Bestatter

Der tägliche Umgang mit dem Tod

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Claudia Weingärtner

Tote waschen, Trauernde trösten, Beerdigungen organisieren. Hört sich an, als gehörten diese Tätigkeiten nicht gerade zu einem Traumjob. Offensichtlich doch: Lehrstellen bei Bestattungsunternehmen scheinen beliebt wie nie.

Deutschlands größter Betrieb in der Branche verzeichnete jedenfalls in diesem Jahr einen absoluten Bewerberrekord: Knapp 1000 junge Menschen bewarben sich bei der Aktiengesellschaft Ahorn-Grieneisen, die ihren Sitz in Charlottenburg hat. 20 davon beginnen am Mittwoch ihre Ausbildung, zehn in Berlin. Eine von ihnen ist die 19-jährige Eileen Dreger.

Die Abiturientin hat rotblonde Locken, ist zierlich und hat ein Puppengesicht. Wenn Tim Jütz, Ausbilder bei Ahorn-Grieneisen, Worte wie diese hört oder liest, kann er sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. Dieses Klischee, dass Mädels wie Eileen Büro- oder Bankkauffrau werden, sei doch wirklich keine Realität mehr. „Wir haben das Vorurteil, dass Bestatter alt und schrumpelig sind, in den letzten Jahren eigentlich schon ganz gut abbauen können.“

Immerhin bildet der Betrieb aus, seitdem der Ausbildungsberuf vor vier Jahren geschaffen wurde. „Wegen des demografischen Wandels gibt es enormen Bedarf“, sagt Jütz. Außerdem seien die Bedürfnisse der „Kunden“ anspruchsvoller geworden. „Viele geben sich mit einer normalen Bestattung nicht mehr zufrieden.“ So sei es keine Seltenheit mehr, die Asche von einem Ballon aus über der holländischen Küste zu verstreuen. „Und wenn jemand samt Angelausrüstung oder Harley begraben werden will, müssen wir das eben ermöglichen.“

Diese Abwechslung findet Eileen spannend. Der tägliche Umgang mit dem Tod scheint ihr wenig auszumachen: „Sterben ist doch etwas ganz natürliches.“ Eigentlich wollte das Mädchen aus Lichterfelde Psychologie studieren. Aber als Bestatterin könne sie ebenso für Menschen da sein – für die Angehörigen der Verstorbenen. „Der Umgang mit Menschen in Extremsituationen reizt mich total“, sagt sie, und dabei wirkt sie reifer als eine 19-Jährige.

Reife, das ist eine der Grundvoraussetzungen für die Bewerber. „Viele kommen direkt von der Schule, da ist Sozialkompetenz nicht selbstverständlich“, sagt Jütz. In Eignungstests, Rollenspielen und Gesprächen wird geprüft, wer von den Bewerbern in der Lage ist, trauernden Kunden kompetent gegenüber zu treten.

Denn der psychologische Beistand sei für Hinterbliebene mindestens so wichtig wie die Beratung zu Sarg und Trauerfeier. Während der dreijährigen Ausbildung, für die es im ersten Lehrjahr 462 Euro gibt, lernen die Lehrlinge sämtliche Bereiche des Unternehmens kennen: das Marketing, die Druckerei und den Fuhrpark zum Beispiel. In der Berufsschule gibt's Theorie in Friedhofs- und Unternehmensstrukturen. Wichtig ist in der Berufspraxis aber vor allem die sogenannte Verstorbenenversorgung. Heißt: Leichen waschen und sie bekleiden.

Ekel empfindet Eileen dabei nicht. Die Abiturientin hat in einem Praktikum bereits mehrmals Tote gesehen – und sie sogar berührt. „Ich konnte das mit Abstand betrachten“, sagt sie. Dass eben das wichtig ist, kann Ausbilder Jütz gar nicht oft genug betonen. „Nur wer zu Hause abschalten kann, ist geeignet.“ Andererseits sei der Job im Freundeskreis oft ein großes Thema: „Die meisten sind neugierig“, erklärt Jütz. Schlechte Erfahrungen, etwa dass sich jemand ekele, habe der 36-Jährige in zehn Jahren Berufserfahrung nicht gemacht.

Ahorn-Grieneisen (bundesweit 1200 Mitarbeiter) bildet für den Eigenbedarf aus. Doch nicht nur das Unternehmen aus Charlottenburg, sondern die ganze Branche wächst: „In der Hauptstadt gibt es rund 130 Bestatter, Tendenz steigend“, sagt Stephan Hadraschek vom Verband Deutscher Bestatterunternehmen (VDB). 30 Jugendliche werden in Berlin zur Bestattungsfachkraft ausgebildet, deutschlandweit rund 360. Ein Job mit Zukunft, verspricht Hadraschek. „Bestatter sind unverzichtbar – der Job ist unsterblich.“