Schöneberg

Die Potsdamer Straße wird zur Gastro-Meile

Oft wurde die gastronomische Renaissance der Potsdamer Straße in Tiergarten angekündigt, nun ist sie endlich da

Michael Schulz, Björn Swanson (Küchenchef) und Benjamin Becke (Sommelier) im Restaurant „Golvet“

Michael Schulz, Björn Swanson (Küchenchef) und Benjamin Becke (Sommelier) im Restaurant „Golvet“

Foto: Reto Klar

Die Eröffnung des "Golvet" Mitte Mai ist der neueste Meilenstein der Potsdamer Straße auf dem Weg zur Gourmetmeile. Zwar eröffneten dort nach der Fertigstellung des Potsdamer Platzes erstklassige Restaurants, aber der Sprung über das Wasser klappte viele Jahre nicht. Doch jetzt lebt auch im Teil zwischen Landwehrkanal und Kurfürstenstraße gehobene Gastronomie auf.

Im achten Stock liegt das "Golvet", dessen schwedischer Name Boden bedeutet. Zubereitet wird in einer offenen, schwarz umfliesten Küche. Gleich am Eingang empfängt die Gäste eine 13 Meter lange Bar. Im 100-Sitzplätze-Fine-Dining-Restaurant sorgen Messing, Eiche und karamellfarbene Ledersitze in einem reduzierten Ambiente für weltstädtisches Flair.

Auf zwei Dinge sollen sich die Gäste laut Betreiber Thorsten Schermall und Küchenchef Björn Swanson konzen­trieren: den grandiosen Blick über die Stadt und die fulminanten Gerichte des ehemaligen Sternekochs. Der hat mit Souschef Michael Schulz, den Bar-Spezialisten Thomas Altenberger, An­dreas Andricopoulos und Sommelier Benjamin Becker (ehemals "Eins­unternull") ein erstklassiges Team um sich versammelt. Nordisch inspirierte Gerichte wie Wildlachs in Nussbutter gebeizt mit Rhabarber-Begleitung, Rehrücken mit Zungensalat und Kreuzkümmeljus sowie Desserts wie Mojito-Eis mit Cheesecake sorgen für genussvolle Überraschungsmomente. Gelernt hat der gebürtiger Berliner Swanson übrigens im "Alten Zollhaus", anschließend war er Chef de Partie im Sternerestaurant "Fischers Fritz" und im "Facil".

Im Hotel "Hyatt" nebenan war lange Zeit Song Lee beschäftigt, neben dem "Vox" auch im ehemaligen "Mesa". Nach einem Abstecher ins koreanische Edelrestaurant "Dae Mon" ist er seit Anfang Januar Küchenchef der Berliner Dependance des dänischen Filialisten "Sticks'n'Sushi" an den Mercator Höfen. Hier begeben sich die Gäste in ein atemberaubend gestaltetes Ensemble auf zwei Ebenen. Ebenerdig öffnet sich ein hallenähnlicher Schankraum mit funktionalen Stühlen und Tischen, unterbrochen von gemütlichen Sofas. Die Farben werden vom Betongrau der schätzungsweise sechs Meter hohen Wand, dem Kreidegrau der Vorhänge und den erdigen Brauntönen der Möbel bestimmt. In der großen, offenen Küche arbeitet mehr als ein halbes Dutzend Köche. Ein Stockwerk darüber befindet sich eine Balustrade mit loungigem Ambiente. Geboten werden erstklassiges Sushi, Sashimi, exzellente Teriyaki-Gerichte und Sticks.

Doch nicht nur Neulinge bestimmen den Charme der Straße, auch alteingesessene Lokalitäten bieten in gemütlicher Atmosphäre geldbeutelschonende Speisen in beeindruckender Qualität. Etwa die "Joseph Roth Diele", in deren an eine Bibliothek erinnernden Schankraum sauber gekochte süddeutsche Gerichte auf der Karte stehen, fast alle unter zehn Euro. Dazu gibt es seit 15 Jahren Stullen aus selbst gebackenem Roggen-Weizen-Sauerteigbrot mit krachiger Kruste, dick bestrichen mit Mett, Schmalz, Käse, belegt mit Radieschen, für drei bis fünf Euro. Mittags serviert man jeweils zwei Gerichte, für kaum schlagbare 4,95 Euro.

Die "Brasserie Lumières" schräg gegenüber punktet mit tannengrünen Sitzbankbezügen, Bistrogestühl und vor allem: Lampen – als durchsichtige Glocken, milchig-flache Scheiben unter der Decke oder geschwungene Leuchter an den Wänden. Zu dem urbanen Ambiente gesellen sich bravourös gekochte französisch inspirierte Gerichte.

Um in das vor knapp einem Jahr eröffnete "Panama" zu gelangen, muss man sich auskennen. Keine Reklame weist auf dieses Kleinod am Ende von zwei Höfen hin. Dort eröffnet sich die Welt von Restaurantleiter und Sommelier Joshua Lange, ehemals "Katz Orange", und Chefköchin Sophia Rudolph, die zuvor im Sternerestaurant "Rutz" als Souschefin gearbeitet hat und Erfahrungen in französischen Sternerestaurants sammelte. Sie gibt deutschen Produkten einen internationalen Twist und begeistert mit Saibling-Tacos, Pulpo mit gegrilltem Butterkürbis und Salzzitrone, Ceviche vom Wolfsbarsch oder Salzwiesenlamm mit bunten, afrikanisch abgeschmeckten Linsen. Die 30-Jährige gilt zu Recht als heiße Anwärterin auf den Titel der Aufsteigerin bei den Berliner Meisterköchen 2017.

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