Schöneberg

Eine Hassbotschaft für das "The Haus"-Kunstprojekt

Unbekannte haben Beschimpfungen an dem Kunst-Haus hinterlassen. Sie prangern Kommerz an – und verstricken sich dabei in Widersprüche.

Mittlerweile wurde die Botschaft entfernt, eine Lücke bleibt

Mittlerweile wurde die Botschaft entfernt, eine Lücke bleibt

Foto: Jörg Krauthöfer

Auch zwei Monate nach seiner Schließung sorgt das ehemalige Kunst-Projekt „The Haus“ in Schöneberg für Schlagzeilen. Der einstige Kreativ-Space mit künstlerisch gestalteten Räumen soll bald abgerissen werden, was den Zorn von Gentrifizierungsgegnern aktivierte. Nun haben Unbekannte eine wütende Botschaft hinterlassen – und zwar auf der Rückseite eines großflächigen Plakates an der Außenfassade. Darin werden die Berliner Medien, die Gesellschaft allgemein und das Künstlerkollektiv „XI-Design“, das die Idee zu „The Haus“ hatte, scharf angegriffen. Und das funktionierte wohl so:

Die Urheber des in roter Farbe aufgesprühten Textes haben sich offenbar Zugang zu dem hinter dem Plakat aufgebauten Gerüst verschafft und den Text kopfüber angebracht. Dafür spreche Details wie ein umgedrehtes „Z“ in dem Wort „Zutat“, ein beliebter Fehler bei Graffiti-Künstlern, die Schriftzüge, etwa über Brückengeländer oder von Häuserdächern gebeugt, falschherum anbringen. Dann folgten ein paar präzise Schnitte und das Plakat klappte herunter, sodass die Rückseite zu sehen war.

Wie dem auch sei: Der oder die Verfasser sind ziemlich erbost über die Initiatoren des Kunsthauses. Da die Botschaft auf dem Foto wegen Falten im Plakat nicht ganz zu erkennen ist, muss man auf einen Abschrieb zurückgreifen, den ein User auf Facebook gepostet hat. Demnach steht dort:

„Es wurde geklatscht und gejubelt von den Schundblättern der Stadt. XI-Design, ihr seid der Ekel Berlins. Einer verrottenden Stadt und ihr tretet auch noch nach. Arglistig erschleicht ihr euren Vorteil auf dem Rücken der Berliner Graffitigeschichte und lasst sie unter eurem Konsumdreck verschwinden. Ja, einen tollen Erlebnispark hattet ihr geschaffen. Wo der sonst so intollerante (sic) Pöbel vom Ächter zum Versteher der ihnen so verhassten Kultur werden durfte. Doch das war kein Graffiti. Das war keine Kunst. Ihr habt nur eine stumpfsinnige und morallose Entertainmentversion fürs einfache Gemüt serviert. Merkt ihr nicht wie verlogen, wie aberkennend und primitiv das hier war? Graffiti fragt nicht nach Zustimmung. Graffiti passt sich nicht der Gesellschaft an. Graffiti ist ungehorsam. Graffiti ist keine Zutat für eure Kackgesellschaft, sondern drei Hände voll Salz, die eure Suppe ungenießbar machen.“

Die Reaktionen darauf sind geteilt. Das „The Haus“-Kollektiv kommentiert dazu auf Facebook „Der größte Liebebrief in Berlin für TheHaus! Meinungsfreiheit ist wichtig für die Menschheit. Künstler: unbekannt.“ Dazu der Hinweis, man sei „stolz“ auf die fragwürdige Widmung. In den Kommentaren unter dem Beitrag ist man sich ebenfalls nicht einig. „Klasse“, schreibt einer, ein anderer sagt: „Danke für die Publikumsbeschimpfung und das elitäre Gequake.“ Ein anderer meint: „Immer gibt es irgendeinen Spinner dem irgendwas nicht passt...geht mir am Arsch vorbei! Können die Leute ihre Energie nicht mal in was Sinnvolles kanalisieren? Kindergarten...“

Die Widersprüche der selbsternannten Szene-Gurus

Tatsächlich weist der Text einige Widersprüchliche auf. Völlig zu Recht schrieben die Verfasser: „Graffiti fragt nicht nach Zustimmung. Graffiti ist ungehorsam“. Warum wird dann aber ausgerechnet von den „The Haus“-Machern ebenjener Gehorsam, der sich einem vermeintlichen Szene-Kodex zu beugen hat, eingefordert? Hätte das „Xi-Kollektiv“ nach „Zustimmung“ für ihr Projekt fragen sollen? Und wenn ja, bei wem? Vor diesem Hintergrund wirkt auch der Satz „Das war kein Graffiti“ recht skurril. Graffiti definiert sich eben nicht über einen festgelegten Katechismus. Es gibt keine zehn Gebote, keine Graffiti-Polizei und keine Aufnahmebedingungen.

Die Kunstform unterliegt einem steten Wandel und ist zutiefst subjektiv. Niemandem steht es zu, wie übrigens bei anderen Kunstformen auch, zu definieren, was als Graffiti gilt, und was nicht. Oder wer besäße die Chuzpe zu behaupten, Joseph Beuys‘ legendäre „Fettecke“ sei keine echte Kunst, sondern lediglich ein Fall für die Reinigungskräfte? Übrigens hat lange zuvor schon die in der Graffiti-Szene als absolutes Nonplusultra geltende Graffiti-Crew „1UP“ eine Ausstellung für die als „intoleranten Pöbel“ bezeichnete Allgemeinheit gemacht – im Herzen des Berliner Kultur-Kommerzes auf dem RAW-Gelände. Ein ähnlicher Rundumschlag blieb freilich aus, er wäre auch ob des Kult-Statusses der Crew einer Gotteslästerung gleichgekommen.

Vielleicht liegt grade darin die Genialität des „The Haus“-Projektes. Es hat mit von selbsternannten Szene-Gurus liebgewonnenen Traditionen gebrochen. Hat gezeigt, dass Graffiti das ist, was die Künstler daraus machen und die Betrachter dabei empfinden. Als drei Hände voll Salz in einer Suppe aus Anmaßung und Arroganz.

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