Denkmalschutz

Zwei Preise für das Studentendorf Schlachtensee

Der Deutsche Preis für Denkmalschutz 2020 geht an die Genossenschaft und den Architekten für ihren Einsatz beim Erhalt des Dorfes.

Das Gemeinschaftshaus muss noch saniert werden. Im Klubhaus 14 spielt aber seit Anfang Oktober wieder Live-Musik.

Das Gemeinschaftshaus muss noch saniert werden. Im Klubhaus 14 spielt aber seit Anfang Oktober wieder Live-Musik.

Foto: Maurizio Gambarini / FUNKE Foto Services

Das Mauerwerk dünn, die Fenster durchgerostet, knappe Grundrisse und farblose Wände – so fand Architekt Winfried Brenne die Gebäude im Studentendorf Schlachtensee vor. Trotz der vor 60 Jahren sparsam eingesetzten Baumaterialien, schwärmt er heute noch. Von der intelligenten Gliederung mit zentralen Gemeinschaftsräumen, von der Idee des sozialen Miteinanders und „einem Stück gebauter Demokratie“. Es sei faszinierend, die Gebäude, die funktional nicht mehr auf der Höhe der Zeit sind, zu entwickeln und zukunftsfähig zu machen, sagt Brenne.

Seit fünf Jahren wird das Studentendorf unter seiner Leitung saniert. Für sein Engagement und sein herausragendes Lebenswerk wird der Experte für Bauten der Klassischen Moderne mit dem Deutschen Preis für Denkmalschutz 2020 ausgezeichnet. Er erhält den diesjährigen Karl-Friedrich-Schinkel-Ring, der vom Deutschen Nationalkomitee für Denkmalschutz vergeben wird. So sei es unter anderen auch sein Verdienst, dass die Unesco 2006 sechs Berliner Siedlungen auf die Welterbe-Liste gesetzt habe, heißt es aus der Senatskulturverwaltung.

Preis auch für die Genossenschaft

Ebenfalls geehrt wird die Genossenschaft Studentendorf Schlachtensee für ihren langjährigen Einsatz für den Erhalt des Bauensembles aus den 1950er-Jahren. „Es ist allein der Genossenschaft, die sich 2002 aus Studierenden und Befürwortern gegründet hatte und das Studentendorf 2003 vom Land erwarb, zu verdanken, dass das denkmalgeschützte Ensemble behutsam modernisiert und saniert werden konnte“, so die Begründung für die Auszeichnung.

Die Preise werden am 23. November im Berlin Congress Center (bcc) verliehen. „Die beiden Preisträger haben die Auszeichnung mehr als verdient“, sagt Landeskonservator Christoph Rauhut. Berlin als Stadt der Moderne profitiere in vieler Hinsicht von ihren Leistungen. „Wir können uns glücklich schätzen, dass es solche Denkmal-Enthusiasten gibt“, so der Landeskonservator.

So vielfältig wie ein richtiges Dorf

Winfried Brenne steht bei einem Treffen am Vormittag auf dem gepflasterten Dorfplatz. Dort gibt es ein Rathaus, davor einen Teich, ein Gemeinschaftshaus mit einem Fußballkicker am Eingang. Rundherum sind Häuser, in denen die Studenten wohnen. „Es ist so vielfältig wie ein richtiges Dorf“, sagt der Architekt. Doch das Studentendorf sei für ihn auch Zeitgeschichte, die bewahrt werden müsse. Und das gehe nur mit persönlichem Engagement und einem Bauherren, wie der Genossenschaft, die mit demselben Spaß die Erneuerung des Dorfes vorantreibe.

Wie können die Grundrisse neu geordnet und den heutigen Wohnverhältnisse angepasst werden? Das war die Aufgabe, die es zu lösen galt. „Eine einfache Architektur ist sehr komplex, wenn man sie in die Moderne holen will“, sagt der Spezialist für denkmalgerechte Instandsetzung.

Lüftungsanlage ist im Regal versteckt

Entstanden sind mehr und größere Gemeinschaftsbereiche, die sich jetzt weniger Studenten teilen. „Das soziale Miteinander funktioniert besser in kleinen Gruppen“, sagt der Architekt. Zimmer wurden zusammengelegt zu größeren oder Doppelzimmern. Es gibt aber immer noch die neun Quadratmeter kleinen „Buden“. Jedes Zimmer ist mit Tisch, Regal, Bett und Schrank ausgestattet, und doch ist jedes anders.

Sie unterscheiden sich in Details, wie der Farbe oder der Position der Möbel. Erneuert wurden die Fenster, im Regal versteckt sich jetzt eine Be- und Entlüftungsanlage, die jeder Student individuell steuern kann. Auf die Wände wurde Dämmmaterial und mineralischer Putz aufgebracht.

Robust, langlebig und recycelbar sollten die verwendeten Baustoffe sein, so Brenne. Bei den Sanierungsarbeiten sei man immer wieder auf kontaminierte Materialien gestoßen. Küchen und Sanitärbereiche wurden erneuert, zum Schluss bekamen Räume und Flure noch ihre originalen Farben wieder. Der Energiebedarf beträgt heute nur noch 60 Prozent im Vergleich zum Verbrauch vor dem Umbau.

Live-Musik im Klubhaus 14

Noch ist die Sanierung nicht abgeschlossen. Das Gemeinschaftshaus muss zum Beispiel noch gemacht werden. Dort soll es wieder ein Café und ein Restaurant geben. In Betrieb sind der Waschsalon und die „Muckibude“. Auch das Klubhaus 14, das sich darin befindet, ging Anfang Oktober mit einem neuen Konzept an den Start. Dreimal in der Woche wird Live-Musik in Kooperation mit der Kulturgenossenschaft der Kammerspiele in Kleinmachnow gespielt. Dazu gibt es deutsche Tapas.

Die Pläne der Genossenschaft Studentendorf Schlachtensee und von Winfried Brenne reichen aber noch weiter in die Zukunft. Ein Neubau ist geplant mit etwa 70 bis 80 Zimmern, „denn je mehr Personen sich die Gemeinschaftseinrichtungen teilen, desto tragfähiger ist das Konzept“, so der Architekt. Außerdem sind die 930 Plätze im Dorf an der Wasgenstraße ausgebucht, die Nachfrage für die Zimmer, die zwischen 270 und 460 Euro kosten, groß.

Zweimal sollte das Studentendorf abgerissen werden

Das Studentendorf Schlachtensee wurde ab 1959 mit der Förderung der amerikanischen Regierung und der Henry-Ford-Stiftung in drei Bauabschnitten errichtet. 28 Häuser entstanden insgesamt. Vollendet wurde die Anlage Mitte der 70er-Jahre mit vier fünfgeschossigen Wohngemeinschaftshäusern. Seit 2006 gehört das Quartier zu den Kulturdenkmalen von nationalem Rang.

Zweimal gab es Pläne, das Studentendorf abzureißen, die Studenten wehrten sich in den Jahren 1990 bis 1991 und 1999 bis 2002 erfolgreich dagegen. Die Abrissdiskussion wurde mit der Gründung einer Genossenschaft beendet. Die Erneuerung des Studentendorfes wird voraussichtlich im Jahr 2023 abgeschlossen sein.