Tempelhof

Flüchtlingsheim in Hangars soll im Sommer schließen

Der Betreiber hat 20 Mitarbeitern gekündigt. Veranstalter wollen Entschädigung vom Senat für ausgefallene Events.

Flüchtlinge in einem Hangar des ehemaligen Flughafens Tempelhof

Flüchtlinge in einem Hangar des ehemaligen Flughafens Tempelhof

Foto: dpa Picture-Alliance / Rainer Jensen / picture alliance / dpa

Berlins umstrittenste Notunterkunft für Flüchtlinge soll Mitte des Jahres schließen. Die Betreiberfirma der Hangars am ehemaligen Flughafen Tempelhof, Tamaja, bereitet sich auf ein Ende ihrer Arbeit in der bisherigen Form vor. Nach Informationen der Berliner Morgenpost baut das Management bereits Personal ab, 20 Mitarbeitern wurde sogar gekündigt.

Schon seit sechs Monaten ziehen keine neuen Bewohner mehr in die Hangars, die der Senat vor zwei Jahren auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise zur größten Notunterkunft Berlins gemacht hatte. Die Kapazitäten sollten ursprünglich bis auf 4000 Plätze hochgefahren werden, erreicht wurden zu Hochzeiten 2500 Bewohner. Momentan leben nach Angaben des Landesamtes für Flüchtlingsangelegenheiten (LAF) noch etwas mehr als 600 Menschen in den Hangars. Sie schlafen in Leichtbaukabinen ohne Dach. Tamaja-Chef Michael Elias hatte von Anfang an gewarnt, dass diese Form der Unterbringung keine Dauerlösung sein könne. Dennoch wohnen viele Flüchtlinge seit 15 Monaten dort.

Die niedrige Belegung, verbunden mit der für viel mehr Menschen ausgelegten Infrastruktur und die immer noch 140 Mitarbeiter machen Tempelhof pro Bewohner extrem teuer, räumt auch der Tamaja-Geschäftsführer ein. Die Firma bekommt nicht – wie die meisten Flüchtlingsheimbetreiber – einen Tagessatz pro Kopf, sondern das LAF erstattet nach Abrechnung die angefallenen Kosten.

Jede Nacht bis zu 100 Plätze für Obdachlose

Um die Kapazitäten besser auszunutzen, stellt die Sozialverwaltung im Rahmen der Kältehilfe jede Nacht bis zu 100 Plätze für Obdachlose im Hangar 2 bereit. Das Angebot werde regelmäßig von 50 bis 60 Wohnungslosen genutzt, heißt es im Haus von Sozialsenatorin Elke Breitenbach (Linke). Positiv sei, dass sich die Menschen dort auch duschen könnten und mit Essen versorgt würden.

Das Land plant jedoch, die meisten der Flugzeughallen auch nach dem Auszug der Dauerbewohner für Flüchtlinge zu nutzen. Hier ist das Ankunftszentrum angesiedelt, in dem neue Asylbewerber die ersten Tage übernachten sollen. Derzeit kommen täglich zwischen 20 und 50 Personen in Berlin an. In diesem Jahr wurden bis zum 10. Fe­bruar knapp 1000 neue Flüchtlinge registriert. Zwei der Hangars sollen als Reserve-Notunterkunft vorgehalten werden, falls die Flüchtlingszahlen wieder ansteigen sollten.

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Zwei Veranstalter bekommen 550.000 Euro

Die Nutzung von Tempelhof als Massenunterkunft hat aber auch auf einer anderen Ebene hohe Kosten verursacht. Auf dem Rollfeld steht die ehemalige Blumenhalle. Der Senat hatte sie vor anderthalb Jahren eilig für knapp zwei Millionen Euro angekauft. Der Leichtbau erwies sich aber als unbrauchbar, sowohl als Unterkunft als auch als Aufenthalts- und Spielraum.

Und schließlich musste die Stadt erhebliche Summen aufbringen, um Organisatoren von Veranstaltungen zu entschädigen, die nicht in Tempelhof stattfinden konnten, nachdem der Senat das Gebäude kurzfristig per Polizeirecht requiriert hatte.

Die landeseigene Tempelhof Projekt GmbH zahlt 550.000 Euro an Regressforderungen wegen abgesagter Veranstaltungen und Kongresse durch die Flüchtlingsunterbringung in den Hangars. Das geht aus einem Bericht des Stadtentwicklungsressorts an das Parlament hervor. Demnach hat Berlin 325.000 Euro an die Jobmesse Connecticum gezahlt. Die Messe hatte fast 480.000 Euro gefordert, weil sie nicht auf dem Gelände des ehemaligen Flughafens stattfinden konnte. Am Ende einigten sich die Beteiligten auf einen Vergleich. In diesem Jahr findet die Messe in der Arena in Treptow statt.

Im Einvernehmen erfolgte auch die Einigung mit dem Deutschen Pflegetag, der 225.000 Euro fordert. Nach Angaben der Verwaltung ist die Überweisung des Betrages allerdings noch nicht erfolgt, das soll aber zeitnah geschehen.

SCC fordert 1,9 Millionen Euro Schadenersatz

Unklar ist dagegen, wie es mit den Forderungen des SCC weitergeht. Der SCC veranstaltet die Sportmesse Vital rund um den Marathon und den Halbmarathon, die ebenfalls wegen der Flüchtlingsbelegung der Hangars verlegt werden musste. Der SCC forderte 1,9 Millionen Euro Schadenersatz. "Die Schadenersatzpflicht ist dem Grunde nach unstreitig, da das Land Berlin den abgeschlossenen Veranstaltungsvertrag nicht erfüllt hat", heißt es in dem Bericht.

Allerdings hält die Tempelhof Projekt GmbH die Forderung für nicht ausreichend begründet. Deswegen hat Tempelhof Projekt das Ansinnen abgelehnt. "Wir können ja nur begründete Forderungen erfüllen", sagt Tempelhof-Projekt-Geschäftsführer Holger Lippmann. Der SCC habe nicht wie die anderen Vertragspartner die Forderungen belegt und Zahlungsvorschläge unterbreitet. "Seit zwei Monaten gibt es dazu keine Kommunikation mehr mit dem SCC", sagt Lippmann. "Deshalb können wir derzeit nicht an einem Vergleich arbeiten."

Der SCC wollte sich auf Anfrage nicht dazu äußern. Inzwischen hat der Verein einen Vertrag mit dem Land abgeschlossen, wonach die Sportmesse für zwei Jahre in der Station Berlin am Gleisdreieck stattfindet.

Mögliche weitere Schadenersatzforderungen können dem Bericht zufolge durch die Modemesse Bread & Butter und des Musikfestivals Lollapalooza auf die Tempelhof Projekt zukommen.

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