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Umbau geplant

Begegnungszone Maaßenstraße gilt als gescheitert

Die erste sogenannte Begegnungszone Berlins gilt als misslungen. Nun wurden Entwürfe für die Umgestaltung vorgestellt.

Die Maaßenstraße soll umgestaltet werden. Hier die Visualisierung einer möglichen Variante

Foto: © A24 Landschaft

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Die Maaßenstraße in Schöneberg ist ein Beispiel dafür, wie ein sogar bei einem Wettbewerb für Städte und Gemeinden ausgezeichnetes Pilotvorhaben sich in der Realität als wenig gelungen erweist. Berlins erste Begegnungszone nach niederländischem Vorbild war im Oktober 2015 eröffnet worden. Seither haben Autos zwischen Nollendorfplatz und Winterfeldtplatz nicht mehr Vorfahrt. Die Fahrbahn schrumpfte, Parkplätze verschwanden, dafür kamen Sitzbänke aus Metall und bunte Poller. Und unbeabsichtigt das Chaos: der Lieferverkehr und Autos aus zwei Richtungen, Radfahrer, die von der engen Straße auf den Gehweg flüchten oder auf die breite Fläche mit den häufig leeren, da ungemütlichen Sitzbänken. Jetzt geht es an den Relaunch: Das Planungsbüro A24 Landschaft hat den Anwohnern bei einem Informationsabend im Schöneberger Rathaus am Dienstagabend zwei Entwürfe für eine Umgestaltung der Begegnungszone vorgestellt.

Auto- und Radfahrer teilen sich weiterhin die Straße

Angefertigt wurden die Lösungsvorschläge im Auftrag der Verkehrssenatsverwaltung, in Abstimmung mit dem Bezirk Tempelhof-Schöneberg. Die Planer versuchten dabei, die Ergebnisse von zwei Bürger-Werkstätten im Mai und Juni umzusetzen. „Die Begegnungszone ist bisher zu unübersichtlich, zu zergliedert“, bestätigt die zuständige Planerin von A24 Landschaft, Lola Meyer. Ziel müsse neben der Verschönerung eine eindeutige Anordnung sein, damit sich Autofahrer, Radfahrer und Fußgänger zurechtfinden. Und miteinander klarkommen, was der eigentliche Sinn einer Begegnungszone ist.

Wie weit das in den neuen Entwürfen gelungen ist, darüber gehen die Meinungen auseinander. Bislang nämlich sind zwei wesentliche Fragen nicht berücksichtigt: Wie wird der Lieferverkehr geregelt? Und: Wie kommen Rad- und Autofahrer auf der schmalen Straße zurecht? Nach den neuen Entwürfen sollen sie sich die Straße weiterhin teilen.

Immerhin zeigen die neuen Vorschläge, dass die Maaßenstraße weitaus attraktiver werden kann. Verkehrssenats- und Bezirksverwaltung sowie mehrheitlich die Mitglieder des Straßen- und Verkehrsausschusses von Tempelhof-Schöneberg favorisieren die Variante Boulevard.

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Dieser Konzeptentwurf hat auch vielen Besuchern der Informationsveranstaltung am besten gefallen: Er sieht einen geringeren Schwenk der Straße als bisher vor. Ganz weglassen wollten ihn die Planer nicht. Er soll dafür sorgen, dass die Autofahrer sich an die Geschwindigkeitsbegrenzung von 20 km/h halten. Verbessern soll sich die Aufenthaltsqualität: Dafür wird der Gehweg zwischen Winterfeldt- und Nollendorfplatz etwa doppelt so breit wie bisher. Fußgänger haben so mehr Platz. Sie laufen rechts und links der Sitzgelegenheiten um die Bäume entlang. Sitzlandschaften, auch Podeste und Doppelbänke sind in der Mitte des Gehwegs vorgesehen. „Man sitzt mittendrin und hat alles im Blick“, erläuterte Diplom-Ingenieurin Meyer. Der Entwurf sieht auch Picknicktische vor – ein Wunsch der Bürger. Auch geplant: ein Wasserspiel zum Plantschen für die Kinder.

Nach Nachbesserungsforderungen der Behindertenverbände ist vorgesehen, dass die Fußgänger an vier Querungsstellen vom Bordstein aus auf einer Höhe überqueren können. Die Autofahrer werden durch die an diesen Stellen erhöhte Straße abgebremst.

In der zweiten Variante wird die Fahrbahn stärker verschwenkt

Die zweite vorgestellte Variante ähnelt der ungeliebten bestehenden Situation: mit der stärker verschwenkten Straße und unterschiedlich breiten Gehwegen. Sie hat wohl kaum Chancen, umgesetzt zu werden. Auch wenn viele die Begegnungszone als gescheitert ansehen, für Verkehrsstadträtin Christiane Heiß (Grüne) ist sie trotz ihrer Mängel ein Erfolg. Der Verkehr sei deutlich weniger geworden, dafür sei ein Drittel mehr Fußgänger als zuvor unterwegs. „Die zweite Runde zeigt, dass man aus Fehlern lernen will“, betont Heiß. Die Verkehrssenatsverwaltung will auch bei einer weiteren geplanten Begegnungszone die Anwohner stärker miteinbeziehen. Ab 8. Oktober wird die Bergmannstraße in Kreuzberg testweise für ein Jahr zur temporären „Berliner Begegnungszone“. Das Projekt ist auch dort umstritten.

Und was ist mit dem Liefer- und Fahrradverkehr in der Maaßenstraße? Stadträtin Heiß zufolge sollen die abschließenden Entwürfe bis Frühjahr 2019 vorliegen. Die Umgestaltung könnte womöglich im zweiten Halbjahr starten. Die Kosten werden bislang nicht beziffert. Noch läuft die hitzige Debatte.

Händler wie Frank Liedtke, Shopmanager von „Brunos“, vermissen immer noch die Antwort darauf, wie die Waren ungehindert angeliefert werden können. Liedtke wäre für eine Einbahnstraßenlösung. Für ihn ist die Begegnungszone in ihrer derzeitigen Gestaltung ein „großer Schwachsinn“. Eine gute Idee sei denkbar schlecht umgesetzt worden. Das sieht auch Jann Meinzer so. Der 22-jährige Industriedesignstudent wohnt in einer WG am Nollendorfplatz. „Es wird Zeit, dass die Maaßenstraße sich noch einmal verändert“, sagt auch er.

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