Schulen in Berlin

Schüler streiken für neue Toiletten - und gegen den Gestank

Schüler der Sekundarschule am Berlinickeplatz in Tempelhof gehen jetzt demonstrieren statt in den Unterricht.

Schüler der Oberschule am Berlinickeplatz wollen, dass die Sanitäranlagen saniert werden

Schüler der Oberschule am Berlinickeplatz wollen, dass die Sanitäranlagen saniert werden

Foto: Sergej Glanze / Glanze/Berliner Morgenpost

„Ein Recht auf Grundbedürfnisse“ oder „Sanieren jetzt!“ hatten die Schüler der Sekundarschule am Berlinickeplatz auf die Transparente geschrieben, die sie am Mittwoch zum Rathaus Tempelhof trugen. Die Schülervertreter hatten zum Schulstreik aufgerufen, weil sie den Zustand des Gebäudes, in dem sie lernen müssen, für unzumutbar halten. „Der Gestank der Toiletten zieht sich durch das ganze Gebäude“, sagte die 16-jährige Lara, die den Protestzug bei der Polizei angemeldet hatte. An den Wänden falle der Putz ab, die Klodeckel seien kaputt und die Abwasserrohre veraltet. Ein Toilettenbereich sei so marode, dass er gar nicht mehr benutzt werden dürfe.

Seit 2015 stellt das Land pro Jahr zwölf Millionen Euro nur für die Erneuerung der Sanitäranlagen zur Verfügung. Innerhalb von zehn Jahren soll das leidige Toilettenthema damit erledigt sein. Pro Bezirk gibt es im Schnitt eine Million Euro nur für Sanitärräume. Durchschnittlich kostet die Sanierung etwa 250.000 Euro. Das heißt pro Bezirk können pro Jahr etwa vier Schulen profitieren.

In diesem Jahr stehen 39 Schulen auf dem Plan, die Sekundarschule am Berlinickeplatz ist nicht dabei. Die Sanierung steht nach Angaben des zuständigen Baustadtrates Jörn Oltmann (Grüne) auch nicht auf der Prioritätenliste des Bezirks. Allerdings werde geprüft, ob kleinere Maßnahmen durchgeführt werden könnten, hieß es am Dienstag auf Anfrage der Morgenpost.

Sanierungsstau von zehn Millionen Euro

Im Gebäudescan wird die Summe für die komplette Instandsetzung der Schule am Berlinickeplatz, die 1908 gebaut wurde, mit mehr als zehn Millionen Euro beziffert. Schon vor zwei Jahren wurde die Sanierung und der Umbau auf unbestimmte Zeit verschoben. Der Grund: Die Schule ist so marode, dass die Arbeiten bei laufendem Schulbetrieb nicht umzusetzen wären. Doch einen Ersatzstandort für die Schüler gibt es nicht, da die Sekundarschulplätze im Bezirk knapp sind.

Der 17-jährige Tamer findet es unwürdig unter diesen Umständen zur Schule zu gehen. „Die meisten Schüler vermeiden es, auf die Toilette zu gehen, obwohl der Unterricht häufig bis zum Nachmittag geht“, sagte Tamer.

Die Lehrer äußern sich öffentlich nicht zu dem Ausstand der Schüler. „Wir wissen aber, dass viele Verständnis für unsere Forderungen haben“, sagte Tamer. Etwa 200 Schüler haben sich an der Aktion beteiligt. Für die 13-jährige Ilayla ist es das erste Mal, dass sie bei einer Demonstration dabei ist. Sie glaubt nicht, dass die Lehrer den Tag als unentschuldigt eintragen werden und wenn doch, würde sie das in Kauf nehmen.

Das sagt auch Schülersprecher Tamer. Schon lange kämpfe die Schule um bessere Bedingungen. Auch die Eltern hätten bereits einen Brief an das Schulamt geschrieben, doch bisher ohne Erfolg. Nun haben die Schüler den Zustand der Toiletten mit ihren Smartphones dokumentiert – und wollen nicht locker lassen.

Baumaßnahmen an Schulen sollen transparenter werden

Die Stiftung Bildung macht bundesweit mit der Kampagne „Einstürzende Schulbauten“ auf den Sanierungsstau aufmerksam: „Es ist Zeit, dass Schüler selbst aufstehen und protestieren, denn sie müssen unter den Zuständen jeden Tag leiden“, sagte Daniela von Treuenfels vom Vorstand der Stiftung. Es fehle vor allem an Transparenz in den Bezirken, viele Schulen wüssten nicht, wann sie an der Reihe wären. Die Zustände wären vielleicht leichter zu ertragen, wenn die Schüler und Lehrer wüssten, wann die Arbeiten in Angriff genommen werden sollen, sagte Daniela von Treuenfeld.

Der Senat hat zwar vorgesehen, dass der Sanierungsbedarf systematisch erfasst wird und auch die geplanten baulichen Maßnahmen für die kommenden zwei Jahre in Bezirken transparent gemacht werden, doch bisher gibt es lediglich die Liste der Maßnahmen, die noch in diesem Jahr angeschoben werden sollen.