Friedenau

Bergius-Schule wehrt sich gegen Kritik der Schulinspektion

Die Friedrich-Bergius-Schule in Friedenau fiel bei der Berliner Schulinspektion durch. Jetzt verhärten sich die Fronten.

Schulleiter Michael Rudolph (links) wird von den CDU-Politikern Hildegard Bentele und Burkard Dregger besucht

Schulleiter Michael Rudolph (links) wird von den CDU-Politikern Hildegard Bentele und Burkard Dregger besucht

Foto: Anikka Bauer

Berlin. Wie eine Trutzburg steht die Friedrich-Bergius-Schule am Friedenauer Perels­platz. Und das mit dem Trutz oder, wie man heute sagt, Trotz, darf man ruhig wörtlich nehmen. Trotzig ist aber weniger das schöne, alte Gebäude, es sind eher die Menschen darin – uns kriegt ihr nicht klein. Die Bergius-Schule, eine Sekundarschule ohne Oberstufe, wehrt sich dagegen, als schlechte Schule abgestempelt zu werden, als eine „mit erheblichem Entwicklungsbedarf“.

Wen die Berliner Schulinspektion so beurteilt, für den heißt das: Schulleitung und Kollegium sind durchgefallen! Nacharbeiten, in zwei Jahren kommen wir wieder. Bis dahin muss sich einiges ändern. Genau das ist hier passiert.

Das harte Urteil hat für Empörung gesorgt, läuft doch bei Bergius vieles gut. Das stellten auch die Prüfer fest, als sie im Juni dem Kollegium ihren Bericht vorstellten. Optimale Schulleistungsdaten, überdurchschnittlich viele gute Abschlüsse. Angstfreie Arbeitsatmosphäre, störungsfreier Unterricht. Das in Berlin so beliebte Schulschwänzen? Kennt man bei Bergius kaum.

Und das alles trotz widriger Bedingungen. Die Schule hat überwiegend Schüler, die als nicht leicht zu beschulen gelten: bildungsferne Familien, über die Hälfte lebt von Sozialtransfers, zwei Drittel kommt aus ursprünglich nicht deutschen Elternhäusern. Doch trotz allem – hier klappt es mit der Bildung. Die Schulinspektion sah das völlig anders.

Lange war die Schule eine Vorzeigeschule

Die Schule erfuhr danach regen Zuspruch. Die Morgenpost berichtete, auch andere Zeitungen, Bergius erhielt viel Post, um Mut zu machen. Haltet durch! Das liegt auch daran, dass der Schulleiter Michael Rudolph (64) ein erfahrener und bekannter Berliner Pädagoge ist. Wenn wieder irgendwo Wachschutz eingesetzt wurde, schickte die Pressestelle der Senatsverwaltung für Bildung die Kamerateams gern zu ihm, um zu zeigen: Es geht auch anders.

Im Berliner Wirrwarr von Brennpunktschulen und Brandbriefen, von Gewalt auf Schulfluren, Schulverweigerern und Schulkarrieren ohne Abschluss stand die Bergius wie ein Leuchtturm. Sie zeigte, dass eine Schule, an der vieles schwierig ist, nicht zwangsläufig ins Pathologische abdriften muss. Auch ohne Heerscharen von Psychohelfern. Wer soll heute nicht alles unsere Kinder retten: Lerncoaches, Integrationshelfer, Ergotherapeuten, Sonderpädagogen, Logopäden, Sprachheilpädagogen.

Rudolph und sein Kollegium, zu dem drei Schulsozialarbeiterinnen gehören, gingen einen anderen Weg: klare Regeln und auch Strenge. Den Schülern zugewandt, aber konsequent: Wer zu spät kommt, hilft erst mal dem Hausmeister. Kein Handy im Unterricht, sonst ist es weg. Wer sich hier anmeldet, kennt die Spielregeln. Besonders die Eltern schätzten Rudolphs „Festhalten an klaren Prinzipien wie Ordnung, Sauberkeit, Pünktlichkeit und Respekt“, vermerkt die Schulinspektion.

Empathie plus Konsequenz, das Konzept wirkt, sogar die meisten Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf und die Willkommens-Kinder kommen hier klar. Wie in aller Welt konnte diese Schule unter die schlechtesten Schulen Berlins einsortiert werden?

Oldschool oder New School?

Wieder ist eine Solidaritätsdelegation da, von der Berliner CDU. Deren Fraktionschef Burkard Dregger kommt mit der schulpolitischen Sprecherin Hildegard Bentele vorbei. Auch die Grünen des Bezirkes haben sich mit der Gruß­adresse „Mut statt Nackenschläge“ gemeldet. Und der Schulstadtrat des Bezirks, Oliver Schworck, ein SPD-Mann, hat sich genauso über den Inspektionsbericht geärgert. Viel könnten sie nicht tun, sagt Dregger bedauernd: „Wir sind ja in der Opposition.“ Rudolph macht höflich klar, dass er sich parteipolitisch nicht einbinden lässt: „Ich bin ja ein altes SPD-Arbeiterkind.“ Alles lacht. Dregger hat gleich die drei Flaggen hinter dem Schreibtisch des Schulleiters bewundert: Bezirk, Deutschland, Europa. „Das ist oldschool“, sagt er angetan.

Womit wir beim Knackpunkt wären: Oldschool oder New School? Denn durchgefallen ist diese Schule einzig und allein darum: Weil sie zu altmodisch ist und nicht nach den Spielregeln der neuen Zeit spielt. Margit Boekhoff, die Leiterin der Berliner Schulinspektion, sagt es so: „Es gibt dort keine Fortentwicklung.“ Rudolph und sein Team ignorierten die moderne Schulentwicklung: das Fortschreiben des Schulprogramms, das Erstellen kompetenzorientierter Pläne, das Schulcurriculum.

Er macht ganz traditionell mit seinen Lehrern Jahrespläne: Welcher Stoff ist dieses Jahr dran? Die tollen Entwicklungspapiere, die die Inspektion fordert, halten er und seine Kollegen meist für Zeitverschwendung – die liest eh keiner in einer Zeit, in der Ressourcen knapp sind. Sein Kollegium ist mit 29 Lehrern überschaubar, die Schüler sind nur vier Jahre da, von der 7. bis zur 10. Klasse. Es gibt in der Zeit viel zu tun, zu lernen.

Wir arbeiten nicht für die Schul­inspektion, sondern für die Schüler, so Rudolphs Credo. Die Leiterin der Schulinspektion hält dagegen: „Es gibt tolle Entwicklungen in Berlin, die zeigen, wie Schule eigentlich heute arbeitet. Wenn jemand sich dem vollkommen verschließt, finde ich das schwierig.“

Rudolph wollte es wissen. Er hat nicht mal zum Schein geliefert, was die Inspektion forderte. Außer eben im Leistungsbereich, dem schulischen Kerngeschäft. Kein Zweifel, an seiner Schule wird gut gelernt. Das wurde ihm auch bestätigt. Aber dann müsste doch alles gut sein, um Schülerleistung geht es doch, oder? Wurde nicht ihretwegen die Schulinspektion nach dem Pisa-Schock überhaupt gegründet?

Margit Boekhoff verwahrt sich dagegen, Leistung gering zu schätzen: „Dass Leistung nicht im Zentrum steht, stimmt so nicht. Aber es gibt noch viele andere Dinge, die an Schulen wichtig sind.“ Schule sei viel mehr als Noten und Abschlüsse: Schule als Lebensraum. „An seiner Schule gibt es keine Partizipation.“ Es fehlten allerlei Gremien: die erweiterte Schulleitung, die Steuergruppen. In ihren Augen musste die Schule durchfallen. „Sie hat keinen demokratischen Ansatz.“ Überhaupt: „Die Schule hat nicht solche Top-Leistungen“, fügt Boekhoff verärgert hinzu. Andere dieses Typs seien ebenso gut, ja besser. „Sie ist nicht die einzige übernachgefragte Schule dieses Typus.“ Mag sein – Rudolph sagt nicht, sein Weg sei der einzig richtige. Aber für ihn, für sein Kollegium, für seine Schüler ist er messbar richtig. Seit neun Jahren gibt es mehr Anmeldungen, als man nehmen kann. „Schule für sich ist eigentlich nicht wichtig“, sagt er. Wichtig sei, den Schülern durch Bildung ein Leben ohne Sozialtransfers zu ermöglichen. Und das klappt oft. Aufstieg durch Bildung.

Die Lage ist verkeilt. Keiner gibt nach, weder Schulleiter noch Schul­inspektion. Eine erfolgreiche Berliner Schule droht unter die Räder zu kommen. Gibt es nicht genug Schulen, um die man sich weit dringender kümmern sollte? Man hörte gern ein Wort von Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD). Sie könnte einen Kompromiss suchen. Aber sie schweigt. Was dafür spricht, dass sie hinter ihrer Schulinspektion steht und jede öffentliche Schule auf ihre pädagogische Linie bringen will.

Was ist der richtige Unterricht für unkonzentrierte Kinder?

Dabei fehlt der Beweis, dass ihr radikaler Schulumbau etwas besser macht. Die Leistungsdaten sind weiter ganz unten im Ländervergleich. Täte nicht unkonzentrierten, hibbeligen Kindern mit viel Chaos im Leben ein „lehrerzentrierter Unterricht“ wie auf der Bergius doch gut? Statt immer mehr Auflösung in Gruppenarbeit, Lernstationen, Arbeitsateliers, die Schüler oft sich selbst überlässt? Produziert nicht ein schlecht gemachtes JÜL bloß neue Lese-Rechtschreib-Schwächen, die dann wieder therapiert werden müssen? Niemand weiß es genau, niemand prüft es genau.

Der CDU-Besuch ist gegangen, die belegten Brötchen werden abgeräumt. Draußen auf den Stufen des Gebäudes aus der Kaiserzeit sitzt eine Gruppe von Schülerinnen und quatscht. Die Schule ist aus, man hängt noch zusammen ab. Drüben stehen andere, Smartphones in der Hand. Einer ruft hinterher, ein großer 16-Jähriger: „Hey, Sie. Sie haben die Taschenlampe von Ihrem Handy an.“ Seine Kumpels lachen. Ganz normale, selbstbewusste Berliner Schüler halt. Kleinlaute, von allzu strengen Lehrern unterdrückte Wesen? Quatsch.

© Berliner Morgenpost 2018 – Alle Rechte vorbehalten.