Anti-Gewalt-Projekt

"Wir haben im Nollendorf-Kiez zu viele Übergriffe erlebt"

Bastian Finke ist der Leiter des schwulen Anti-Gewalt-Projekts Maneo in Schöneberg. Er fordert einen behutsamen Umgang mit Betroffenen.

Bastian Finke ist der Leiter des schwulen Anti-Gewalt-Projeltes Maneo

Bastian Finke ist der Leiter des schwulen Anti-Gewalt-Projeltes Maneo

Foto: Maurizio Gambarini

Im Regenbogenkiez rund um den Nollendorfplatz sorgen aggressive Stricher für Unruhe. Im Gespräch erklärt der Leiter des schwulen Anti-Gewalt-Projektes Maneo, Bastian Finke, wo sexuelle Gewalt anfängt.

Wo beginnt für Sie ein sexueller Übergriff?

Bastian Finke: Hier gibt es klare Definitionen. Der Übergriff beginnt für uns dort, wenn eine Handlung unerwünscht erfolgt, verbal, nonverbal oder körperlich, und die Würde des Menschen verletzt. Dazu zählt, dass Nein gesagt oder angezeigt wird und diese Grenze trotzdem überschritten wird. Manchmal bringen Menschen aus Angst, Scham und Unsicherheit ein klares Nein nicht über die Lippen oder trauen sich nicht, dies mit ihrem Verhalten anzuzeigen. Manchmal brauchen Menschen Zeit, ihre Situation zu realisieren.

Wie sollte ich regieren, wenn ich selbst betroffen bin, jemanden kenne, der betroffen ist oder wenn ich sexuelle Gewalt beobachte?

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Menschen Zeit, Ruhe und einen sicheren Ort brauchen, um über ihre Situation zu reden. Oft wenden sich Betroffene an enge Vertrauenspersonen. Die sollten bei Fragen auch selbst das Gespräch mit professionellen Beratungsstellen suchen. Wir bei Maneo bieten sowohl Betroffenen als auch Menschen, die sich um Betroffene kümmern, Zeit, Ruhe, Gespräche und einen sicheren Ort an.

Sollte man auf jeden Fall professionelle Hilfe in Anspruch nehmen?

Unter professioneller Hilfe verstehe ich Personen, die eine fachliche Ausbildung durchlaufen haben. Die Opferhilfearbeit bietet entsprechende fachliche Zusatzausbildungen für Personen, die mit betroffenen Menschen arbeiten. In Berlin gibt es zahlreiche Fachstellen, die über qualifiziertes Personal verfügen. An diese können sich betroffene Menschen wenden und diese würde ich auch empfehlen. Meiner Erfahrung nach ist es oft hilfreich, dass wir auch Vertrauenspersonen, an die sich betroffene Menschen gewandt haben, in die Arbeit mit einbeziehen, weil die professionelle Hilfe mit der Hilfe durch Vertrauenspersonen Hand in Hand gehen kann.

Was ist, wenn ich im Alltag Zeuge sexueller Gewalt werde?

Zuallererst Betroffenen beistehen, sie in Sicherheit bringen oder, wenn das nicht möglich ist, sofort Polizei und Rettungsdienst verständigen. Die Würde und die Wünsche einer betroffenen Person sind dabei unbedingt zu beachten. Es ist wichtig, dass darauf eingegangen wird. Das kann auch bedeuten, dass Betroffene erst mal nur Schutz suchen, noch keine Aussage machen wollen. Bei einer Strafverfolgung, eben auch einer späteren Strafverfolgung, ist jedoch zu beachten, dass Beweismittel immer eine sehr wichtige Rolle spielen. Jede Spur, also auch jede Verletzung, sollte dokumentiert werden. Jugendliche und Erwachsene, die noch keine Anzeige erstatten wollen, können sich an die Gewaltschutzambulanz der Charité wenden, wo Spuren auch ohne vorherige Anzeige gesichert werden können. Mitarbeiter der Gewaltschutzambulanz können auch zu uns in unsere Räume kommen, um an Betroffenen Spuren zu sichern. Unser Ziel ist erst einmal, Betroffene zu stabilisieren. Menschen wurde gewaltsam die Regie und Kontrolle über sich geraubt. Deshalb ist es ungemein wichtig, ihnen diese Kon­trolle wieder zurückzugeben.

Ist der Regenbogenkiez für Sie ein sicherer Kiez?

Der Regenbogenkiez ist ein offener Kiez, an dem viele unterschiedliche Menschen aufeinandertreffen. Es ist schwierig, wenn hier pauschal von einem sicheren oder auch unsicheren Raum gesprochen wird. Wir haben in den vergangenen Jahren im Regenbogenkiez viel zu viele Übergriffe und Gewaltstraftaten erlebt. Wir sehen, dass die Anzahl der Taten langsam abnimmt. Auch wenn die Zahlen weniger werden, wird es noch lange dauern, bis auch die gewachsene Verunsicherung vieler Menschen abnimmt. Es ist unser Bemühen und unser Ziel, gemeinsam mit der Polizei, dem Bezirksamt, Gewerbetreibenden und Anwohnern Kriminalität aus dem Regenbogenkiez zurückzudrängen.

Alle Teile der Serie finden Sie hier

Mehr zum Thema:

Der Regenbogenkiez in Schöneberg ist in Gefahr

Unbekannte knebeln Homosexuellen und fesseln ihn an Baum

Die Angriffe auf Homosexuelle sind eine Schande für Berlin