Stadtentwicklung

So sehr hat sich die Potsdamer Straße verändert

Die Magistrale zwischen Schöneberg und Mitte befindet sich im Wandel. Die Mieten steigen rasant, neue Geschäfte entstehen.

Rachele Raffaela Flamia vom Devotionalienladen „Ave Maria“ musste mit ihren Figuren, Heiligenbildern und Kreuzen an die Lützowstraße umziehen.

Rachele Raffaela Flamia vom Devotionalienladen „Ave Maria“ musste mit ihren Figuren, Heiligenbildern und Kreuzen an die Lützowstraße umziehen.

Foto: M. Gambarini

Berlin. An den Kurfürstendamm in der City West wollte er nicht. Er wollte an die Potsdamer Straße, die sich von Mitte bis Schöneberg zieht. Paul Smith, so erfolgreich, dass ihn Prinz Charles für seine Verdienste um die britische Modewirtschaft zum Ritter schlug, hat sich die „Potse“, wie die Berliner die Straße auch nennen, für seinen zweiten Store in Deutschland ausgesucht. Wegen des „Spirits“, wie der Designer bei der Eröffnung im März sagte.

„Ich bin durch die Straße gelaufen und mein Bauchgefühl sagte mir: Das hier ist der richtige Ort. Die Gegend ist echt.“ Smith habe es nicht bereut, beteuert Store-Manager Mike D`hondt nun nach den ersten Monaten. „Wir sind froh, hier zu sein.“

Der Verkaufsleiter steht im bunt gestreiften flauschigen Paul-Smith-Pullover im Geschäft, lächelt und erzählt mit weichem britischen Akzent folgende Anekdote: Als der Designer den Laden an der Potsdamer Straße 75 entdeckte, begeisterte ihn ein Wand- und Deckengemälde. Doch leider habe die Vormieterin „eine Eingebung“ gehabt und kurz vor ihrem Auszug alles überstrichen. Smith beließ die von ihr aufgetragene Ocker-Farbe. Er wollte nicht alles auf Hochglanz polieren lassen. Dennoch: Neues zieht ein südlich vom Potsdamer Platz. Was auch heißt, Altes muss raus.

Miete verdoppelt sich, da ist Schluss für das „Ave Maria“

In diesem Fall ist die Vormieterin nicht irgendwer. Wo heute der Smith-Laden mit seinen bunten Kleidungsstücken residiert, war lange das „Ave Maria“. Rachele Raffaela Flamia musste mit ihren Marienfiguren, Bibeln und handgefertigten Engeln ein paar Häuser weiter ziehen, an die Lützowstraße 23. „Ich habe sehr geweint, weil wir nach all den Jahren raus mussten“, sagt die 54-Jährige.

„Erst haben wir 600 Euro kalt bezahlt, am Ende wollte der Vermieter 1200 Euro haben.“ Den christlichen Devotionalienladen „Ave Maria“ betreibt ihre Freundin Ulrike Schuster seit Mitte der 90er-Jahre. Die Menschen wollen hier häufig nicht viel kaufen, sondern ihr Herz ausschütten. Dazu gehören auch Prostituierte, die an der Kurfürsten- und Potsdamer Straße anschaffen gehen.

Alles neu, alles anders. Die attraktiven, frisch gebauten Wohnanlagen am Gleisdreieck ziehen andere soziale Schichten in die Gegend. Die, die es sich leisten können. Vier Zimmer im Neubau mit Blick auf den Park kosten hier gerne mal 968.000 Euro. Auch sie, die neuen Bewohner, tragen zum Wandel auf der Potsdamer Straße bei. Aber nicht nur.

Der Wandel begann bereits 2011

Längst ist der Kampf um jeden Quadratmeter in vollem Gange, es werden nicht mehr nur leer stehende Immobilien gesucht, es wird auch verdrängt, registrieren Beobachter der Szene. Dabei schien die schmutzige Potse, mit ihren Prostituierten und Spielhallen, mit der Woolworth-Filiale an der Ecke und dem Erotik-Kaufhaus gegenüber, lange uneinnehmbar. Nun wird es langsam ein hippes Pflaster.

Der Wandel begann 2011, als Andreas Murkudis, ehemals Geschäftsführer des Museums der Dinge, aus Mitte hierher zog und seinen Concept-Store mit Interior-Design-Objekten und Möbeln eröffnete. Dann folgten die Hutkünstlerin Fiona Bennett – und schicke Restaurants wie das „Oliv Eat“, die Kette „Sticks ’n’ Sushi“ und das „Panama“.

Doch die Euphorie bei den Neuen kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Wandel auch Verlierer hat. Dass immer mehr von denen, die der bunten Szene und der von Migrantenläden geprägten Straße ihr Gesicht gegeben haben, befürchten, bald zu denen zu gehören, die verdrängt werden. Unter den Gewerbetreibenden ist von einer „Zweiklassengesellschaft“ die Rede.

Fleischermeister Jörg Staroske findet es „grundsätzlich gut“, dass sich „einiges Hochwertiges“ angesiedelt hat. Die Fleischerei ist seit mehr als 40 Jahren im Kiez zu finden. „Kritisch wird es für die Alteingesessenen, die nicht mehr Schritt halten können“, beobachtet Staroske. Als der Potsdamer Platz Mitte der 90er-Jahre bebaut wurde, seien viele Hoffnungen geweckt worden. Doch über den Landwehrkanal hinaus passierte lange nicht viel. „Die Gegend hier war vergessene Zone“, erinnert sich Staroske. „Bis das ausländische Kapital sie entdeckt hat.“

Der Fleischer hat vergangenes Jahr ein Geschäft und Teile der Küche renoviert und modernisiert. Auch das familiengeführte Unternehmen Harb präsentiert sich neu. Der ehemalige Diplomat Adib Harb hatte 1983 das damals erste arabische Delikatessengeschäft Deutschlands an der Potsdamer Straße 93 eröffnet. Sohn Oliver, Vorstandsmitglied der IG Potsdamer Straße – einer Interessensgemeinschaft aus Anwohnern, Gewerbetreibenden und Institutionen – sieht den Wandel positiv.

Dennoch kritisiert er: „Ich halte viel von Nachbarschaftspflege und vermisse da schon das entsprechende Engagement bei den Neuen.“ Sommerfeste oder die Bepflanzung von Baumscheiben fänden ohne sie statt. Sein Eindruck: „Hier herrscht absolut Ellbogen.“ Regine Wosnitza, Vorsitzende der IG Potsdamer Straße, bedauert dies auch. Sie wirbt für einen besseren Zusammenhalt im Kiez.

Annäherungsversuche blieben bislang ohne positives Ergebnis

Man versucht, aufeinander zuzugehen. Vor einigen Wochen gab es ein Treffen zwischen Vorstandsmitgliedern der IG und Vertretern des Projektentwicklers für das geplante „Wirtschaftswunder“ am ehemaligen Commerzbank-Standort, Ecke Bülowstraße. Dabei legte der Projektentwickler, der auch schon Anwohner über die Baustelle führte, eine Präsentation vor. Sie soll bei den künftigen Mietern der Büro- und Gewerbeflächen für das Umfeld werben. Außer Fleischer Staroske soll kein einziger der alteingesessenen Gewerbetreibenden abgebildet gewesen sein. Gezeigt wurden nur die schicken Läden und Galerien, die in den vergangenen Jahren dazugekommen sind, berichten Teilnehmer.

Und der Wandel breitet sich aus, steckt an. Inzwischen haben sich sogar im Süden der Potse, zwischen Pallasstraße und Kleistpark, ganz mutig einige schicke Läden niedergelassen. Sie gehören zu Rent24, ein Unternehmen, das Coworking-Plätze für Start-ups und Wohnungen vermietet. Die Gegend um den Sozialpalast wird hier als ein rauer Hochglanz-Ort verkauft, „der Dir alles bietet“. Das kann man im Ironischen wörtlich nehmen: Zu Halloween und Silvester spielen sich hier bürgerkriegsähnliche Szenen ab.

Graffitis, Müll an der Straßenecke, Bierflaschenscherben. Und dazwischen das „white & rose“, ganz neu, ganz zart. Eine Patisserie, in der Sabina Tepman seit September kleine Back- und Tortenkunstwerke anbietet, die handgefertigt ihren Preis haben. Sie hätte sich eine herzlichere Begrüßung gewünscht, sagt sie. Die Luftballons zur Eröffnungsfeier wurden zerstochen, Blumenkübel und Werbeschilder fand sie auf einer Baustelle wieder, Teile der künstlichen Kirschblütenbäume im Kleistpark. „Ich habe Anzeige gegen unbekannt erstattet“, so Tepman.

Eine Quartiersrätin glaubt nicht, dass es die Jugendlichen des Jugendzentrums von nebenan waren. Auch „Potse & Drugstore“ sind inzwischen Opfer der Verdrängung. Der Bezirk Tempelhof-Schöneberg war nicht mehr bereit, die stark erhöhte Miete zu zahlen. Das Aus kam nach 46 Jahren. Unterstützer protestierten am Mittwoch erneut für den Erhalt der Jugendeinrichtungen in Schöneberg.

Und doch hält sich der Alarmismus im Süden der stark befahrenen Magistrale in Grenzen. Muhammet Mafratoğlu, Besitzer des Eis-Cafés „Vannini“, schaut auf die Straße hinaus und kann in diesem Abschnitt noch nicht viel vom viel beschriebenen Wandel erkennen. Er sieht einen Euro-Shop, unzählige Herrenfriseure und Handyläden, Schmuckgeschäfte und internationale Lokale. Der Eisverkäufer beschreibt das Dilemma so: „Es ist wie immer fifty-fifty im Leben. Die Potsdamer Straße will immer schöner aussehen ...“, er macht eine Pause, „aber werden wir dann noch da sein?“

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