Yorckstraße

Alt-Berliner Kneipe kann bleiben - Haus unter Denkmalschutz

Das Gebäude von 1905 neben dem S-Bahnhof Yorckstraße ist ab jetzt unter Schutz gestellt. Damit ist auch die Kneipe „Zum Umsteiger“ gerettet. In der Umgebung sollen dennoch neue Wohnungen entstehen.

Foto: Massimo Rodari

Michaela Sens, 70, und ihr Mann Hans-Werner, 62, sind erleichtert: Das Haus an der Yorckstraße 56A in Schöneberg, in dem sie seit fast zehn Jahren die Alt-Berliner Kneipe „Zum Umsteiger“ betreiben, bleibt erhalten.

Das Landesdenkmalamt hat das 1905 errichtete Gebäude gleich neben dem Eingangsgebäude zum S-Bahnhof unter Schutz gestellt. Das Bahnhofsgebäude der ehemaligen Anhalter Vorortbahn gleich nebenan ist bereits geschützt. Jetzt steht auch der schmale Bau mit den dunklen Backsteinen, in dem sich neben der Alt-Berliner-Kneipe auch noch zwei Wohnungen befinden, unter Denkmalschutz.

Abrisspläne des Grundstückseigentümers sind damit erst einmal vom Tisch. „Das ist erfreulich, denn bei allen anstehenden Veränderungen dort in der Gegend wollen wir die historisch wertvolle Substanz, zu denen auch die bereits denkmalgeschützten Yorckbrücken zählen, erhalten“, bestätigte die Stadtentwicklungsstadträtin von Tempelhof-Schöneberg, Sibyll Klotz (Grüne), die Entscheidung des Landesdenkmalamtes. Das ehemalige Restaurations- und Wohngebäude, das immer als solches genutzt wurde, stammt von den Architekten Klitscher & Afdring.

Neuer Eigentümer will 250 Wohnungen bauen

Für Hauseigentümer Karl-Heinz Mühlenhaupt, 65, ist die Entscheidung voraussichtlich von Vorteil. Ihm gehören zwar die drei Häuser an der Yorckstraße – das jetzt denkmalgeschützte Gebäude, in dem sich der Umsteiger befindet, das benachbarte Einfamilienhaus, zu dem eine hohe, steile Treppe führt und in dem er selbst wohnt, sowie das Haus mit dem Imbiss an der Straße.

Er hatte die Häuser, wie er berichtet, noch zu Reichsbahnzeiten gekauft. Doch Grund und Boden wurden von der Bahn an jemand anderen verkauft. Und dieser Eigentümer hat ihm bereits das Pachtverhältnis gekündigt.

„Die Schröder GmbH, bei der der Eigentümer des gegenüberliegenden Baumarktes Miteigentümer sein soll, will, dass ich die Häuser räume, und hat im Januar Klage eingereicht. Ich soll die Häuser abreißen. Er will hier und entlang der Bautzener Straße rund 250 Wohnungen bauen“, berichtet Mühlenhaupt. Sein Wohnhaus, in dem er seit 25 Jahren lebt, wurde allerdings nicht unter Denkmalschutz gestellt, nur das Gebäude mit dem Restaurationsbetrieb „Zum Umsteiger“.

Berlinweit sind rund 12.000 Objekte denkmalgeschützt

Fast 750 Einträge verzeichnet die Denkmalschutz-Liste allein für Tempelhof-Schöneberg. Darunter sind auch Gebäudeensembles und Gartendenkmäler. Berlinweit sind rund 12.000 Objekte denkmalgeschützt. So wurde beispielsweise das Landhaus Buhr in Lichtenrade in die Liste aufgenommen und jetzt als jüngstes Beispiel das Haus mit der Kneipe „Zum Umsteiger“.

Die Bezirksverordneten hatten noch zu Zeiten von Baustadtrat Bernd Krömer (CDU) beschlossen, dass sich das Bezirksamt beim Landesdenkmalamt für den Schutz des alten Hauses einsetzen soll, damit es „auf keinen Fall während zukünftig erfolgender Bautätigkeiten abgerissen werden kann“. Bernd Krömers Nachfolgerin Sibyll Klotz fragte angesichts der aktuellen Baupläne vor einigen Monaten nach.

An der sogenannten Bautzener Brache, der ehemaligen Eisenbahnfläche, auf der viele Jahre Autohandel betrieben wurde, sollen neue Wohnungen entstehen. Noch gibt es kein Baurecht. Zusammen mit dem Bezirk wird seit anderthalb Jahren an einem Bebauungsplan gearbeitet. Nach einem Beschluss der Bezirksverordneten soll der Investor sich verpflichten, nicht nur Eigentumswohnungen, sondern auch 80 Prozent Mietwohnungen zu bauen. „Und zwar auch kleine bis maximal 55 Quadratmeter und bezahlbare“, sagt Stadträtin Klotz. Der Investor wolle die Betriebskosten auch mit innovativen technischen und ökologischen Maßnahmen niedrig halten.

Kneipe mit Tradition und „Verlobungsbänkchen“

In ihrem Beschluss empfehlen die Bezirksverordneten auch, dass mindestens 20 Prozent der Wohnungen für einen Zeitraum von fünf Jahren für Mieter mit Wohnberechtigungsschein vergeben werden. Der Bauherr soll außerdem eine Grünfläche errichten. Auch einen Zugang zur S-Bahn aus Höhe der Großgörschenstraße soll er ermöglichen. Und auf der Brücke Nummer 5 soll er ein öffentliches Wegerecht vom Gleisdreieckpark auf den geplanten Nord-Süd-Grünzug im Schöneberger Gebiet einräumen.

2004 hatten die Sens den „Umsteiger“ vom Vorbesitzer übernommen. Über zu wenig Kundschaft in ihrer mit dem Charme der späten 60er- und frühen 70er-Jahre eingerichteten Kneipe können sie sich trotz der etwas düsteren Lage an den Yorckbrücken nicht beklagen: „Wir haben hier jede Menge Touristen als Gäste, viele Italiener, aber auch Schweden. Und die Berliner kommen von überall her. Wegen der guten S-Bahn-Anbindung besuchen uns auch Spandauer und Lichtenrader, die aus der S 2 aussteigen, um hier ihr Bierchen zu trinken. Sie sagen immer, wir sind die erste Kneipe in Lichtenrade“, sagt Sens. Vor ihrer Zeit als Kneipenwirte arbeiteten die Sens 30 Jahre lang in München, doch dann zog es das Paar in die Heimatstadt Berlin zurück.

Heute sind die beiden stolz darauf, im Umsteiger die Alt-Berliner Kneipenkultur zu pflegen. „Uns sucht der Arbeiter genauso auf wie der Professor“, sagen sie stolz. Gerade einmal fünf Tische bietet der 50 Quadratmeter große Gastraum. Der begehrteste Platz ist übrigens das „Verlobungsbänkchen“. Dort haben zwei Personen Platz.

Foto: Massimo Rodari

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