Ausschreitungen

Halloween an der Pallasstraße: "Es hätte Tote geben können"

Wie erst jetzt bekannt wurde, sind bei den Krawallen an der Pallasstraße auch lebensgefährliche Brandsätze vorbereitet worden.

An der Pallasstraße in Schöneberg kommt es Halloween und Silvester (im Bild) regelmäßig zu Krawallen. Die Polizei rückt an bestimmten Tagen nur noch mit Verstärkung in den Kiez vor.

An der Pallasstraße in Schöneberg kommt es Halloween und Silvester (im Bild) regelmäßig zu Krawallen. Die Polizei rückt an bestimmten Tagen nur noch mit Verstärkung in den Kiez vor.

Foto: RubyImages/M. Golejewski

Berlin. Die Randale an der Pallasstraße in Schöneberg zu Halloween im vergangenen Jahr waren gefährlicher als bislang angenommen. Als damals Dutzende Kinder und Jugendliche in der Nacht zum 1. November randalierten und Polizisten, Passanten und Busse attackierten, wurde auch ein Brandsatz geworfen. In Tatortnähe fanden die Polizisten wenig später einen weiteren. Bei diesem handelte es sich allerdings um eine modifizierte Gasflasche, die mit brennbarer Flüssigkeit gefüllt war. Diese Konstruktion stellte erhebliche Gefahr für Leib und Leben dar, heißt es in einer Einschätzung zur Gefährlichkeit des Brandsatzes.

Was in Polizeikreisen schon gemunkelt wurde, musste die Innenverwaltung auf Anfrage des SPD-Abgeordneten Tom Schreiber nun auch öffentlich bestätigen. „Bei den Krawallen, die regelmäßig um Halloween und Silvester an der Pallasstraße stattfinden, handelt es sich nicht um harmlose Knallerei. Hier hätte es auch Tote geben können“, sagte Schreiber der Berliner Morgenpost. Mehr als 100 Menschen hatten damals Böller, Steine und Eier geworfen. An der Goebenstraße und Steinmetzstraße warf ein Maskierter aus einer rund 40-köpfigen Gruppe heraus dann einen Brandsatz auf ein Polizeiauto. Die mit brennbarer Flüssigkeit gefüllte Flasche verfehlte den Wagen allerdings. 65 Beteiligte im Alter zwischen 10 und 16 Jahren wurden damals vor Ort kontrolliert.

Ämter und soziale Träger wissen nichts über die Täter

Allerdings wurden laut Innenverwaltung nur drei „kiezorientierte“ Täter festgestellt. Das heißt im Umkehrschluss, dass 62 Tatverdächtige damals an die Pallasstraße in Schöneberg reisten, um zu randalieren. Damit bestätigt sich ein Eindruck, den auch Polizisten aus dem zuständigen Abschnitt 41 haben, die der Berliner Morgenpost bestätigten, dass es an normalen Wochentagen selten besondere Vorkommnisse gebe – dafür aber regelmäßig zu Halloween und Silvester.

Auch beim zurückliegenden Jahreswechsel gab es wieder Attacken auf Polizisten. Ein Video, das in den sozialen Netzwerken kursiert, zeigt Böllerwürfe auf Beamte und heftige Beleidigungen. Laut Polizei wurden dort in der Silvesternacht erneut aus einer größeren Gruppe heraus Polizisten und Passanten gezielt mit Feuerwerkskörpern beschossen. Zwei junge Männer (16 und 17 Jahre alt) wurden wegen Landfriedensbruchs festgenommen und nach der Feststellung der Personalien ihren Eltern übergeben. Das Video zeigt die Festnahme von einem der jungen Männer. Die Beamten werden verbal attackiert, gefilmt und mit Böllern beworfen. Männer schreien auf Deutsch „Hurensöhne“, schimpfen auf Arabisch und verfolgen die Beamten.

Dass es für die Polizisten allerdings auch nicht einfach ist, die kindlichen und jugendlichen Randalierer ihren Eltern zu übergeben, zeigt die Auswertung der Halloween-Krawalle. An einzelnen Wohnadressen sei es zu „verbalen Unmutsäußerungen“ gekommen. Allerdings nicht gegenüber den eigenem Nachwuchs, der von der Polizei nach Hause gebracht werden musste, sondern gegenüber den Beamten. „Das muss Konsequenzen haben. Die Intensivtäter und deren Eltern müssen spüren, was es heißt, in einem Rechtsstaat zu leben“, so Schreiber zur Morgenpost. Er fordert, die Polizei regional und örtlich besser aufzustellen, Bodycams einzusetzen und das Jugendamt in betroffene Familien zu schicken.

Behörden haben keine Informationen

Doch das ist offenbar nicht so einfach, wie es aus der Innenverwaltung heißt. Umgehend nach dem Vorfall habe das Jugendamt Tempelhof-Schöneber Kontakt zu den Trägern der Jugendhilfe, der Eingliederungshilfe und zum Quartiermanagement aufgenommen. Das ernüchternde Ergebnis: Eine Zuordnung beteiligter Kinder und Jugendlicher zum Bezirk oder einzelnen Bezirksregionen könne man nicht leisten, da dieses Wissen nicht vorliege. Bei den Behördenmitarbeitern sorgt diese Unwissenheit vor Ort für Kopfschütteln. Auch dem Schulamt und der regionalen Schulaufsicht würden keine Informationen vorliegen. Bislang seien deshalb auch keinerlei Maßnahmen eingeleitet worden – weder vom Schul- noch vom Jugendamt.

Die Polizei werde aber Namen für die Zwecke der bezirklichen Jugendhilfe im Strafverfahren übermitteln, heißt es aus der Innenverwaltung weiter. Die Polizei ermittelt unter anderem wegen schweren Landfriedensbruchs und gefährlicher Körperverletzung.

„Der Bereich Pallasstraße ist seit Jahren symbolträchtiger Treffpunkt für Heranwachsende mit Migrationshintergrund“, sagte der Landesvorsitzende der Gewerkschaft der Polizei, Norbert Cioma. „Dass Brand- und Sprengsätze auf unsere Kollegen geworfen werden, zeigt, wie wenig sie auch davor zurückschrecken, ein Menschenleben zu beenden. Da kann niemand von funktionierender Integration sprechen“, so Cioma weiter.

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