Totensonntag

„Seit ich Bestatterin bin, lebe ich erst richtig“

Susanne Jung arbeitet seit 15 Jahren unter dem Namen „Funeral Ladies“ als Bestatterin in der City West.

Hat ihre Berufung gefunden: Susanne Jung von Funeral Ladies

Hat ihre Berufung gefunden: Susanne Jung von Funeral Ladies

Foto: Anja Meyer

City West. Zum Totensonntag spricht Susanne Jung über die typisch konservative Bestattungskultur in Deutschland, ihre Abkehr davon zu einer alternativen Form und weshalb der tägliche Kontakt mit dem Tod ihr eigenes Lebens lebenswerter macht.

Berliner Morgenpost: Frau Jung, Sie nennen Ihr Ein-Frau-Bestattungsunternehmen „Funeral Ladies“. Wie sind Sie auf diesen Namen gekommen?

Susanne Jung: Als „Funeral Ladies“ werden in den USA Ehrenamtlerinnen bezeichnet, die Angehörige von Verstorbenen bei der Organisation von Bestattungen begleiten. Ich lege großen Wert auf die intensive Begleitung nach einem Todesfall, so passte der Titel. Gleichzeitig ist der Name eine Provokation an die Bestattungsbranche. Ich signalisiere damit, dass ich etwas anders mache. Dazu arbeite ich hier in den Schöneberger Räumen in einem Netzwerk mit insgesamt fünf Bestattern.

Was machen Sie anders?

Wir wollen etwas an den klassischen Bestattungen ändern. Wir beteiligen Angehörige während am Prozess der Beisetzung. Diese alternative Bestattungskultur, wie wir sie nennen, hat etwas Therapeutisches.

Wie sieht das aus?

Ich lade die Angehörigen immer zum Abschied am offenen Sarg ein. Das halte ich für ein enorm wichtiges Ritual. Zusätzlich mache ich Angebote, sich während des Prozesses der Bestattung selbst einzubringen. Das kann in den verschiedensten Formen passieren. Indem sie den Verstorbenen selbst einkleiden, Sargbeigaben wie Fotos oder Briefe mitbringen oder die Kinder Bilder malen zu lassen. Andere musizieren zur Beisetzung oder stecken die Blumen selbst. Es kommt immer darauf an, was die Menschen sich vorstellen können. Außerdem ermutige ich die Angehörigen, selbst die Trauerrede zu halten. Damit habe ich sehr gute Erfahrungen.

Warum halten Sie den Abschied am offenen Sarg für so wichtig?

Weil es den Tod begreifbarer macht - im wahrsten Sinne des Wortes. Wer den toten Körper noch einmal sieht und spürt, wie er allmählich kalt wird und in die Leichenstarre übergeht, kann den Tod viel besser begreifen. Am Sarg zu sitzen und zu wachen, ist ein letzter Liebesdienst. Leider ist dieses Ritual in Deutschland sehr selten geworden. Das hat mir unserer Geschichte zu tun.

Meinen Sie den Zweiten Weltkrieg?

Ja. Nach dem Krieg sah man in Deutschland so viele Tote, dass die Menschen ihren Anblick irgendwann nicht mehr ertragen konnten. Sie waren traumatisiert. Deshalb hat man das Aufbahren irgendwann verbannt. Ähnlich unmöglich erscheint in Deutschland das Beisein bei der Einäscherung im Krematorium. Da kommen Assoziationen zu den Juden im KZ hoch. Das ist jedoch auch eine Generationensache und die Generation, die nun nachrückt, hat andere Bedürfnisse und kommt mit dem ganzen alten Plüsch nicht mehr klar. Deshalb ist es an der Zeit, die Branche zu entstauben, gerade in Berlin hat sich da in den vergangenen Jahren viel getan. Aus diesem Grund bin ich vor 15 Jahren Bestatterin geworden.

Erzählen Sie mehr davon…

Eigentlich bin ich Rahmenvergoldermeisterin, ein Handwerk, das heute nicht mehr so gefragt ist. Ich wurde arbeitslos. Über mein Ehrenamt in der Sterbebegleitung, kam ich in dieser Zeit zum Beruf der Bestatterin. Denn während der Sterbebegleitung merkte ich: Sterben ist die eine Sache. Aber das, was nach dem Tod kommt, ist einfach nur grausam.

Was fanden Sie so grausam?

Mich störte, dass Bestattungen wie unpersönliche Dienstleistung wirken. Dabei gehört der Abschied eines geliebten Menschen zu den emotionalsten Momenten, zu den großen Ritualen im Leben. Bei konservativen Bestattungen gibt man diese jedoch eher in Auftrag und hinterher bleibt dieses komische, leere Gefühl von: Das war es jetzt also. Diese Beisetzung hatte so überhaupt nichts mit dem Verstorbenen zu tun. Wenn man die Trauernden jedoch am Prozess beteiligt, dann ändert sich etwas. Es gibt ihnen die Möglichkeit, das Leben des Toten noch einmal zu würdigen.

Dann sehen die Beisetzungen bei Ihnen wahrscheinlich immer sehr unterschiedlich aus?

Ja, es kommt immer darauf an, welcher Mensch da gerade verabschiedet wird. Alles ist möglich. Vom Wunsch, dass niemand in Schwarz kommt bis zum Sektumtrunk am Grab bei fröhlicher Musik. Wenn ein Heavy-Metal-Fan stirbt, wäre es ja auch ziemlich bizarr, auf seiner Beerdigung Orgelmusik zu spielen. Gerade bei Verstorbenen aus der Regenbogen-Szene, die hier in Schöneberg häufig zu uns kommen, sieht eine Bestattung eher aus wie ein buntes Fest. Das kann dann auch mal eine Transvestitenshow sein.

Hat der Totensonntag für Sie eine Bedeutung?

Ja, genauso wie die anderen Trauertage. Es ist wichtig, sich an diesen Tagen an die Verstorbenen zu erinnern. Ich beobachte jedoch auch, dass viele Menschen den Bezug dazu verloren haben. Dadurch, dass immer weniger Menschen religiös sind, wird auch der Tod mehr aus unserem Leben verbannt. Nichtreligiöse und nicht-spirituelle Menschen haben keine Erklärung dafür, was nach dem Tod kommt. Also verdrängt man ihn. Doch der Gevatter Tod wird jeden von uns einmal abholen. Sich dessen bewusst zu werden, macht das Leben schöner.

Das müssen Sie erklären…

Zu erkennen, dass unser Dasein endlich ist, bringt eine Freiheit mit sich. Wir merken, dass wir nicht unbegrenzt Zeit haben. Zeit, um die Dinge zu tun, die uns im Leben wichtig sind. Oft denken sich Menschen: Darum kümmere ich mich später. Und dieses später gibt es dann vielleicht nicht mehr. Wir müssen wahrhaftig leben, nichts aufschieben. Das macht uns frei von gesellschaftlichen Zwängen.

Kam diese Erkenntnis bei Ihnen mit Ihrer Tätigkeit als Bestatterin?

Ja, damit hat alles angefangen. Das ist natürlich ein Prozess, aber einer, der in die Tiefe verändert. Seit ich Bestatterin bin, lebe ich erst richtig. Der tägliche Umgang mit dem Tod hat mir geholfen, ins Hier und Jetzt zu kommen. Das ist eine große Qualität. Heute lebe ich unglaublich intensiv.

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