Procter & Gamble

Jobs im Tempelhofer Gillette-Werk bis 2022 gesichert

820 Beschäftigte fertigen in Tempelhof Rasierer. Warum der Konzern Procter & Gamble weiter auf Berlin setzt.

Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller und Bezirksbürgermeisterin Angelika Schöttler begutachten die neueste Entwicklung bei Gillette in Tempelhof.

Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller und Bezirksbürgermeisterin Angelika Schöttler begutachten die neueste Entwicklung bei Gillette in Tempelhof.

Foto: Bernd von Jutrczenka / dpa

Berlin. Benjamin Wilson fühlt sich manchmal wie ein Dirigent. Der Kapellmeister müsse ja dafür sorgen, dass die Musik voll klinge, sagt Wilson. So in etwa sei auch sein Job. Allerdings geht es bei Wilson um glatte Haut. Sechs Jahre haben er und seine Mitarbeiter in der Gillette-Entwicklungsabteilung in Kronberg im Taunus an dem Nassrasierer der Zukunft getüftelt. Dann hatte Dirigent Wilson alle Instrumente beisammen, um den Rasierer neu aufzustellen.

Und wie das so bei guten Konzerten ist: Es kommt nicht auf die Anzahl der Musiker an, sondern auf den Einsatz der Instrumente an den richtigen Stellen. Rasierer-Experte Wilson hat in der aktuellen Gillette-Modellgeneration deshalb das Orchester neu geordnet und ein paar Klingen weniger eingebaut.

Stattdessen ist jetzt in der Mitte des Rasierers ein blaues Plastikelement inte­griert. Durch das neue Teil soll bei der Rasur weniger Druck auf der Haut lasten, gleichzeitig werde die Oberfläche geglättet, sagt der Produktdesigner. Natürlich ist das nicht alles: Mikrolamellen etwa sollen das Barthaar vor der Rasur aufrichten, weiße Kunststoff-Streifen die Haut während der Rasur geschmeidig halten. Besonders Männer mit sensibler Haut müssten den neuen Gillette-Rasierer lieben, sagt Wilson. Um das zu untermauern, hat das Unternehmen die Neu-Entwicklung „Skinguard Sensitive“ getauft. Damit will der Konzern jetzt neu angreifen.

Zuletzt hatte es der Konsumgüter-Gigant Procter & Gamble (P&G) mit der Rasur-Marke Gillette eher schwer im weltweiten Wettbewerb. „Der Markt steht unter Druck, auch, weil sich die Bart-Trends in den letzten Jahren verändert haben“, sagt der P&G-Geschäftsführer Matthias Weber am Montagmorgen im Gillette-Werk in Tempelhof. Laut einer Untersuchung habe die Rasur-Häufigkeit in den vergangenen fünf Jahren um zehn Prozent abgenommen. Gleichzeitig machen Discounter-Eigenmarken, Lifestyle-Firmen und Einwegrasierer dem Unternehmen das Leben schwer. Die Auswirkungen hatte auch das Berliner Rasierer-Werk gespürt.

Produktion eines alten Rasierers nach Polen verlagert

Zwar konnten sich die Arbeitgeber mit den Arbeitnehmervertretern und der Gewerkschaft IG Metall im vergangenen Herbst auf einen neuen Tarifvertrag einigen, der den Bestand des Werks bis 2022 sichert. Doch gleichzeitig wurde auf Druck des Konzerns die Produktion eines alten Rasierer-Modells in das polnische Łódź verlegt. Vor allem die niedrigeren Lohnkosten in Polen spielten bei der Entscheidung eine Rolle. 180 der rund 820 Jobs sind von der Verlagerung betroffen. Ein Teil der Stellen sollen sozialverträglich abgebaut werden, so P&G-Manager Weber. Gleichzeitig sollen in der Tempelhofer Fertigung aber auch neue Jobs entstehen. Nur deshalb war auch die IG Metall bereit, dem ausgehandelt Kompromiss zuzustimmen.

P&G werde laut der Gewerkschaft in den nächsten Jahren rund 40 Millionen Euro in das Werk investieren. Herzstück der Neuausrichtung ist die Fertigung des „Skinguard Sensitive“, dem neuen Flaggschiff von Gillette. Die Produktionsleiter Daniel Schoknecht und Anja Nyilas führen am Montag auch Berlins Regierenden Bürgermeister Michael Müller und die Bezirksbürgermeisterin von Tempelhof-Schöneberg, Angelika Schöttler (beide SPD), durch das Werk.

Schoknecht und Nyilas zeigen den Politikern, wie aus Stahlband Klingen werden oder aus Kunststoffgranulat Teile für den Rasierkopf. „Jede Komponente wird hier in Berlin von unseren Mitarbeitern hergestellt“, erzählt Anja Nyilas, die seit 1995 für das Werk arbeitet, stolz. Wie überall in der Industrie sind auch bei Gillette Teile der Produktion automatischer und digitaler geworden. Damit die Belegschaft mit den Veränderungen Schritt halten kann, werde verstärkt geschult, sagt Nyilas.

Gillette arbeitet verstärkt mit Berliner Start-ups zusammen

Den hohen Stellenwert von Weiterbildung innerhalb des Unternehmens lobt auch die IG Metall ausdrücklich. Was aus Sicht der Gewerkschaft ebenfalls Hoffnung macht, ist die verstärkte Zusammenarbeit zwischen Gillette und Berliner Start-ups. Im vergangenen Jahr waren zwölf Jungunternehmen am Standort zu Gast, vor allem, um neue Ideen für die Fertigung zu entwickeln. Die Vorstellung eines Start-ups hat Werksleiter Stefan Brünner bereits in die Tat umgesetzt: Die Firma Gestalt Robotics führt im kleinen Rahmen jetzt die Qualitätskontrolle bei einigen Produkten durch. Die dabei verwendete Hardware sei günstig, sagt Gründer Jens Lambrecht. Die Innovation finde vor allem durch Software statt. „Für uns besteht durch die Zusammenarbeit die Chance, neue Technologien in der Produktion zu etablieren“, erklärt er.

Angesichts der Umwälzungen in der Industrie sollten die etablierten Unternehmen verstärkt das Umfeld aus Hochschulen, Forschungseinrichtungen und Start-ups in Berlin für sich nutzen, sagt der Regierende Bürgermeister nach dem Rundgang. Müller selbst hält offenbar aber auch selbst gern an alten Gewohnheiten fest. Das neue Produkt aus dem Tempelhofer-Werk jedenfalls will er zunächst nicht verwenden. Müller: „Ich habe ja noch Klingen für meinen alten Rasierer.“