Sanierung

Viele Religionen, eine Kirche und keine Sanierung

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Katrin Lange
Rot-weißes-Flatterband sichert den kaputten Eingangsbereich der Kirche. Jost Rückeis (r.) und Adrian Grasse (CDU) wollen die Sanierung voranbringen.

Rot-weißes-Flatterband sichert den kaputten Eingangsbereich der Kirche. Jost Rückeis (r.) und Adrian Grasse (CDU) wollen die Sanierung voranbringen.

Foto: Katrin Lange / Berliner Morgenpost

Die All Saints Church in Zehlendorf muss grundsaniert werden. Mehr als fünf Millionen Euro wird das kosten. Wer übernimmt die Arbeiten?

Berlin.  Als vor zehn Jahren die ersten Pläne für das „House of One“ gemacht wurden, das in Berlins Mitte eine Kirche, eine Moschee und eine Synagoge unter einem Dach vereinen soll, begann das allererste „House of One“ in der Stadt bereits zu bröckeln. Die All Saints Church am Hüttenweg wurde 1957 von der US-Armee als „House of Tolerance“ eröffnet. Auch dort sind mehrere Religionen vereint: zunächst waren es die katholische, protestantische und jüdische Glaubensgemeinschaft, heute sind es Katholiken, Protestanten und Baptisten. Nach dem Abzug der Alliierten kam das Haus ins Vermögen des Bezirks Steglitz-Zehlendorf.

Doch die denkmalgeschützte Kirche mit dem 25 Meter hohen Turm und der einmaligen Geschichte wurde in den vergangenen 65 Jahren nie generalüberholt. Besonders in den vergangen fünf Jahren habe sich ihr Zustand massiv verschlechtert, sagt Jost Rückeis, Bauingenieur und im Vorstand des Vereins „Friends of All Saints“. Eine Grundsanierung sei deshalb dringend notwendig. Das Problem: Der Verein würde sich darum kümmern, aber er hat nicht einmal einen Mietvertrag. „Wir sind hier lediglich geduldete Nutzer“, so Rückeis. Das sei keine Grundlage, um in die Zukunft zu investieren.

Bis heute gibt es keinen neuen Mietvertrag

Das war nicht immer so. Im Jahr 2014 zog die jüdische Gemeinde aus, weil sie ihre Gottesdienste nicht mehr im Mehrzweckraum der Kirche abhalten wollten. Sie hätten gern an- oder umgebaut. Doch das war nicht möglich. Zuvor sollte der Mietvertrag zwischen dem Bezirk Steglitz-Zehlendorf und der Gemeinde neu verhandelt werden. Nur eine Religionsgemeinschaft sollte wieder Hauptmieter werden. Bislang waren es immer die Katholiken, jetzt meldete auch die jüdische Gemeinschaft ihr Interesse an. In dieser Situation kündigte der Bezirk als Eigentümer vor acht Jahren den Mietvertrag. Bis heute wurde kein neuer Vertrag, ob zur Pacht oder zur Miete, aufgesetzt.

„Eigentum verpflichtet, die Kirche darf nicht weiter verfallen“, sagt Adrian Grasse (CDU), Wahlkreisabgeordneter von Dahlem und Zehlendorf. Es herrsche Konsens darüber, dass alle weiterhin eine kirchliche Nutzung befürworten. Doch der Bezirk könne die Sanierung gar nicht leisten, weder fachlich noch finanziell.

Für Grasse gibt es zwei Möglichkeiten: Der Bezirk gibt das Bauwerk an die landeseigene Berliner Immobilienmanagement GmbH (BIM) ab, „wo die Experten sitzen“. Oder der Verein bekommt endlich einen langfristigen Mietvertrag und kann dann die Sanierung angehen.

Dach, Fassade, Heizung und Elektrik müssen neu gemacht werden

„Wir müssen so schnell wie möglich handeln“, sagt Jost Rückeis. Er hat im April 2022 einen „Bautechnischen Zustandsbericht“ erstellt und dem Bezirksamt übergeben. Mehr als fünf Millionen Euro müssten investiert werden, um alle Schäden zu beseitigen. Dach, Fassade, Heizung und Elektrik müssen gemacht werden – alles in Abstimmung mit dem Denkmalschutz. Vor dem Eingang der Kirche wurden die Platten durch Frostschäden zerstört und mussten abgenommen werden. Rot-weißes-Flatterband schützt jetzt den Bereich, denn es muss erst neues Fundament gegossen werden, bevor Platten aufgebracht werden.

Jost Rückeis zeigt auf die Risse in tragenden Betonstützen, Türen, die nicht mehr richtig schließen, Wasserschäden am Werkstein der Fassade. Im Kirchenschiff ist der Fußboden aufgeplatzt, am Glockenturm sind Stahl-Profile verrostet. „Wenn erst Wasser in das Gebäude eindringt, ist es verloren“, warnt Rückeis. In ein paar Jahren, wenn sich der Zustand weiterhin verschlechtert habe, könne es die Gemeinde nicht mehr stemmen.

Doch um überhaupt Fördergelder beantragen zu können, zum Beispiel Lottomittel oder Gelder der Stiftung Denkmalschutz, „brauchen wir ein klares Mandat, einen Miet- oder Pachtvertrag“, sagt der Bauingenieur. Der sei die Basis für die Beantragung. Der Verein habe ein Interesse an einem langfristigen Mietvertrag oder auch an einem Erbbaupachtvertrag. Das gäbe ihnen die Sicherheit, über Jahrzehnte das Gemeindeleben weiterbetreiben zu können.

Bezirksamt will sich im Dezember dazu äußern

Gespräche mit dem Bezirksamt hat es bereits gegeben. „Dem Bezirk ist daran gelegen, dass die Hüttenwegkirche weiterhin als interreligiöses und interkulturelles Zentrum genutzt werden kann“, sagt Bezirksbürgermeisterin Maren Schellenberg (Grüne) auf Anfrage am Mittwoch. Das Amt sei intensiv dabei, eine Form der Überlassung zu finden, die es den Gemeinden ermöglicht, auch die dringenden Sanierungsmaßnahmen durchzuführen. Dies könnte zum Beispiel der Abschluss eines Erbpachtvertrages mit einer noch von den Gemeinden gemeinsam zu gründenden rechtsfähigen Konstruktion sein.

Ergebnisse der Prüfung sollen am Jahresende vorliegen. Doch der Gemeinde läuft die Zeit davon. Sie wollen anfangen, Spenden- und Fördergelder einzuwerben. „Diese Kirche widerspiegelt den gemeinsamen Aufbau einer friedlichen Zusammenarbeit“, sagt Jost Rückeis. Das sei auch seine Motivation, sich so dafür einzusetzen. Die Kirche sei ein Spiegelbild der amerikanischen Lebensweise: ein offenes Haus, das jeder besuchen kann.

Entlang des Hüttenwegs war nach dem Zweiten Weltkrieg eine US-Siedlung mit Wohn- und Versorgungsbauten entstanden. Viele amerikanische Familienmitglieder kamen nach Deutschland, sie brauchten eine Kirche. Der Bau wurde ein deutsch-amerikanisches Gemeinschaftsprojekt. Da die Kirche die gesamte amerikanische Gemeinde zu betreuen hatte, die auch über die südwestlichen Vororte verteilt waren, war der 1957 eingeweihte Bau eine Simultankirche für alle amerikanischen Glaubensrichtungen – die evangelische, katholische und jüdische Konfession.

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