Israelischer Gastronom

Hass-Mails: Yorai Feinberg fühlt sich im Stich gelassen

Yorai Feinberg bekommt täglich Mails von Judenhassern. Er sagt: Die Behörden kennen die Täter. Und tun nichts.

Israelischer Gastronom Yorai Feinberg: Wenn der Hass kein Ende nimmt

Israelischer Gastronom Yorai Feinberg: Wenn der Hass kein Ende nimmt

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Berlin. Der SA-Gruppenführer hat wieder geschrieben. Die erste Nachricht kam um kurz vor zwei Uhr nachts, bis zum Dienstagnachmittag schickte er zehn. Der Absender nennt sich Ludwig Fischer, nach dem Kriegsverbrecher und SA-Mann, der von 1939 bis 1945 Gouverneur von Warschau war. Der Empfänger: Yorai Feinberg, ein 37-jähriger, jüdischer Gastronom aus Schöneberg.

„Bin leider nicht so eine Wohlstand-Krumme-Nase wie du, die durch die Welt reist dank Zyklon B-Fantasie“, schreibt der Nazi-Troll. Zyklon B war das Giftgas, das in den Gaskammern von Auschwitz eingesetzt wurde. Der Mann, der Yorai Feinberg seit Monaten schreibt, leugnet in seitenlangen, pseudowissenschaftlichen Abhandlungen den Holocaust, hasst Juden, Schwarze, Schwule. Er bedroht Feinberg mit dem Tod. Und keiner scheint ihn davon abhalten.

Die erste Anzeige wegen Beleidigung hat Feinberg im März gestellt. Seitdem sammelt er die Hassmails in einem Word-Dokument. Sie klingen so:

„Die Arabs wissen ja eher als die Deutschen dass es nie VERGASUNGEN gegeben hat. GELLE?? Die Polizei hasst dich auch. Alle hassen euch. hahahahaa. JUDENSAU“

„Juden und ihr Opfer-Fetisch... Jammern, Lügen, Aussaugen, Lügen, Morden. Das macht ihr seit tausenden Jahren. Und ihr werdet nicht mal rot dabei - ihr seid ja auch Nigger.“

„Ihr widerlichen Ratten… Euch muss man echt erschlagen.“ So geht das weiter und weiter. 31 Seiten lang.

Der Nazi-Troll schickt Exekutionsvideos

Mehrfach hat Fischer einen Besuch in Feinbergs koscherem Restaurant angekündigt. Kürzlich schickte er ein Exe­kutionsvideo. Wie fühlt sich das an, täglich diese Nachrichten zu bekommen? „Ich habe mich daran gewöhnt“, sagt Feinberg. Verrückte gäbe es überall, das sei nicht das eigentliche Pro­blem. „Viel schlimmer ist: die Behörden, die uns vor solchen Leuten schützen sollen, machen ihre Arbeit nicht.“

Feinberg hat einen ganzen Stapel von Briefen der Staatsanwaltschaft. In der Antwort auf seine Anzeige von März steht: „In den Kommentaren, die sicherlich als unhöflich und unsachlich anzusehen sind, sind jedoch keine entsprechenden ehrverletztenden Äußerungen zu sehen.“ Das Verfahren
sei eingestellt worden, den Verfasser der Hassbotschaften habe man nicht ermitteln können. Feinberg ist fassungslos. „Das LKA weiß, wer der Mann ist. Sogar ich weiß es. Wie kann das sein?“

Eine Nachfrage bei der Staatsanwaltschaft ergibt: Sechs Verfahren, die aufgrund von Feinbergs Anzeigen wegen Antisemitismus und Bedrohungen gelaufen sind, wurden eingestellt. Zwei laufen noch. Sie betreffen nicht die Nachrichten von Ludwig Fischer. Die Person sei nicht ausfindig zu machen, das sei Stand der Dinge, sagt ein Sprecher der Staatsanwaltschaft. Weiter werde man sich zu offenen Verfahren nicht äußern. Auch der Polizei sei der Täter nicht bekannt. Die Polizei wiederum verweist auf die Staatsanwaltschaft. Dass man den Verfasser kenne, wird bei der Polizei weder dementiert noch bestätigt.

Viele Gäste sprechen Feinberg Mut zu

„Im Dezember war ich noch optimistisch“, sagt Feinberg. Damals hatte er zum ersten Mal traurige Berühmtheit erlangt. Er hat er ein Video veröffentlicht, auf dem ein Nazi sich vor seinem Laden minutenlang seinen Judenhass von der Seele schrie. Seither hat Feinberg viel Solidarität erfahren. Auch am gestrigen Dienstag kommen in seinem Restaurant immer wieder Gäste auf ihn zu, sprechen ihm Mut zu.

Aber die Enttäuschung überwiegt. Ob der Juden-Hasser aus dem Video zur Rechenschaft gezogen wird, ist auch nach sieben Monaten nicht klar. „Das Ergebnis der Ermittlungen zu diesem Vorfall wird zu gegebener Zeit zunächst den Verfahrensbeteiligten Personen mitgeteilt werden“, heißt es von der Staatsanwaltschaft. Nach entschiedenem Durchgreifen gegen Antisemitismus klingt das nicht.

Und so geht der Hass weiter. Immer wieder reserviert Adolf Hitler bei Feinberg einen Tisch. User mit E-Mail-Adressen wie „widerlicher_koscherfresser@tierquäler.de“ schreiben diese Bestellungen. Uhrzeit: 19:33. Auf Facebook wird unter arabischen Usernamen dazu aufgerufen, das Restaurant von Feinberg zu überfallen. Feinberg berichtet von Böllern, die auf sein Restaurant abgefeuert wurden, von Bedrohungen. All das hat Feinberg auch der Polizei berichtet.

"Ich fühle mich im Stich gelassen"

Aber der Einzige, der bislang verurteilt wurde, ist Feinberg selbst. 2016 ist er mit einem antisemitischen Aktivisten aneinandergeraten, der wurde handgreiflich, Feinberg musste mit seiner Freundin in ein Geschäft flüchten, sie wurden beschimpft: „Scheiß Juden“. Auch Feinberg schimpfte: „Scheiß Araber“. Dafür sei er zu einer Geldstrafe verurteilt worden. „Ich fühle mich im Stich gelassen. Und verarscht“, sagt Feinberg.

Am Wochenende hat er eine Auswahl von Hasstiraden auf Facebook veröffentlicht. Seitdem gab es – wie schon so oft in den letzten Monaten – Solidarität und Empörung. Politiker mahnten entschiedenes Vorgehen gegen Antisemitismus an, ein jüdisches Bündnis hat eine Grundsatzerklärung für den Kampf gegen Antisemitismus veröffentlicht. Der Nazi-Troll schreibt jetzt im Stundentakt.

Immerhin: Die Staatsanwaltschaft will sich, gemeinsam mit dem LKA, mit Feinberg treffen.

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