch besseren Schutz und mehr Beratung für Betroffene gefordert.

„Es hat durchaus Fortschritte in den Bereichen der Justiz und bei der Aufklärungsarbeit gegeben“, sagte am Donnerstag die Vorsitzende des Arbeitskreises, Petra Koch-Knöbel, die auch Gleichstellungsbeauftragte des Bezirksamts Friedrichshain-Kreuzberg ist. „Trotzdem bleibt noch viel zu tun.“ Die Zahl der bekannt gewordenen Zwangsverheiratungen in Berlin steigt – vor allem auch von Jungen.

570 Fälle in Berlin gemeldet

2017 wurden dem Arbeitskreis 570 Fälle von Zwangsverheiratungen in der deutschen Hauptstadt gemeldet. Dies sei ein Anstieg von gut 19 Prozent mehr als bei der letzten Befragung 2013, so die Vorsitzende. Damals waren es 460 Fälle. Allerdings wurden auch mehr Einrichtungen befragt. Mit 93 Prozent war auch 2017 ein Großteil der Betroffenen weiblich. „Es werden aber immer mehr Fälle bekannt, in denen Jungen in traditionell patriarchalen Familien zwangsverheiratet werden sollten“, sagte Petra Koch-Knöbel der Berliner Morgenpost. 2013 waren es 29 Fälle, die bekannt wurden, 2017 bereits 41 Jungen und junge Männer.

Was sind die Gründe dafür? „Sehr häufig soll damit die Familienehre wieder hergestellt werden, wenn die jungen Männer homosexuell sind“, erläutert die Gleichstellungbeauftragte. „Man versucht sie in diesen Fällen früh zu verheiraten.“ In manchen Fällen geht es darum, zu verhindern, dass die deutsche Freundin etwa in die Familie aufgenommen wird.“ In patriarchalen Strukturen vereinbaren Eltern bereits sehr früh, dass ihre Kinder später heiraten sollen. Eine Weigerung bedeute meist den Ausschluss aus den Familienstrukturen.

Online-Beratung für Jungen gefordert

Der Arbeitskreis fordert eine eigene Online-Beratung für betroffenen Jungen, durchgeführt durch ein Jugendprojekt und bezuschusst vom Berliner Senat. Außerdem sollen mehr Möglichkeiten zur Unterbringungen auch für Paare und junge Männer geschaffen werden. Die im rot-rot-grünen Koalitionsvertrag vereinbarte Finanzierung einer Krisenwohnung für von Zwangsverheiratung betroffener Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transsexuelle, Transgender und Intersexuelle müsse gesichert werden.

Der Berliner Arbeitskreis, in dem mehrere Kriseneinrichtungen wie Wildwasser e.V. oder Papatya tätig sind, verlangt außerdem eine bundesweite Studie über das Ausmaß von Zwangsverheiratungen. Das 2017 in Kraft getretene Gesetz zur Bekämpfung von Kinderehe müssen konsequent in der Praxis umgesetzt werden. Außerdem solle das Thema Zwangsverheiratung und Gewalt im Name der Ehre in den einbezogen werden.

Bei der Kranzniederlegung erinnerte die Bezirksbürgermeisterin von Tempelhof-Schöneberg, Angelika Schöttler (SPD), an die mit 23 Jahren ermordete Hatun Sürücü, die mit 16 durch ihre Familie in der Türkei zwangsverheiratet wurde. Sie floh damals aus der Türkei und kam schwanger nach Berlin zurück. Hier bezog sie mit ihrem kleinen Sohn eine eigene Wohnung und begann eine Ausbildung als Elektroinstallateurin. „Diese Schritte in die Freiheit“, so Schöttler, „für uns ganz normale Schritte im Lebenslauf wurden für sie zum Verhängnis.“

Der Mörder wurde damals zu einer Haftstrafe von neun Jahren und drei Monaten verurteilt. Zwei ältere Brüder blieben auf freiem Fuß. Sie wurden in der Türkei freigesprochen, da ihnen eine Beteiligung an der Tat laut Gericht nicht nachgewiesen werden konnte. Noch ist der Fall juristisch nicht endgültig entschieden. Der Wiederaufnahmeprozess hat noch nicht stattgefunden.

Schreiben an die Lehrer

Zwangsverheiratung und sogenannte "Ehrenmorde" werden inzwischen in der Regel nicht mehr als Totschlag mit einer geringen Strafe geahndet. Schöttler wies darauf hin, dass auch heute noch insbesondere Frauen und Mädchen weltweit unterdrückt und zu einem Leben gezwungen werden, das sie nicht möchten. Auch der Bezirk Tempelhof-Schöneberg setze sich weiter verstärkt gegen Zwangsverheiratung ein. So soll dieses Jahr nach dem Vorbild von Friedrichshain-Kreuzberg und Neukölln ein Schreiben an die Lehrer verteilt werden, um auf die Problematik von Zwangsverheiratung während der Sommerferien aufmerksam zu machen.

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