Vorfall in Schöneberg

Empörung über antisemitische Beschimpfungen in Berlin

Die Beleidigung eines Schöneberger Gastwirtes entfacht eine Debatte über alltägliche Gewalt gegen Juden in Berlin.

Israels Botschafter Jeremy Issacharoff (r.) besucht Yorai Feinberg (l.) in dessen Schöneberger Restaurant

Israels Botschafter Jeremy Issacharoff (r.) besucht Yorai Feinberg (l.) in dessen Schöneberger Restaurant

Foto: DAVIDS/Sven Darmer

Berlin. Für Mike Delberg von der Jüdischen Gemeinde Berlin ist der Fall klar. Die wüsten antisemitischen Beschimpfungen, denen der jüdische Gastwirt Yorai Feinberg am Dienstag vor seinem Restaurant in Schöneberg ausgesetzt war, sind für ihn nur die „Spitze des Eisbergs“. Das sagte Delberg am Donnerstag bei einem Treffen Feinbergs mit Israels Botschafter Jeremy Issacharoff, dem Grünen-Politiker Volker Beck und der Bezirksbürgermeisterin von Tempelhof-Schöneberg, Angelika Schöttler (SPD).

Seine Überzeugung deckt sich auch mit vielen Untersuchungen zum Thema Antisemitismus. Spektakuläre Fälle wie etwa das Verbrennen israelischer Fahnen vor zwei Wochen am Brandenburger Tor erregen schnell Aufmerksamkeit und Abscheu bei Politikern und breiten Bevölkerungsschichten. Doch die meisten der fast schon alltäglichen sowohl verbalen als auch gewalttätigen Übergriffe gegen Juden in Berlin bleiben der Öffentlichkeit dagegen verborgen.

Die unsäglichen Beschimpfungen und Beleidigungen vor dem Restaurant an der Fuggerstraße gelangten an die Öffentlichkeit, weil Feinbergs Freundin sie filmte. Heraus kam ein sechsminütiges Video, angefüllt mit übelsten Hasstiraden. Der 60-jährige Hetzer ließ sich nicht einmal bremsen, als die Polizei einschritt. Die Beamten, die nun selbst beschimpft wurden, führten den Mann in Handschellen ab. Inzwischen ist der 60-Jährige wieder frei, die Polizei geht davon aus, dass er bei der Tat betrunken war.

Es war Delberg, der das Video am Mittwoch dann auf Facebook hochlud und so die Diskussion ins Rollen brachte. Das soziale Netzwerk sperrte den Beitrag zunächst, mittlerweile hat es sich dafür entschuldigt und dies als Fehler bezeichnet.

Das Geschehen vom Dienstag sei etwas, das Juden nicht nur in Berlin alltäglich passiere, so Delberg weiter. „Jüdische Bürger müssen geschützt werden“, forderte er.

Auch der israelische Botschafter forderte „null Toleranz gegenüber solchen Vorfällen“. Man müsse die richtigen Entscheidungen treffen und sofort handeln, dabei habe er großes Vertrauen in die deutschen Behörden. Auch Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) verurteilte die antisemitischen Ausfälle scharf. „Völlig unfassbar und unentschuldbar“ nannte er den Vorfall.

Opfer kritisiert „viele Verschwörungstheorien“

„Es kursieren so viele Verschwörungstheorien über uns“, klagt der Restaurantbesitzer, dessen Vater als Kind den Holocaust überlebte. „Hier muss man einschreiten, denn sie sind der Grund für den Hass.“ Trotz alledem gibt es auch etwas Positives zu vermelden: Seit das Video im Internet kursiert, bekommt Feinberg massenhaft Mails, die meisten davon sind Solidaritätsbekundungen, auch von muslimischer Seite gebe es zumindest teilweise Unterstützung für ihn.

Dass antisemitische Übergriffe, sowohl verbale wie gewalttätige, in Berlin seit Jahren kontinuierlich zunehmen, hat auch die 2015 vom Senat beauftragte Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (RIAS) festgestellt. Waren es 2014 noch 322 Fälle, wurden 2015 bereits 401 und 2016 470 Vorfälle registriert. Und für das laufende Jahr 2017 erwartet RIAS-Leiter Benjamin Steinitz einen weiteren deutlichen Anstieg.

Vielsagend ist dabei die Diskrepanz zwischen zwei erfassten Zahlen. 470 Vorfälle wurden 2016 der RIAS gemeldet, bei der Polizei wurden lediglich 173 Straftaten erfasst. „Viele Vorfälle werden gar nicht erst zur Anzeige gebracht, darauf drängen auch viele Schulen“, sagte ein Lehrer, der nicht namentlich genannt werden möchte. Die Dunkelziffer der nicht gemeldeten Fälle liegt nach Einschätzung des Senats viel höher.

Arabische Schüler beleidigen jüdischen Mitschüler in Wedding

Nicht bei der Polizei gelandet ist auch ein Vorfall, der sich erst vor wenigen Tagen an einem Gymnasium in Wedding ereignete, über den zuerst die „Jüdische Allgemeine“ berichtete. Dort sah sich ein jüdischer Schüler in der Mensa plötzlich einer Gruppe arabischer Schüler gegenüber. „Ihr seid Kindermörder“, „Euch sollte man die Köpfe abschneiden“ und „Hitler war ein guter Mann, denn er hat die Juden umgebracht“, waren nur einige der Hasstiraden, die sich über den Schüler ergossen. Sie erwarte eine zügige und transparente Aufklärung, ließ Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) verlauten. Die Eltern des Schülers haben zunächst auf eine Anzeige verzichtet, sie wollen abwarten, was Schule und Bildungsverwaltung in der Sache erreichen.

Den Vorfall zu melden, müsse man sich erst einmal trauen, wurde der betroffene Schüler von mehreren Seiten gelobt. Über Gastwirt Yorai Feinberg sagte der israelische Botschafter am Donnerstag, er habe großen Mut bewiesen, die Hassattacke öffentlich zu machen. Dass Hasskriminalität gemeldet und angezeigt wird, ist offenbar keine Selbstverständlichkeit mehr, sondern in Berlin ein Zeichen von besonderem Mut.

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