Neu-Schöneberg

Erste Wohnungen im Quartier an der Bautzener Straße bezogen

Umstrittenes Projekt: 90 Prozent der Wohnungen an der Bautzener Straße sind vermietet. Nun wird um den Radweg am Gleisdreieck gerungen.

So sieht die Wohnanlage "Neu-Schöneberg" in der Simulation aus.

So sieht die Wohnanlage "Neu-Schöneberg" in der Simulation aus.

Foto: allod

Berlin. Die Anliegerproteste waren heftig, als vor rund fünf Jahren die Planungen für das neue Stadtquartier an der Bautzener Straße in Schöneberg begannen. Denn für die dort vorgesehenen Neubauten sollten Bäume um die brach liegenden Bahnanlagen gefällt werden. Statt der wilden Schrauberbuden wünschten sich viele einen weiteren Grünstreifen.

Inzwischen sind die ersten drei der sechs fünfstöckigen Wohnhäuser mit Dachaufbau bezogen, bis Juni werden voraussichtlich auch die letzten Häuser nahe der Monumentenbrücke fertig sein. Interessenten gibt es genug für die 55 bis 200 Quadratmeter großen Wohnungen. Die Kritik ist immer noch nicht verstummt – und es gibt noch Probleme zu lösen.

Durchschnittlich 14 Euro kalt für nicht geförderte Wohnungen

„90 Prozent der hier entstehenden 297 Wohnungen sind bereits vermietet“, sagte auf Anfrage der Berliner Morgenpost Katharina Semer, Geschäftsführerin der Dr. Wolfgang Schroeder Immobilien GmbH, die das Bauprojekt entwickelt hat. Der durchschnittliche Quadratmeterpreis der frei finanzierten Wohnungen liegt ihren Angaben zufolge bei 14 Euro netto kalt. Von den 45 geförderten Wohnungen, für die 6 bis 8 Euro pro Quadratmeter verlangt werden, sei keine einzige mehr zu haben.

Das Stadtquartier, das unter dem Namen „Neu Schöneberg“ vermarktet wird, hat der Besitzer der Baumarktkette Hellweg, Reinhold Semer, neben dem S-Bahnhof Yorckstraße bauen lassen. Die Lage zieht: Denn von dort aus sind es jeweils nur wenige Minuten zum Winterfeldtmarkt in Schöneberg, zum Bergmannkiez in Kreuzberg, der Kudamm ist ebenfalls nicht weit. Auch wenn die S-Bahn daran vorbeifährt und der Verkehr von der Yorckstraße die in der Werbung beschriebene Hochglanzidylle schmälert, so liegt das neue Wohnviertel doch sehr zentral, Gleisdreieckpark und Viktoriapark sind von dort aus rasch zu erreichen. Viele Wohnungen bieten einen weiten Blick hinüber zum Potsdamer Platz.

Streit um Radweg über eine Yorckbrücke

Ein Vorhaben steht noch aus: Geplant ist ein Radweg hinter den neu gebauten Häusern, er soll über die Yorckbrücke Nr. 5 über das Dach des Biomarktes und eine Rampe direkt zum Gleisdreieckpark führen. „Mit dem Bau des Radwegs könnte sofort begonnen werden“, sagte Semer, „doch es hakt an der Bahn.“ Die Deutsche Bahn will die fünfte Brücke nur unter der Bedingung instand setzen, dass sie im Gegenzug sechs von 14 nicht mehr gebrauchten Yorckbrücken abreißen darf. Das sorgt bei den Bezirksverordneten in Tempelhof-Schöneberg für Empörung.

Der zuständige Stadtrat Jörn Oltmann (Grüne) verweist in dem Streit mit der Bahn auf den Denkmalschutz. Er nennt den von der Bahn vorgeschlagenen Deal „völlig absurd“ und einen „Erpressungsversuch“. Eine Mehrheit der Bezirksverordnetenversammlung stimmte jüngst für einen von der Grünen-Fraktion eingebrachten Antrag. „Denkmalschutz ernst nehmen: Die Yorckbrücken bleiben alle!“. Für den 1. Februar ist nun ein Treffen Oltmanns mit Vertretern der Bahn geplant.

Kita soll im Juni eröffnen

Derweil wird im Wohnquartier weitergebaut: Im Juni soll auch die Kita in Betrieb gehen, sie will 35 Plätze in einem ganz im Süden des Quartiers gelegenen eigenen Haus anbieten. Eingezogen ist bereits der Rewe-Supermarkt, bis zum Sommer sollen die kleinen Ladengeschäfte am künftigen Stadtplatz folgen. „Die Läden im Erdgeschoss zum Stadtplatz hin werden nicht an Ketten, sondern an Dienstleister wie Friseure oder Schuhmacher vergeben“, stellt Katharina Semer in Aussicht.

Zunächst eröffnet im März das riesige Fitness-Studio über alle Etagen an der Ecke Yorck-/Bautzener Straße. Der hohe schlichte Bau mit kühler Fassade ist umstritten. Die SPD-Fraktion in Tempelhof-Schöneberg hat das Haus scharf als „graue Schuhkarton-Architektur“ kritisiert. „Dieses erste Gebäude an der Ecke zum Eingang des Quartiers ist gestalterisch eine Zumutung“, bemängelte der SPD-Vize-Fraktionschef Christoph Götz. „Das Bezirksamt hätte das so nicht durchgehen lassen dürfen. Sein hartes Urteil: „Das Gebäude sieht aus wie ein Lagerhaus an der Autobahn.“ Die SPD-Fraktion appelliere an den zuständigen Stadtrat Jörn Oltmann (Grüne), „so etwas in Zukunft nicht mehr durchgehen zu lassen“.

Architekt verteidigt Entwurf

Architekt Oliver Collignon reagierte gelassen. Er könne sich durchaus vorstellen, dass sich jemand mit konventionellem Architekturgeschmack über die Gestaltung des Bauwerks wundere, so Collignon. Sein Rat: „Es steht nichts dagegen, mal mit den Sehgewohnheiten zu brechen – insbesondere an diesem Drehkreuz zwischen S-Bahn, Hauptverkehrsstraße und dem Quartierseingang.“ Er fügte hinzu: „Jeder hat natürlich das Recht auf seine Meinung.“

Collignon erläuterte die Architektur des Gebäudes: "Wir haben hier ein minimalistisches, skulpturales Eingangsbauwerk geschaffen, das sich von den weiteren Häusern im Quartier bewusst unterscheidet. Die silberne Alu-Fassade aus gelochten Blechen wechselt in verschiedenen Lichtsituationen ihre Erscheinung, ist von innen transparent und schafft für die Sportler Privatheit durch erschwerten Einblick von außen." Nachts schimmere das Licht von innen durch und gebe dem Gebäude eine fast etwas mysteriöse Wirkung.

Ausgezeichnetes ökologisches Konzept

Der Architekt ist stolz auf das Projekt, das 2015 bereits mit dem Platin-Vorzertifikat der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen ausgezeichnet wurde. „Es ist der mit der höchsten Punktzahl bewertete Neubau eines Stadtquartiers weltweit“, betonte er. Auch das fertige Stadtquartier werde ein endgültiges Zertifikat dieser Güte erhalten, so Collignon. „Das Quartier hat ein ganzheitlich nachhaltiges Konzept, unter anderem bezieht es seine Heizenergie zu 85 Prozent aus einer Abwasserdruckleitung unter der Yorckstraße." Die dem Abwasser entnommene Wärme werde über einen Wärmetauscher auf Brauchwassertemperatur verdichtet.

"Das System ist energieeffizient und reduziert den CO2-Ausstoß stark“, so der Architekt. Nur an sehr kalten Wintertagen müsse konventionell nachgeheizt werden. Zusätzlich zu den Fenstern, die sich öffnen lassen, erhalten laut Collignon alle Wohnungen frische Luft durch ein neuartiges Lüftungssystem, das die Wärme der Abluft energiesparend im Haus recycelt. So könnten nachts die Fenster geschlossen bleiben, um auch auf der Bahn-Seite ungestört schlafen zu können.

Paradox: Was die einen längst als ein Vorzeigeprojekt für ökologisches Bauen feiern, bleibt für Kritiker ein warnendes Beispiel dafür, wie eine weitere mögliche Grünfläche plattgemacht wurde. Eine Anwohnerinitiative fürchtete damals auch um die „Frischluftschneise“. Die Häuser seien so angeordnet, dass die Frischluft definitiv gewährleistet sei, so Collignon. Er habe für die offene Bauweise, die das sicherstelle, sehr gekämpft.

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