Mariendorf

Wenn Flüssigbeton den Abwasserkanal verstopft

25 Haushalte in Mariendorf können Sanitäranlagen nicht nutzen. Baufirma HGHI Holding entschuldigt sich.

Der Abwasserkanal im Titlisweg wurde versehentlich zubetoniert

Der Abwasserkanal im Titlisweg wurde versehentlich zubetoniert

Foto: Anikka Bauer

Zehn Kubikmeter Flüssigbeton blockieren den Abwasserkanal von 25 Haushalten rund um den Titlisweg in Mariendorf. Einige Anwohner können seit Tagen weder Dusche noch Toilette benutzen, da das Schmutzwasser nicht richtig abfließen kann. Der Druck des aufgestauten Wassers führte außerdem zu Lecks, durch die Abwasser in die Keller einiger Wohnhäuser lief.

Schuld sind Bauarbeiten im Auftrag der HGHI Holding auf dem benachbarten Industriegebiet. Ein Subunternehmer der Baufirma hatte den Flüssigbeton zur Verstärkung des Fundaments in den Boden gespritzt. Dabei wurde am Montagabend unbemerkt ein Hausanschlusskanal beschädigt. Durch diesen gelangte der zähflüssige Beton in das 20 Zentimeter breite Abwasserrohr des benachbarten Wohnviertels. Noch am selben Abend bemerkten Anwohner, dass Spül- und Waschwasser nur zögernd abflossen, und verständigten private Notdienste. Nachdem diese erfolglos die Hausrohre untersucht hatten, alarmierten die Anwohner gegen 22 Uhr den Störungsdienst der Berliner Wasserbetriebe (BWB). „Die Kollegen vermuteten zunächst eine Verstopfung durch runtergespülte Gegenstände“, sagte BWB-Sprecher Stephan Natz. Doch das Problem erwies sich schnell als ein größeres.

Notdusche für Anwohner im Container

Bei der Untersuchung des Kanalrohrs entdeckte der Notdienst den langsam fest werdenden Flüssigbeton, der sich auf rund 250 Metern des Rohrs verteilt hatte. „Wir haben dann fieberhaft nach einer Lösung gesucht, um das Rohr wieder frei zu bekommen“, sagte Natz. Denn den Beton zu entfernen, ohne das Rohr zu beschädigen, sei ein schwieriges Unterfangen. Außerdem mussten provisorische Sanitäranlagen für betroffene Anwohner organisiert werden. Vor den Wohnhäusern wurde ein Container mit Dusche und WC aufgestellt. „Wir sind da erstmal in Vorleistung gegangen, um den Bewohnern so schnell wie möglich helfen zu können“, sagte Natz. Alles Finanzielle werde man danach in Ruhe mit der HGHI Holding klären. Zufrieden mit der Nothilfe sind die Anwohner jedoch nicht.

„Die Notdusche kann man wirklich vergessen“, sagte Wolfgang Lüdicke. Er selbst sei zum Glück von der Verstopfung verschont geblieben. „Soweit ich weiß, hat die Dusche nicht mal Licht, und das Wasser ist eiskalt“, seinen Nachbarn habe er deswegen sofort sein eigenes Bad angeboten. Die Berliner Wasserbetriebe arbeiten derweil mit Hochdruck an der Reinigung des Kanalrohrs. Die Maschine einer Firma aus Sachsen kam schließlich zu Hilfe.

Mit 1000 Bar Wasserdruck das Rohr freifräsen

Mit 1000 Bar Wasserdruck fräsen Mitarbeiter des Unternehmens seit Donnerstag den mittlerweile fest gewordenen Beton Stück für Stück aus dem Rohr, während die Berliner Wasserbetriebe die losgelösten Partikel abpumpen. Zum Vergleich: Ein Wasserhahn hat im Schnitt gerade einmal fünf Bar Druck. „Die Kollegen sind so schnell wie möglich gekommen und wir sind ihnen sehr dankbar“, sagte Sprecher Natz.

Für einige Anwohner kommt die Hilfe jedoch zu spät. Brigitte Staschen wollte am Mittwochnachmittag kurz etwas aus dem Keller holen, als sie die Überschwemmung sah. Das große Abwasserrohr im hinteren Raum war auseinandergebogen, heraus tropfte der braungraue, stinkende Schlamm. „Ich habe dann sofort eine private Klempnerei gerufen, die das Rohr schnell abdichten und das Abwasser aus dem Keller pumpen konnten“, sagte Brigitte Staschen. Kaputtgegangen seien glücklicherweise nur ein paar Kartons mit Weihnachtsschmuck. Die Rechnung werde sie dann bei der HGHI Holding einreichen.

Gäste-WC und Diele überschwemmt

Auch durch die Aufräumarbeiten gab es Schäden. Bei Anwohner Hans-Werner Goldberg ist der rettende Hochdruckreiniger selbst für eine Überschwemmung verantwortlich. Von der Kanalverstopfung sei er nicht betroffen gewesen. Das Wasser, mit dem die Arbeiter draußen den Kanal frei fräsen, lief aber in freie Rohrbereiche und überschwemmte so am Freitag die Gästetoilette im Erdgeschoss seines Einfamilienhauses. „Eigentlich hätte man vorher einmal durch die Häuser gehen können, um zu gucken, ob man nicht doch noch etwas abdichten muss“, trotzdem sei er froh, noch so glimpflich davongekommen zu sein. „Auch die Diele war etwas überschwemmt, doch zum Glück nur mit klarem Wasser und Betonstaub“, sagte der Anwohner.

Die verantwortliche HGHI Holding war am Freitagnachmittag im Wohngebiet und informierte die Bewohner über weitere Schritte. „Wir bedauern es sehr, dass es zu Beschädigungen des Abwassersystems im Bereich Titlisweg durch die Firma Keller Grundbau gekommen ist. Unser Team vor Ort arbeitet derzeitig mit Hochdruck an der Behebung des Schadens“, so Mirco Hillmann, Leiter der Unternehmenskommunikation, gegenüber der Morgenpost. Den Bewohnern habe man bereits kostenlos einen Hotelaufenthalt angeboten. Für Anwohnerin Angelika Petrusch kam der persönliche Besuch der Verursacher jedoch deutlich zu spät.

Die Arbeiten am Kanalrohr kommen laut den Berliner Wasserbetrieben gut voran, jeden Tag werde die Zahl der betroffenen Haushalte geringer. „Ganz frei wird das Rohr aber erst im Laufe der nächsten Woche sein“, sagte Natz.

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